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„Das BKA hat uns nicht geglaubt.“

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DER OST-DEUTSCHE KRIMINALBEAMTE BERND WAGNER ÜBER DEN BODEN FÜR RECHTSEXTREMEN TERROR, NEONAZIS IN DER DDR UND DIE IGNORANZ WESTDEUTSCHER BEHÖRDEN NACH DER WENDE
 
Inzwischen ist Bernd Wagner bekannt als Gründer der Organisation EXIT – die Neonazis dabei hilft, aus der Szene auszusteigen. Wir treffen uns auf dem Bebelplatz, wo Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher verbrannten.
 
 
Was bedeutet dieser Platz für Sie wenn Sie heute hier stehen?
 
Ich fand das immer entsetzlich, dass sich Nationalsozialisten hier versammelt haben, die sich einbildeten, die Kultur prägen zu müssen, indem man Bücher verbrennt. Ich will das nicht, das so was mit der Menschheit gemacht wird und deshalb habe ich mich auch zeit meines Lebens gegen dieses Nazitum zur Wehr gesetzt.
 
Offiziell gab es in der DDR keine Rechtsextremen. Und inoffiziell?
 
Es gab offiziell in der Tat keine Rechtsextremen. Die DDR war ein antifaschistischer Staat per Deklaration, da konnte es gar keine geben, das war die Behauptung. Inoffiziell war natürlich völlig klar, dass es Menschen gibt – und in keiner unstattlichen Zahl – die sich mit nationalsozialistischem Gedankengut und Rassismus aufgesattelt hatten und das natürlich auch frei Haus in der Öffentlichkeit ablieferten und Leute angriffen.
 
Wie waren die denn organisiert?
 
Die waren vor allem in kleinen Gruppen und Netzwerken organisiert. Das konnte ein Freizeitverein sein, die Kleingartengruppe, der Anglerverein – da hatte man die Möglichkeit, sich relativ unbehelligt zusammen zu schließen.
 
Warum hat man die offiziell Rowdys genannt und nicht Rechtsradikale?
 
Das war ein sehr guter Begriff, weil im Strafgesetzbuch der DDR ein Paragraf stand, der nannte sich Rowdytum. Rowdy war derjenige, der andere Leute aus einer Gruppe heraus angegriffen hatte, wie eine Horde böser junger Männer oder böser junger Frauen oder gemischter Gruppen, das war dann Rowdytum.
 
Man musste sich ständig landab mit diesen Leuten herumärgern. Die haben wirklich viele Leute mit Gewalt überzogen. Die sind losgelaufen und haben „Undeutsche“ angegriffen – wie sie das nannten. Da waren alle möglichen mit gemeint: der Ausländer, der Punk, Leute, die sich irgendwie als links geoutet hatten.
 
Welche Gewalt haben Rechtsextreme in der DDR ausgeübt?
 
Das war sehr unterschiedlich. Es konnte die kleine Begebenheit sein in einer Diskothek, da wurden dann so genannte Fremdlinge angegriffen, da wurde mit der Faust ausgefahren. Es konnte aber auch auf offener Straße sein, beim Volksfest konnten Massenschlägereien inszeniert werden.
 
Es gab Begebenheiten, wo Afrikaner aus dem fahrenden Zug von Berlin nach Dresden geworfen wurde oder auch Vietnamesen dort eingefangen wurden im Zug und dort mit Zigaretten gequält wurden. Bösen Sachen waren das.
 
Es wurden auch schwere Gewaltmittel eingesetzt. Baseball Keulen war das geringste. Es gab auch Sachen, wo man schon versuchte, Sprengmittel aufzubereiten und Leute in die Luft zu sprengen. Also eine Art Vorterrorismus gab es auch.
 
Es gab Wehrsportgruppen in der DDR in den 80er Jahren, die auf den Kriegsschauplätzen nach Waffen und Sprengmitteln gebuddelt haben. Die sind auch fündig geworden. In Berlin gab es eine „Bewegung 30. Januar“, die in dieser Richtung aktiv war, da ist dann später die Nationale Alternative draus entstanden, die in zwei Armen arbeitete. In einem legalen Arm und in einem Untergrund-Arm, wo dann Leute auch Waffen, Sprengmittel für Terroristische Zwecke gehortet haben und versuchten, die bei passender Gelegenheit zum Einsatz zu bringen.
 
