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„Das ist kein Ruhmesblatt für Reiner Calmund.“

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„GESCHÄFTSTÜCHTIG ABER UNSPORTLICH“ DER SPIELERBERATER JÖRG NEUBAUER ÜBER CALMUND, DIE ERSTEN TRANSFERVERHANDLUNGEN VON DDR-SPIELERN UND DIE SITUATION VON OST-CLUBS NACH DER WENDE
 
Vom Jurastudenten im Sozialismus zu einem von Deutschlands erfolgreichsten Spieler-Beratern: Erstaunliche Kariere, die Jörg Neubauer da im gesamtdeutschen Fußball hinlegt. Nachdem er dafür sorgte, dass der Ausverkauf der DDR-Oberliga nicht zum Nulltarif erfolgte, sondern knallhart und gemäß internationalen Standarts verhandelt wurde. Eine Meisterleistung in einem untergehenden Land.
 
 
Die Vermutung von Reiner Calmund war, dass Sie schon vor dem Mauerfall vorhergesehen haben: Die DDR wird nicht lange so weiter funktionieren. Stimmt das?
 
Mitte 89 bis Ende 89 war sicherlich überall Aufbruchstimmung. In der Gesellschaft und im Fußball. Wir haben ja internationales Fußballgeschehen verfolgt. Wir hatten dafür eine eigene Abteilung, im Verband. Da war mit Günther Schneider jemand, der sowohl in der FIFA Executive, als auch in der UEFA Executive saß. Uns war klar, dass das Ablösesystem letztlich auch in der DDR oder im vereinigten Deutschland für alle durchschlägt. Und darauf haben wir reagiert, in dem wir gesagt haben, okay, wir müssen eigene international standhafte Verträge schließen.
 
Die historische Leistung besteht einfach darin, das der sogenannte Ausverkauf des DDR Fußballs dann auch wirklich, wenn man ihn als Ausverkauf bezeichnen möchte, dann auch wirklich gegen Geld stattgefunden hat.
Also vorher, mit den international nicht gültigen Verträgen, wäre nach dem Mauerfall folgende Situation entstanden: dass nämlich jeder Spieler sich hätte anmelden können bei Bayern München, bei Dortmund, wo auch immer. Und die entsprechenden DDR-Vereine hätten kein Geld bekommen. Das ist verhindert worden.
Der erste Transfer von Andreas Thom, der damals noch über den Verband lief, beinhaltete die höchste Ablösesumme Deutschlands in dieser Zeit und das ist die historische Leistung dieser Verträge.
 
 
Wie haben denn die Fußballer reagiert? Haben die schon in den Monaten vor dem Mauerfall schon signalisiert, also wir möchten auch rüber? Wie war die Stimmung unter den Fußballern?
 
Die Stimmung unter den Fußballern war relativ ruhig und gelassen, weil, das muss man ja auch sagen, Fußballer in der DDR ja auch zur privilegierten Schicht gehörten. Die haben sehr, sehr viele Vorteile gehabt, den ging es ähnlich gut, wie den Spielern heute. Vielleicht in einer anderen Kategorie und nicht mit der Öffentlichkeit, wie sie heute begleitet wird, aber ansonsten muss man deutlich sagen, den Fußballern ging es sehr, sehr gut in der DDR. Deswegen waren die deutlich entspannt und dieser Wunsch, irgendwann Bundesliga spielen zu wollen, ist erst dann wirklich entstanden, als die Mauer gefallen war.
  
Schauen wir auf den 13.November, vier Tage nach Mauerfall…. WM-Qualifikationsspiel, DDR gegen Österreich, zu Beginn die Nationalhymne, die Kamera läuft die jungen Spieler ab und man fragt sich natürlich, was geht eigentlich in deren Köpfen vor, woran denken die eigentlich gerade?
 
Also ich glaube, so direkt auf dem Platz, denkt man schon ans Spiel. Also das glaub ich kaum, dass irgendjemand da an irgendwelche anderen Dinge denkt. Die Problematik hängt bei so einer Geschichte immer in der Vorbereitung eines solchen Spiels und die Vorbereitung war sicherlich suboptimal, weil in der Tat die Spieler, das weiß ich auch, die Spieler sich mit völlig anderen Dingen beschäftigt haben, als mit diesem Spiel…
 
Womit haben die sich beschäftigt?
 
Na, die haben sich damit beschäftigt, also was diese Umwälzungen für sie persönlich bedeuten. Wann spiele ich in der Bundesliga, bei welchem Verein spiele ich etc pp…das ist dort natürlich ganz klar greifbar gewesen. Insofern glaub ich eben, wäre die Mauer 4 Tage nach dem Spiel gefallen und nicht 4 Tage vor dem Spiel, hätten wir uns qualifiziert. Weil die Österreicher nicht unschlagbar waren.
 
 
Bei diesem Spiel soll ein Vertrauter von Reiner Calmund schon im Stadion gewesen sein, die Legende sagt, er habe auf der Spielerbank gesessen und Spieler angesprochen Subtext, wir würden gerne morgen mit euch über eure Zukunft reden. Was wussten sie davon? Und was haben sie damals von dieser Aktion gehalten?
 
Na ich glaube, dass das kein Ruhmesblatt für Reiner Calmund ist, der sicherlich ob Schlitzohrigkeit, ob Geschäftstüchtigkeit, ob Schnelligkeit sehr gelobt wird.
 
