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„Es gab eine massive Hetzkampagne gegen mich.“

gingold 
DIE ANHÖRUNG UND DIE FOLGEN: DIE LEHRERIN SILVIA GINGOLD ÜBER IHREN STEINIGEN WEG IN DEN BERUF
 
Die Lehrerin Silvia Gingold, Tochter von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime, darf in Hessen nicht unterrichten, weil sie außerhalb der Schule als „aktive Funktionärin“ der DKP auftritt, so der Vorwurf des damaligen Kultusministers. Ihr Fall sorgt international für Aufmerksamkeit. Wir treffen sie dort, wo sie ihre erste Anhörung erlebte – der Beginn eines langen Weges, gesäumt mit Prozessen und Anfeindungen.
 
 
Sie waren am 12. August 1974 schon einmal hier am Regierungspräsidium Kassel – wie ist es eigentlich dazu gekommen?
 
Ich bekam eines Tages einen Brief vom Regierungspräsidenten: Ich möge mich zu einem persönlichen Gespräch ins Regierungspräsidium einfinden. Es seien Zweifel an meiner Verfassungstreue aufgekommen und ich möchte in einem Gespräch diese Zweifel ausräumen.
 
Was haben Sie denn gedacht als Sie diesen Brief geöffnet haben und sich so durchlasen?
 
In dieser Zeit gab es schon einiger solcher Anhörungen, wie wir sie genannt haben. Hier wurde es als persönliches Gespräch betitelt, aber für uns waren es Anhörungen oder auch Verhöre wenn man so will.
 
Ich war erstmal sehr schockiert. Und ich habe dann auch einen Vertrauten mitgenommen, das war ein Mitglied meiner Gewerkschaft, der GEW. Der sollte bezeugen, was in diesem Gespräch ablief.
 
Was hat man Sie denn gefragt?
 
Man hat mir mehrmals gesagt, dass es ein sachliches Gespräch sein wird, dass man mich nicht verhören wird, und man hat mich auch gefragt, ob ich mit der Art des Gesprächs einverstanden bin. Gut, also es war sehr sachlich und freundlich, man war bemüht sehr korrekt zu sein und ein bisschen hatte ich auch das Gefühl, dass es demjenigen, der mich befragte, etwas unangenehm war.
 
Zu Beginn hat man mir sogenannte Erkenntnisse des Landesamtes für Verfassungsschutz Hessen vorgelegt. Aus denen war ersichtlich, dass man mich seit meinem 17. Lebensjahr bespitzelt hat.
 
Dass muss Sie ja überrascht haben in dem Moment.
 
Naja, es hat mich insofern nicht ganz überrascht, weil ich aus einer kommunistischen Familie stamme, wo ich immer schon wusste, dass wir im Visier des Verfassungsschutzes sind.
 
Ich hatte als Zehnjährige miterlebt, wie die Polizei – das war der Tag des KPD Verbots –, bei uns die Wohnung durchwühlte und kistenweise Material abschleppte; das Telefon wurde überwacht; und später stellte sich heraus, dass ein Rentner von gegenüber für den Verfassungsschutz notierte, wer bei uns ein und aus ging.
 
Von daher hat es mich dann nicht ganz überrascht, aber schon empört: Da legte man mir diese Erkenntnisse vor, auf drei, vier Schreibmaschinenseiten.
 
Was für Erkenntnisse?
 
Zum Beispiel die Teilnahme an einer Demonstration gegen den Krieg in Vietnam; dass ich ein Flugblatt unterzeichnet habe für die Aufhebung des KPD-Verbots; dass ich es verteilt hab.
 
Dann warf man mir Reisen in die DDR vor, Teilnahme an einer wissenschaftlichen Tagung der marxistischen Blätter – ja, das war es so im wesentlichen – aber ganz viele Demonstrationen noch und alles ganz minutiös aufgelistet nach Datum, Ort und Uhrzeit.
 