Stand das nicht in der Zeitung, hat man sich in der Gesellschaft nicht damit beschäftigt?
 
Die Presse war dazu da, die Interessen der Regierenden auszuführen, vor allem der führenden Partei, der SED. Der DDR-Staat als antifaschistischer Staat – damit wurde auch die Legitimität der DDR begründet. Man musste rechtsextreme Taten kaschieren, den Mantel des Schweigens drüber zu decken.
 
 
„VÖLLIG ALLERGISCH“ – DIE DDR-STAATSFÜHRUNG VERSCHWIEG DIE NEONAZIS
 
 
Wenn Sie sagen, offiziell konnte es das Problem Rechtsradikalismus in der DDR nicht geben. Warum wurde eine AG Skinhead gegründet, die Sie geleitet haben?
 
Weil das Ärgernis so groß wurde, dass auch jüdische Friedhöfe kaputt gemacht wurden. Das blieb natürlich in der Weltöffentlichkeit nicht unbemerkt. Westliche Medien, ARD und ZDF sind in Ostberlin ja präsent gewesen, die haben mit Skinheads sprechen können und die haben auch gemerkt, wie die sich nazistisch produzieren.
 
Dann gab es den Überfall auf die Zionskirche am 17. Oktober 1987, wo etwa 30 junge Neonazi-Skinheads in die Zionskirche im Prenzlauer Berg eingefallen sind, wo ein Rockkonzert einer Ostberliner Punkband stattgefunden hat. Etwa 3000 Leute im Publikum. Und die Neonazis stürmten da rein und riefen: „Juden raus aus deutschen Kirchen. Deutschland erwache. Sieg Heil.“ Und das unter den Augen von Polizei und Stasi. Das hat natürlich in der internationalen Öffentlichkeit Beachtung gefunden. Und nun war die DDR-Führung angehalten, irgendetwas zu tun, um die Leute wieder von der Straße zu kriegen.
 
Mein Auftrag bestand dann darin, eine Strategie zu entwerfen, wie man Skinheads von der Straße bringt.
 
Wie viele gewaltbereite rechtsextreme Rechtsradikale gab es denn in der DDR?
 
Wir hatten 1000 immer wieder kehrende rechtsradikale Täter. Und wir konnten feststellen, dass wir ein Aktionsfeld von etwa 15.000 Personen vom Fichtelberg bis zum Kap Arcona hatten.
 
Wie hat die Staatsführung auf diese Ergebnisse reagiert?
 
Völlig allergisch. Die wurden unter Verschluss gesetzt. Man hat das in der polizeilichen und sonstigen politischen Öffentlichkeit weitestgehend verschwiegen, das gab also nur ein paar Netzwerke Eingeweihter, die mit den ganzen Vorgängen zu tun hatten.
 
 
„DAS BKA HAT UNS NICHT GEGLAUBT“
 
 
1990 war ja dann große Vereinigungsaktivität. Ich war dann aufgefordert, diese Erkenntnisse auch mit den Partnerbehörden in der Bundesrepublik auszutauschen. Zum dem Zwecke war ich zu einer Tagung im Juni 1990 im Bundeskriminalamt und habe dann offenbart, was im Osten alles daher kommt.
 
Wie war die Reaktion?
 
Die war ganz merkwürdig. Man glaubte das nicht und hatte den Eindruck, dass wir als Ostpolizisten vom anderen Stern kommen – um das mal vorsichtig auszudrücken. Man hat es nicht geglaubt. 14 Tage nach dieser Tagung kam ein Referatsleiter des BKA zu mir und hatte SED-Bezirkszeitungs-Ausschnitte dabei, um mir zu beweisen, dass es im Osten keine Rechtsextremisten gäbe.
 
Das heißt das Bundeskriminalamt hat den Experten aus der DDR nicht geglaubt?
 