Ich muss ehrlich sagen, ich habe da ein gespaltenes Verhältnis dazu, weil ich das einfach nicht in Ordnung finde, vor einem Spiel, während einem Spiel, direkt nach einem Spiel sich so zu bewegen. Ich persönlich finde das nicht besonders sportlich. Einen Tag nach dem Spiel kann jeder tun und lassen was er will.
  
Reiner Calmund sagt uns, er habe sich dann schriftlich an den Verband gewandt, habe versucht sich da respektvoll zu halten, alle Hierarchien und Verantwortlichkeiten einzubeziehen und einen sauberen Transfer zu organisieren, von Andreas Thom.
 
Also was es gegeben hat, war ein sogenanntes Telex. Da ist ein Antrag auf Gespräche gestellt worden, das ist richtig. In einer Leitungssitzung des Verbandes war besprochen worden, wer dieser erste Transfer sein sollte, nämlich Andreas Thom. Denn wenn man jemanden quasi aus diesem Land transferiert, was schon ungewöhnlich genug war, dann sollte es eben der beste Spieler sein, damit eine möglichst hohe Ablösesumme erzielt werden konnte, als Messlatte für die darauffolgenden.
 
Reiner Calmund hat über Sie gesagt, Sie seien ein harter Verhandler. Was war Ihr Eindruck von ihm?
 
Reiner Calmund ist mit uns fair umgegangen. Wir hatten uns mit internationalem Fußball beschäftigt, also wussten wir auch, in welchen Größenordnungen man solche Themen ansetzen muss.
Reiner Calmund hat dort einen sehr, sehr fairen Verhandlungspartner gegeben und hat bestimmte Dinge, die wir eingebracht haben, verstanden. Er hatte sich mit der DDR und mit DDR Fußball beschäftigt und das merkte man. Insofern waren das sehr vernünftige Gespräche, die dann zu einem sehr guten Vertrag geführt haben.
 
 
Sind die Ostvereine, mit diesen Millionen, die sie erlöst haben über diese Transfers, richtig umgegangen? Haben die richtigen Leute dafür geholt? Die richtigen Spieler, die richtigen Berater, die richtigen Manager?
 
Ich glaube, es ist jede Menge Unsinn gemacht worden. Es sind jede Menge schlechte, falsche Berater geholt worden. Es waren aber auch jede Menge eigene, schlechte Leute unterwegs. Das sieht man einfach an der Historie, wie sich dieser DDR Fußball oder dann Ostfußball, wie der sich entwickelt hat.
 
Anfänglich in der Bundesliga: Dynamo Dresden, Hansa Rostock und dann heute… nun ist RB Leipzig dabei, ist das zwar de facto ein Verein aus den neuen Bundesländern, aber natürlich kein wirklicher, gestandener Ostverein, wie Dynamo Dresden, Magdeburg etc. Letztendlich ist es zu einfach zu sagen, wir sind nicht richtig beraten worden etc. Ich glaube, dass die Ostvereine jede Menge hausgemachte Fehler produziert haben.
 
Zum Beispiel welche?
 
Indem sie keinerlei Vertrauen in ihre eigenen Leute gesteckt haben. Ob in die Trainer, die waren ja alle gut ausgebildet, ob in ihre eigenen Spieler. Wer sich rückbesonnen hat auf die eigenen Stärken, auf die eigenen Wurzeln und dann natürlich auch Spieler dazu holt, der ist eigentlich am besten gefahren.
 
Nämlich?
 
Hansa Rostock, beispielsweise. Die haben im Oberligafußball ja nun nicht die große Rolle gespielt, waren aber nach der Wende mit einem Mal ganz oben, weil die Führung gut war und weil sie neben Spielern aus der Region weitere hatten, die vom Naturell dazu gepasst haben, Tschechen und Schweden zum Beispiel. Die haben sich einfach mehr Gedanken gemacht, als beispielsweise Dynamo Dresden, die Spieler aus der Bundesliga, die weit überm Zenit waren, noch mal haben antreten lassen. Das hat dem Verein nicht gut getan. Auf der einen Seite die Qualität raus verkauft, auf der anderen Seite minderwertige Qualität rein geholt. Und das hat dann dazu geführt, dass sie letztendlich aus der Bundesliga verschwunden sind.
 
Was würden Sie sagen, war die Topqualität der Ostvereine?
 
Die Qualität liegt sicherlich in den allgemeinen deutschen Tugenden. Disziplin, Ordnung, DDR Spieler waren…
 
Aber das hätten ja Westfußballer auch gehabt, oder?
 
Na, ich glaube nicht in der Form. Also wenn man sich anschaut, wie im Oberliga-Alltag gearbeitet wurde, da ging es eben morgens ins Stadion und abends aus dem Stadion wieder raus. Da wurde der ganze Tag damit zugebracht, sich mit Fußball zu beschäftigen. In der Ausbildung ist dort ne ganze Menge richtig gemacht worden. Die entscheidenden Dinge, die letztendlich zum Fußball gehören, also Individualität und Stärken, das hat vielleicht letztendlich gefehlt.
 
Hätte es in dieser Übergangszeit, sagen wir mal, Anfang der Neunziger mehr Unterstützung von den Verbänden geben müssen?
 
Also ich glaube schon, dass der DFB dort hätte eingreifen müssen, Verantwortung hätte übernehmen müssen. Das hat er nicht getan. Aus welchem Grund er sich da entzogen hat, weiß ich nicht. Ich glaube, dann wäre vieles besser gelaufen.