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„… dann hätte ich dem Calmund ein paar in die Fresse gehauen.“

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EX-DDR NATIONALTRAINER EDUARD GEYER ÜBER DIE CALMUND-DEALS, DIE STIMMUNG IN DER DDR MANNSCHAFT AM 13. NOVEMBER 1989 IN DER WM-QUALI GEGEN ÖSTERREICH UND DIE ZUKUNFT DES OST-FUSSBALL.
 
Treffen mit Ede Geyer, DDR-Trainer-Legende, auf dem Trainingsgelände von Dynamo Dresden. Hier hat er selbst schon seine Runden gedreht. Wurde mit Dynamo zweimal Meister und einmal Pokalsieger. Als wir ihm Szenen aus dem Wm-Qualifikationsspiel gegen Österreich zeigen, verlässt er fast den Platz. Das schmerzt immer noch. Geyer fordert selbst im Gespräch Disziplin, alles geht ihm zu langsam. Ungeduld. Die Leidenschaft für den Fussball geht ihm nicht verloren. Es werden spannende zwei Stunden. Hier ein Ausschnitt.
 
 
Ich habe gehört, Sie waren ein verdammt harter Trainer.
 
Ich habe das gemacht, was der Mannschaft gut tut. Sie muss fit sein und ein Trainer, der geliebt wird, der verliert an Achtung. Ich habe meine Spieler gern gehabt, aber ich wusste auch, dass sie laufen und rennen und 90 Minuten kämpfen mussten. Es gibt keine leichten Siege, man muss sich das alles erarbeiten.
 
Wie war die Vorbereitung auf das Fußballerdasein in der DDR im Vergleich zu Westdeutschland?

 
Das hat sich nicht groß unterschieden. Der einzige Nachteil, den wir hatten: Wir waren Bezirksmannschaften, konnten nur auf Spieler aus unserem Bezirk zurückgreifen. (Es gab praktische keinen Transfermarkt unter den Clubs in der DDR; Anm. d. Red.)
 
Wir mussten praktisch mit unseren wenigen Mitteln viel machen. Deswegen hatten wir auch eine Kinder- und Jugendsportschule im Fußball. Wir haben früh um 7 angefangen und haben anderthalb Stunden trainiert in der Halle, sind dann zur Lehre oder in die Schule gegangen und dann nachmittags zwischen 16.00 und 17.00 Uhr wurde nochmals trainiert. Dazwischen war noch Theorie. Dann hatten die noch ihre schulischen Aufgaben. Also der Umfang war für die Jungs enorm, aber viele sind ja auch oben angekommen. Als Oberligaspieler oder dann auch bis zur Nationalmannschaft. Das haben wir übrigens in Deutschland verschlafen, das so auch weiterzuführen.
 
Dynamo Dresden war besonders gut in der Ausbildung, wir hatten auch von den Kindern an hauptberufliche Trainer, was jetzt gar nicht mehr machbar ist finanziell. Hauptamtliche Trainer, die einen Berufsabschluss hatten als Diplomsportlehrer.
 
Was hat Fußball bedeutet damals in der DDR?
 
Der Fußball war die Sportart Nr. 1. Die Leute liebten Fußball, vor allem in diesen Fußballhochburgen, wie Magdeburg, Jena, Dresden, Leipzig.
 
Natürlich, bei Olympia konntest Du als Schwimmer, wie Mark Spitz, sieben Goldmedaillen holen. Beim Fußball mit einem großen Aufgebot mit vielen Leuten nur eine. Aber trotzdem waren die Fußballer immer beliebter, begehrter als jeder Ruderer, jeder Wasserspringer. Was ich manchmal ungerecht fand.
 
Aber hat das dazu geführt, dass junge Talente in Skigebieten vor allen Dingen Richtung Ski geschickt wurden und nicht in Richtung Fußball? Hatte das Auswirkungen? Haben Sie das gemerkt?
 
Natürlich! Das war ja so angelegt, dass man frühzeitig ausgewählt wurde, je nachdem, wie sich der Jugendliche entwickelt. Wenn der nun 120 cm groß war, dann ist er besser fürs Turmspringen geeignet, als vielleicht als Manndecker oder in der Viererkette.
 
Aber grundsätzlich hatten wir doch genügend Zulauf und wir haben auch viel geguckt. Da es nie Transfers gab in der DDR, war man natürlich sehr, sehr begrenzt. Und deshalb war man auch gehindert, international besser Fußball zu spielen. Wir spielten natürlich gegen Bulgarien, Rumänien, Polen, Tschechien, aber nie international gegen die Mannschaften, die uns vielleicht mal einen Tick weiter gebracht hätten von der Erfahrung her. Ich denke daran sind wir auch gescheitert, international.
 
Wir haben ja gegen Liverpool, Bayern München, Ajax Amsterdam, Benfica Lissabon, Liverpool gespielt und wir haben auch nie die Jacke vollgekriegt, aber es hat immer ein Quentchen gefehlt.
 
 
Für die, die im DDR-Fußball nict ganz zuhause sind… Wo hatten die Vereine damals das Geld her?
 
Das lief meist über Betriebe. Zum Beispiel Brandenburg hatte ein Stahlwerk und die wurden natürlich aufgefordert, dass der Fußball dort unterstützt wurde. Dynamo Dresden war Polizeiverein.
 
Waren dann die Spieler Polizisten?
 
