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„Dass nicht geschossen wurde, war schon ein halbes Wunder.“

UlrichSchwartz

 

REPORTER ULRICH SCHWARZ ÜBER DIE ANGST AM 9. OKTOBER. UND DARÜBER, WIE ER VERBOTENE BILDER NACH WEST-BERLIN SCHMUGGELTE UND OB MAN ALS KORRESPONDENT IN DER DDR UNPARTEIISCH BLEIBEN KONNTE.

 

Ulrich Schwarz, 1985-1989 SPIEGEL-Korrespondent in Ost-Berlin. Er bringt die Filmaufnahmen nach der Demonstration nach West-Berlin zum damaligen Sender Freies Berlin. Dort werden sie von Roland Jahn in Empfang genommen – und sogleich zu den ARD-Tagesthemen nach Hamburg überspielt. Ich treffe Ulrich Schwarz im Gebäude des damaligen SFB – und heutigen rbb. Die Geschichte jenes 9. Oktober 1989 berührt ihn immer noch sichtlich.

 

 

Herr Schwarz, ich zitiere mal aus einem Leserbrief, den die Leipziger Volkszeitung vor dem 9. Oktober 1989 mit Blick auf die Montagsdemonstrationen abgedruckt hatte: 
„Wir sind bereit und willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene, wirksam zu schützen um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muss mit der Waffe in der Hand.“ Was glaubten Sie, würde am 9. Oktober bei der Demonstration in Leipzig passieren?

 

Ich hatte eigentlich nur ein Bauchgefühl. Es hatte sich schon eine Woche vorher rumgesprochen, zumindest in der Szene in der DDR, dass in Leipzig was passieren könnte. Und daraufhin habe ich beschlossen: Ich fahre nach Leipzig, egal ob ich darf oder nicht.

 

Das Außenministerium hatte ein paar Tage vorher die Westkorrespondenten angerufen, per Rundruf, und denen verboten nach Leipzig zu fahren. Dann habe ich beschlossen, gut, dann fährst du halt eben nicht mit dem Auto hin, da kommst du sicher nicht durch.
 Wir hatte ja diese eigenen Autonummern für Korrespondenten.

 

So habe ich mein Auto am Flughafen in Schönefeld abgestellt. Ich dachte, da steht es unverdächtig und bin dann von dort aus mit dem Zug gefahren nach Leipzig. Ich hatte ein Bauchgefühl, dies könnte ein Tag sein, der für die Zukunft der DDR entscheidend sein würde.

 

Sie waren der einzige West-Journalist, der in der Stadt war?

 

Also so weit ich weiß ja. Ich habe es nie verstanden, muss ich ehrlich sagen.

 

Kannten Sie Schefke und Radomski vorher schon? Hatten sie sich verabredet? Wie hat sich das genau abgespielt?

 

Dass wir uns in Leipzig getroffen haben war reiner Zufall. Radomski kannte ich kaum, aber Siggi Schefke kannte ich da seit ein paar Monaten. Wie man sich halt kennenlernte, wenn man in der DDR unterwegs ist und Informationen braucht. Das war ja immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ich hab mich meinerseits immer revanchiert, indem ich für die Leute mit denen ich Umgang hatte, dann Sachen transportiert habe…

 

Was haben sie denn transportiert?

 

Na vor allem den SPIEGEL oder andere Schriften. Ich hatte auch Kontakte nach Leipzig zu einer Gruppe, die brachten mir alle paar Wochen eine Liste mit Büchern, die sie haben wollten. Die hab ich dann besorgt und die haben die dann mitgenommen. Und wenn ich dann in Leipzig war, habe ich sie besucht und sie haben mir alle Sachen aus Leipzig berichtet.

So lief eigentlich das Korrespondentengewerbe in der DDR.
 Man erfuhr ja sonst nichts. Die DDR selber war, was die Korrespondenten anging, zugeschlossen wie eine Auster. Sie gaben nichts weiter. Man hatte auch keinerlei offizielle Kontakte zu SED-Funktionären, maximal inoffizielle. Also musste man seine Informationen immer woanders suchen. Viel bei den Bürgerrechtlern, viel bei der evangelischen Kirche.

 

Wussten sie, dass Schefke und Radomski in Leipzig filmen würden am 9. Oktober?

 

Ich wusste gar nicht, dass sie in Leipzig waren. Ich bin ausgestiegen am Bahnhof und durch die Stadt gelaufen und natürlich zur Nikolaikirche gegangen, weil ich dachte: da ist heute Abend der Gottesdienst und wenn was passiert, dann geht es da los.

 

Da hab ich auch Siggi Schefke getroffen. Der hat aber immer noch nicht gesagt, was sie vorhatten – zu Recht nicht.
 Wir uns nur verabredet und gesagt, wenn die Veranstaltung vorbei ist, treffen wir uns im Devisenhotel Mercur. Denn da wusste ich, da behindern sie dich nicht, sondern wenn man da als Wessi hinkommt, sind sie froh. Wir sind dann später da essen gegangen. Da hatten sie natürlich auch die Kassette inzwischen dabei. Und dann haben wir beschlossen, wir fahren mit deren Trabbi nachhause.