Das lässt darauf schließen, dass ich offensichtlich ganz konkret bespitzelt wurde. Und das hat mich natürlich schon empört. Ich habe die Frage gestellt, woher diese Erkenntnisse stammen – darauf verweigerte man mir jede Auskunft.
 
 
Ihr Fall ist dann öffentlich geworden…
 
Der damalige Kultusminister Krollmann hat, nachdem mein Fall bekannt wurde in der Öffentlichkeit, Druck bekommen, was mit meiner Familiengeschichte zusammenhängt.
 
Ich stamme aus einer jüdischen, kommunistischen Familie, die nun in der dritten Generation Verfolgung ausgesetzt war. Meine Großeltern mussten 1933 aus Deutschland fliehen, weil sie Juden waren. Meine Eltern waren in Frankreich in der Widerstandsbewegung und haben deshalb Verfolgung erlebt. Und jetzt die dritte Generation – sicher nicht vergleichbar, das muss ich gleich sagen, da ging es nicht um Leben und Tod – aber es ging darum, dass meine Meinung oder das Vertreten unserer demokratischen Grundrechte beeinträchtigt und eingeschränkt waren.
 
 
Sie durften nicht nur nicht Beamtin werden, Sie sind dann ein Jahr später 1975 ganz aus dem Schuldienst geflogen – mit welcher Begründung eigentlich?
 
Ich bekam ein Jahr nach der Anhörung mein Entlassungsschreiben, in dem es hieß, dass das Gespräch die Zweifel an meiner Verfassungstreue nicht ausgeräumt habe und ich aufgrund meiner Mitgliedschaft in der DKP, die als verfassungsfeindlich interpretiert wurde, nicht die Gewähr biete, jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzutreten. Deshalb sei ich aus dem hessischen Schuldienst entlassen.
 
An dieser Stelle spielte Ihre Familiengeschichte wieder eine besondere Rolle…
 
Ich war Staatenlose. Um das zu erklären: Die Eltern meines Vaters, also meine Großeltern, waren vor dem Krieg aus Polen nach Deutschland eingewandert. Und mein Vater hatte aufgrund dieser Geschichte immer die polnische Staatsangehörigkeit.
 
Als er dann aus der Emigration aus Frankreich zurückkam, hat er sich als Deutscher gemeldet, weil er in Deutschland, in Aschaffenburg, geboren ist.
 
Das war damals überhaupt nicht beanstandet worden, die ganze Familie bekam also deutsche Papiere. Bis dann nach dem KPD-Verbot irgendein, ich sag jetzt mal akribischer Beamter festgestellt haben muss: Dass es nie ein Einbürgerungsverfahren gegeben hat.
 
Wir sind also 1956 zum Polizeipräsidium zitiert worden, die ganze Familie, ich war damals 10, und uns wurden die deutschen Papiere abgenommen. Wir wurden sozusagen ausgebürgert und bekamen staatenlose Ausweise. Wir waren damit nur geduldet, mussten uns jedes Jahr zur Verlängerung unseres Aufenthaltes wieder beim Polizeipräsidenten melden.
 
Das war natürlich eine unerträgliche Situation für uns. Wir stellten dann in den 60ern einen Antrag auf Einbürgerung. Dieser Antrag wurde zunächst vom Regierungspräsidium Darmstadt befürwortet, landete dann aber beim Bundesinnenminister Genscher.
 
… ganz oben …
 
Und der lehnte dann unsere Einbürgerung ab mit der Begründung, dass wir nicht die Gewähr dafür bieten, jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzutreten – also im Grunde die gleiche Begründung mit der ich Berufsverbot bekam.
 
Wir hatten früher nie in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, über die Verfolgung und das was meine Eltern im Widerstand erlebt haben. Aber das alles hat meine Eltern dermaßen empört, dass sie damit begannen, überhaupt mit unserer Familiengeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.
 