Ja, ganz am Anfang hatten wir sogar noch Uniform und Gasmaske und einen Spint und sind auch zweimal im Jahr zum Schießen gegangen.
 
Wir hatten eigentlich – und das muss man wirklich eingestehen – wir hatten eigentlich nichts auszustehen als Fußballer. Fußballer galten schon immer als privilegiert und waren auch in der Stadt beliebt und begehrt. Wenn wir Meister wurden, war hier die Hölle los. Das Stadion war immer ausverkauft. Die Jahreskarten wurden praktisch vererbt.
 
 
9. November 89. Haben sie geahnt, das ist das Ende für den DDR Fußball?
 
Nein das konnte keiner ahnen. Da stand ja auch nicht fest, ob die zwei Fußballverbände weiter existieren nebeneinander oder ob vielleicht auch zwei deutsche Staaten weiter existieren. Am 9. November saßen wir in Leipzig mit der Nationalmannschaft und bereiteten uns auf das letzte Länderspiel in der Gruppenphase gegen Österreich vor. Uns hätte ein Unentschieden gelangt, um zur WM zu fahren, 1990 nach Italien. Und dann: Die Grenzen sind offen! Also das war schon ein Einschnitt vor so einem wichtigen Spiel. Deswegen hab ich auch gesagt: die Grenzöffnung kam für mich als Trainer und vielleicht auch für die Mannschaft, 4 Wochen zu zeitig.
 
Was hat das mit der Mannschaft gemacht?
 
Das kannst Du natürlich nicht aus den Köpfen kriegen. Jetzt war ja eigentlich alles offen. Die Spieler sind ja Pfifikusse, die können überall in der Welt Fußball spielen. Wenn Du jetzt in den Westen kommst oder nach England reist, Du kannst ja überall spielen und das ist natürlich diskutiert worden, also das hast Du nicht aus den Köpfen gekriegt.
 
WM-Qualifikation gegen Österreich und da stellt sich raus, dass der Reiner Calmund schon einen Mann neben dem Spielfeld hatte, der während des Spiels noch mit den Spielern Kontakt aufnahm. Wie haben sie das erlebt?
 
Das hab ich überhaupt nicht mitbekommen. Das hab ich nur von ihm gehört. Normalerweise ist das ne Frechheit. Damit sollte man sich auch nicht brüsten. Wenn das so gelaufen ist, dann hätte ich dem Calmund ein paar in die Fresse gehauen. Sowas ist wirklich unterste Schublade. Das sollte man auch nicht immer so hochstilisieren, weil das gehört sich einfach nicht. Es gibt immer noch Regeln und die sollte man nicht überschreiten.
 
 
Es wurde ja im Nachhinein gesagt, es war der Ausverkauf des DDR Fußballs. Kann man das so sagen? Ist das gerechtfertigt und haben nicht die Ostvereine auch profitiert davon, das doch Spieler verkauft worden sind, denn es hat ja viel Geld in die Vereine gebracht, zu einer Zeit, wo wirtschaftlich vieles zusammen gebrochen ist in der damaligen DDR?
 
Tja, aber wenn man sieht, die Qualität der damaligen Spieler, die weggegangen sind, wie Thom, Doll, Sammer, Kirsten und dann die Preise sieht, dann waren sie natürlich alle unter Wert verkauft.
 
Jetzt würde Calmund sagen, er habe immerhin für Thom und Kirsten Transfersummen bezahlt wie bis dahin noch nie in der Bundesliga.
 
Das ist nicht mein Problem. Kirsten war der erfolgreichste Spieler von Leverkusen in der Zeit, wo der dort gespielt. Und nach wie vor sage ich, sind die Spieler verschachert worden. Und dass Geld gekommen ist, … wir hatten ja als Verein nicht die finanziellen Mittel, um Spieler so zu bezahlen, wie damals die führenden Vereine im Westen.
 
Wie sind die Ostclubs eigentlich umgegangen mit dem Geld?
 
Die haben mit der Gieskanne viel Geld verbrannt. Für alles Mögliche. Für Autos, für dicke Prämien, für Gehälter, für alles. Aber ich war in der unmittelbaren Zeit, wo das sich so in den Vereinen entwickelte, nicht direkt dabei.
 
Dass so wenig Ostclubs in der 1. und 2. Bundesliga vertreten sind heute, sind das Nachwirkungen von damals?
 
Wir hatten damals 6 Mannschaften in der 2. Bundesliga und 2 in der Bundesliga. Da wäre man ja froh, wenn der Status jetzt noch so wäre. Ob das noch Nachwirkungen sind? Ich denke, der ausschlaggebende Faktor ist nach wie vor die Wirtschaftlichkeit. Du hast wenig Unternehmen hier im Osten, die viel Geld geben.
 
Was wünschen sie sich für den Ostdeutschen Fußball heute?
 
Ich wünsche mir natürlich, dass neben RB Leipzig noch ein, zwei Vereine aus dem Osten aufsteigen. Und dann wünsch ich mir vielleicht drei, vier Vereine in der 2. Liga. Jetzt haben wir Aue drin, Dresden drin, Union drin. Vielleicht kommt noch einer dazu. Für unsere Region wäre es auch wichtig, dass die Jugendlichen Vorzeigespieler haben. Wenn ich jetzt mit meinem Enkel rede, die sind für Bayern. Ich kann ja nicht als Sachse für Bayern sein… das fehlt uns hier, dass wir Spieler haben, die aus der Region kommen, an denen sie sich irgendwie ein Vorbild nehmen können.