So ist es. Und sie wollten mich und auch andere Leute, die da in der Lageanalyse tätig waren, davon überzeugen, dass das eine schiere Erfindung unseres Geistes sei und nicht mit der objektiven Lage, die sie aus Zeitungsausschnitten der DDR, der SED-Presse entnommen hatten, in irgendeiner Form kompatibel sei. Ich dachte, ich bin im gleichen Film wie in der DDR. Das war für mich frappierend und schockierend muss ich sagen.
 
 
 
Hatte es schon zu DDR-Zeiten Übergriffe auf Vertragsarbeiter gegeben?
 
Ja es gab quer durch die Geschichte der DDR Übergriffe, dass man dort auch Feuer legte z.B. oder sich vor Heimen aufbaute und die versuchten dann die Leute, die Täter, welche anzugreifen, die da wohnten.
 
Ich würde gerne verstehen, wie die Stimmung in einer Stadt wie Hoyerswerda nach der Wende war?
 
Nachdem die große Euphorie nach der deutschen Einheit etwas verklungen war, hat die Lebenswirklichkeit in den kleinen und mittleren Industriestädten ihren Tribut gefordert. Man muss sich das so vorstellen: Die Leute begegneten sich nicht mit „Guten Tag“, sondern mit „Haste noch ne Arbeit“. Man war sozial komplett verunsichert, man hatte ja seine biografischen Horizonte, seine Maßstäbe eingebüßt und da hat sich auch sehr viel Depressives breit gemacht.
 
In diesem Augenblick wird die Bundesregierung 1990 / 1991 beschließen: Wir schicken jetzt Asylbewerber in diese Städte. Da haben natürlich vor allem rechtradikale völkische Ideologieelemente feiern können: Weil man merkte, der Westen schickt uns hier die Ausländer.
 
Gab es in der rechtsextremen Szene der DDR Einflüsse aus dem Westen?
 
Die Einflüsse sind international. Man kann diese Ideologie in allen europäischen Staaten vorfinden, es gab auch entsprechende Schriften, die in der DDR kursiert sind, alte Schriften aus dem Nationalsozialismus aber auch neue rechtsextreme Schriften in Übersetzung, deutsche Autoren, ausländische Autoren, alles mögliche.
 
Es gab neben den allgemeinen ideologischen Erwägungen in dieser Szene auch konkrete Aktionsplanungen. Es gab z.B. die Analyse der führenden Rechtsextremisten, jetzt könnte man das deutsche Volk fanalisieren: Die meisten der Deutschen seien gegen Ausländer eingestellt und zunächst müsse man Fanale setzen.
 
Da gab es einen 9-Punkte-Plan zur Rückführung von Ausländern aus Deutschland. Das wurde von dem mittlerweile verstorbenen Jürgen Rieger entwickelt und der hat das verkündet in Niederaula bei Kassel. Etwa 400 Neonazis waren dort, alles führende Neonazis u.a. aus Hoyerswerda. Rieger sprach bei seinem Vortrag vom „Feuerteufel“, der „das Problem beendet“. Das war die Botschaft.
 
 
Hätte man denn das, was wir in Hoyerswerda, später auch in Rostock erlebt haben, verhindern können, wenn man sich rechtzeitig drum gekümmert hätte, was los ist mit den Rechtsextremen in den neuen Ländern?
 
Auf jeden Fall! Ich denke, wir hatten genug Möglichkeiten und Zeit, um solche Pogromexzesse zu verhindern. Es gab ja eine zweite Tagung der Kommission Staatsschutz von Bund und Ländern, wo nochmals aufmerksam gemacht wurde auf eine drohende Gewaltwelle 1990/91, die ja dann auch eintrat. Da hatte man noch die Gelegenheit gehabt, intelligente bundesübergreifende von Bund und Ländern getragene polizeiliche und nachrichtendienstliche Strategien zu bilden. Das hat man unterlassen.
 
 
 
HIER DIE DOKUMENTATION ANSEHEN: IN DER ZDF MEDIATHEK