Sie hatten eigentlich das demokratische Deutschland vertreten, sie hatten gezeigt, dass es auch noch andere Deutsche als Nazis gibt. Und sie wurden deshalb auch in Frankreich gewürdigt. Und in Deutschland sollten sie nicht Deutsche werden.
 
Es kam dann zu einem Prozess und in diesem Prozess wurde uns die Einbürgerung wieder zugesprochen. Das war kurz vor meinem zweiten Staatsexamen, sonst hätte ich mein Staatsexamen überhaupt nicht machen können.
 
 
Zurück zur Geschichte Ihrer Entlassung aus dem Schuldienst. Sie sind gegen diese Entlassung vor Gericht gezogen, da hatten Sie auch Erfolg, wurden tatsächlich wieder im Schuldienst angestellt – aber ein weiterer Prozess, in dem es um Ihre Verbeamtung ging, der ging anders aus…
 
Dieser Prozess endete mit einem Urteil, das mich zum Verfassungsfeind stempelte. Der Kern dieses Urteils war, dass ich mich durch meine Mitgliedschaft in der DKP in Zukunft möglicherweise verfassungsfeindlich verhalten könnte. Also fußte das Urteil einzig und allein auf einer Prognose – es gab überhaupt keinen einzigen Hinweis oder keinen Nachweis darüber, dass ich mich irgendwo verfassungsfeindlich verhalten habe. Von meiner schulischen Praxis schon gar nicht zu reden. Die wurde immer wieder gewürdigt,
 
Die Wiedereinstellung war für mich eigentlich das allerschwierigste, weil ich da erst gespürt habe, wie vergiftet das Klima in der Bundesrepublik war durch diese Berufsverbote.
 
Ich kam nach Spangenberg, ich hatte noch keine einzige Unterrichtsstunde gehalten, da entfachte die örtliche CDU eine massive Hetzkampagne gegen mich. Sie verteilte Flyer dagegen, dass ich dort wieder an die Schule komme; die Presse betitelte mich als untragbar, sie hetzte Eltern auf, ihre Kinder von der Schule abzumelden, weil ich dort unterrichten würde; und der Gipfel dieser Hetze war ein Gesellschaftsspiel, das die CDU im Kommunalwahlkampf herausgab – ein Würfelspiel, wo man sich durch die einzelnen Orte des Schwalm-Eder-Kreises würfeln musste, und wenn man auf den Ort der Schule zu stehen kam, nach Spangenberg, da hieß es in der Spielanleitung: Spieler setzt einmal aus, kommunistische Lehrerin arbeitet an der Schule, Spieler schreibt Brief an Kultusministerium.
 
Aber sie haben dort unterrichtet.
 
Natürlich, ich hab unterrichtet. Es war am Anfang sehr schwer, weil alle sehr misstrauisch waren. Aber irgendwann war ich so integriert und akzeptiert, dass das ganze dann vom Tisch war.
 
Ich war dann 32 Jahre an dieser Schule. Bei meiner Verabschiedung 2008 habe ich eine Rede gehalten und erzählt was damals alles abgegangen ist. Inzwischen hat sich das Kollegium natürlich total erneuert. Die jungen Kollegen waren davon so entsetzt – die konnten nicht glauben, dass das damals möglich war.
 
 
Eine Frage, de sich mir aufdrägt: Sie wolltens ich als Beamtin in den Dienst eines Staates stellen – den Sie in dieser Form als Mitglied der DKP ja ablehnen müssten… geht das zusammen?
 
Also für mich stand im Vordergrund nie die Verbeamtung. Davon abgesehen: Treue zum Staat ist nicht unbedingt Treue zur Regierung. Es ging mir nicht in erster Linie um die Verbeamtung, sondern es ging mir um die Gleichbehandlung mit allen anderen Kollegen. Der Beamtenstatus verlangt Treue zum Staat. Aber ich habe nirgendwo gesehen, wo ich diese Staatstreue verletzt habe.