 

Der ganze Abend hätte natürlich ganz anders verlaufen können.
 Dass nicht geschossen wurde, war eigentlich schon ein halbes Wunder. Ich habe den beiden gesagt, ich nehme die Kassette an mich und wenn wir angehalten werden unterwegs, ist es meine Kassette und nicht Eure.
 Denn mich hätten sie zwar deswegen auch versucht zu belangen, aber mich hätten sie nur rausgeworfen, nicht verhaftet. Wie der Kollege Bölsch im SPIEGEL dann später geschrieben hat, hätte ich die Aufnahmen dann in der Unterhose außer Landes gebracht. Daran hab ich aber keine Erinnerungen mehr, muss ich ehrlich sagen.

 

So was vergisst man doch nicht?!

 

Ach doch… an solchen Tagen wie dem in Leipzig, wo nichts geplant ist, wo nichts planbar ist, wo sie aber damit rechnen müssen, dass es am Ende des Tages Tote gibt oder eine Revolution, da vergessen Sie solche Kleinigkeiten nachher.

 

Hatten sie mit Toten gerechnet? Mit der Gefahr, dass die Lage eskaliert?

 

Ja, das hatte ich.

 

Was glauben sie warum es am 9. Oktober 1989 friedlich geblieben ist in Leipzig?

 

Nach der Demonstration bildeten sich da oben auf dem Ring in Leipzig so Gruppen. Und zwar zusammen mit Offizieren der Sicherheitskräfte. Ich kann mich an einen Betriebs-Kampfgruppenleiter erinnern. Den haben dann Demonstranten gefragt: ‚Und, warum habt ihr nicht geschossen?‘ Und dann hat der gesagt, das hat mir ungeheuer imponiert – mich bewegt das heute noch – da hat er gesagt, was hätten wir denn machen sollen? Es waren doch unsere eigenen Kinder.

 

Wie groß war eigentlich das Risiko für Schefke und Radomski, diese Aufnahmen zu machen?

 

Das sind eigentlich die wahren Helden von Leipzig. Was die riskiert haben… also wenn geschossen worden wäre, wären sie eventuell erschossen worden. Selbst wenn nicht, hätten sie 20 Jahre Bautzen hinter sich gebracht… Also die hatten ein Risiko. Nur haben sie glaube ich an dem Tag auch nicht darüber nachgedacht. Die haben einfach gehandelt.

 

Was haben diese Aufnahmen bedeutet?

 

Das kann ich schwer abschätzen aber ich glaube schon, dass sie eine enorme Bedeutung hatten, weil dadurch erst einer Öffentlichkeit bewusst geworden ist, dass es diese Demonstration Leipzig überhaupt gegeben hat. In den DDR-Medien kam Leipzig nicht vor, am selben Abend nicht und am Tag danach auch nicht. Und das hieß, dass es außerhalb von Leipzig, außerhalb des engen Kreises derjenigen, die dort wirklich zugegen waren oder davon gehört hatte, überhaupt keine Kenntnisse der Vorgänge gab. Außer eben dann durch die Fernsehaufnahmen von Radomski und Schefke.

 

Hatten sie eigentlich den Eindruck, dass die Redaktionen in Westdeutschland in den 80er Jahren interessiert waren an dem was sich in der Opposition in der DDR tut?

 

Wenig.

 

Warum?


 

Weil die DDR insgesamt viel weiter weg war als zum Beispiel Paris.
 Die Menschen in Westdeutschland orientierten sich nach Westen und überhaupt nicht nach Osten. Das war nun mal so. Wir vom SPIEGEL hatten rechtzeitig Korrespondenten in der DDR und ich war, glaube ich, der finanziell am besten ausgestattete Korrespondent aus dem Westen, der da rumlief. Und ich hatte ziemlich freie Hand.

 

Was heißt das?

 

Das heißt, wenn also der Pfarrer Eppelmann, mit dem ich bis heute noch sehr gut befreundet bin, einen Fernseher brauchte für seine Gemeinde, dann hab ich, also hat der SPIEGEL, den gekauft.
 Und zwar in Ostberlin. Im Diplomatenshop, ganz legal, Kurs 1:1. Da konnten sie mir nie an den Karren fahren. Solche Sachen, Literatur, alles, ich hab alles besorgt außer Druckmaschinen. Druckmaschinen hab ich nicht transportiert. Ich hatte eine Risiko-Grenze. Die war dort, wo die DDR sagen konnte: das ist Spionagetätigkeit.
 Dann hätte auch meine Chefredaktion gesagt das geht nicht.

 

Haben sie sich als politischer Akteur auch wahrgenommen?

 

Eigentlich nein.

 

Und uneigentlich?

 

Ja uneigentlich passiert dann eben Folgendes: Man konnte in der DDR als Korrespondent nicht arbeiten ohne irgendwann parteiisch zu werden. Ohne irgendwann diesen Staat furchtbar zu finden, also das System wie es mit Menschen umgeht. Und in diesem Augenblick sind sie Partei, ob sie wollen oder nicht.

 

 

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