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„Da stand die Legitimation des Regimes extrem auf der Probe.“

Rüttenklau Portrait 
 
WOLGFANG RÜDDENKLAU, OPPOSITIONELLER IN DER DDR, ÜBER DIE RISSE IM SYSTEM NACH DEM GAU VON TSCHERNOBYL.
 
 
Wir treffen Wolfgang Rüddenklau an einem sonnigen, kalten Herbsttag an der Zionskirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Hier erhielt zu DDR-Zeiten die Oppositionsgruppe um die sogenannte Umweltbibliothek Unterschlupf. Rüddenklau hat die Umweltbibliothek mit gegründet. Sie gehört später zu jenen Gruppen, die die friedliche Revolution in der DDR mit möglich machten. Er raucht Selbstgedrehte, und während des Interviews hält er die schmauchende Kippe manchmal hinter den Rücken.
 
 
Wie haben sie denn mit Ihren Freunden und Bekannten über die Nachrichten aus Tschernobyl gesprochen?
 
Das war schon ziemlicher Schock, dass so etwas passieren kann. Wir hatten das immer sehr stark weggedrängt, denn die Atomkraftfrage war nun gerade sehr stark tabuisierte, das war der engste Sicherheitskreislauf des Staates, da durfte nichts darüber gesagt werden. Von daher haben wir das – weil uns andere Themen auch wichtiger waren – eigentlich immer vermieden.
 
Gabs denn in der DDR Oppositionen von den Diskussionen über die Atomkraft, vor Tschernobyl schon?
 
Das setzte tatsächlich erst mit Tschernobyl ein, und da zeigt sich tatsächlich dass es eine ganz wesentliche Schwäche des Systems war. Anspruch war ja Unfehlbarkeit, die Hauptverwaltung ewige Wahrheiten. Und plötzlich war da ein schwerer Fehler aufgetreten und es war in einem sowjetischen Kernkraftwerk. Da stand ganz offensichtlich die Legitimation des Regimes extrem auf der Probe.
 
Hat dieser Unfall dazu beigetragen, dass Sie sich mehr und schneller und besser organisieren konnten, dass die Umweltbibliothek auch institutionalisiert wurde?

 
Ja mit Sicherheit. Dass einfach in zunehmenden Maße Gefühl von Geborgenheit – dass doch jeder mal abgesehen von den Misshelligkeiten, die jeder in der DDR hatte, von der Wiege bis zur Bahre versorgt war, jeder einen Arbeitsplatz hatte, billige Wohnungen und so weiter – dass plötzlich die Grenzen dieser Geborgenheit aufklafften, das war ein wichtiger Schritt für uns zur Organisation der Opposition.
 
Warum fanden Sie mit der Umweltbibliothek Zuflucht in den Räumen der Zionskirche?
 
Wir bekamen einen Tipp, dass Pfarrer Simon hier in der Zionskirchengemeinde offen ist für alles. Er sagte: Ja, Kellerräume konnte er zu Verfügung stellen – ständige Räume, das war erstmalig für Berliner Gruppen. Ein ständiger Raum, wo man Bücher Leuten zu Verfügung stellt, die im Lande nicht erhältlich waren, es gab ja staatliche Zensur über Bücher, Giftschränke in den Bibliotheken. So ziemlich alles, was an Westlicher und insbesondere kritischer Literatur unterwegs war, war natürlich verboten oder kam nicht ins Land rein. An den Grenzen gabs sehr starke Kontrollen. Und wir haben dann die Möglichkeiten genutzt, die zur Verfügung standen. Da gabs in Westberlin diesen ROLAND JAHN (siehe Geschichte treffen Folge 4: LEIPZIG ’89: VERBOTENE BILDER EINER HISTORISCHEN DEMONSTRATION), da gabs Korrespondenten von Westmedien, mit denen wir sozusagen Tauschgeschäfte machten, Informationen gegen Bücher.
 
 
Was für Auswirkungen hatte der GAU in Tschernobyl eigentlich auf die Oppositionsarbeit – auf Ihre Arbeit in der Umweltbibliothek?
 
Im April 1986 haben wir die erste Erklärung der Opposition überhaupt zu dem Thema formuliert, das war ein Schuss aus der Hüfte, aber ich denke die schärfste Erklärung, die zu dem Zeitpunkt überhaupt möglich war. Die die Fragen stellte, wie weit überhaupt dieser ganze Anspruch auf Wahrheit erfüllt worden ist, und wie weit Kernkraft überhaupt in der Zukunft noch zugelassen werden kann, angesichts dieser Dimension der Katastrophe.
 
Gorbatschow war gerade vorher angetreten mit dem Anspruch auf Glasnost und Perestoika. Ein Anspruch auf eine neue Offenheit. Haben Sie das gespürt?
 
Nein, überhaupt nicht. Es war ja mehrere Tage betretenes Schweigen auch in der Sowjetunion.
 
Sie haben mit den Umweltblättern Messwerte veröffentlicht und für DDR Bürger zugänglich gemacht, die von offizieller Seite in der DDR gar nicht zugänglich waren.
 
Ja das war unsere Aufgabe – Brechung des staatlichen Informationsmonopols, Delegetimierung des Regimes, das haben wir so gesehen ja, keine Frage. Die Einarbeitung in das Thema kostete bei uns sehr viel mehr Zeit als im Westen. Wir hatten einfach nicht die manpower, es waren etwa 2000 Oppositionelle quer durch die DDR und es brauchte außerdem Literatur. Wir als Umweltbilbiothek hatten da schon einiges, und wir haben das sofort erstmal gelesen, aber es brauchte einfach einige Zeit. Erst im Januar 1987 haben wir den Reader zu dem Thema herausgegeben, der dann an die Gruppen im Lande ging.
 
Wie gefährlich war das eigentlich, die Umweltblätter herzustellen?
 
Naja, es gab eine Ausweitung der Druckerlaubnis für die Kirchgemeinden, das sollte zur Bekanntgabe von irgendwelchen Veranstaltungshinweisen dienen. Aber die oppositionellen Gruppen haben dann mit dieser Druck-Technik mehr oder weniger lange Zeitschriften gemacht, da steht dann immer drauf „nur zur innerkirchlichen Information“ – was natürlich ein Witz ist.
 
An wen ist das verteilt worden dann?
 
In der Umweltbibliothek gabs das und dann kamen aus den Gruppen der DDR Leute und nahmen dann ein oder zwei Exemplare mit in ihre Freundeskreise, das lasen immer sehr sehr viele Leute solche Blätte, wir haben später gesagt: etwa 30 Leser pro Zeitschrift.
Das war aber eine sehr geringe Auflage, mit der Wachsmatrizen-Technik fing man dann an mit 1000 Exemplaren, solange hält eine Wachsmatrize. Als wir dann 1988 einen Computer bekamen, haben wir mehrfach diese Matrizen ausdrucken können und dadurch konnten wir dann bis zum Schluss etwa 5000 Exemplare drucken.
 
Fühlten Sie sich durch die Strahlung in Ihrer Gesundheit gefährdet?
 
Ich bin Raucher und meine Gesundheit ist gefährdet, ich lebe ziemlich heftig – oder habe ziemlich heftig gelebt – also persönlich habe ich das nicht so empfunden.
 
 
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