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„Der Dancefloor war ein republikanischer Ort.“

Ulrich
 
 
DER JOURNALIST ULRICH GUTMAIR ÜBER DIE TEMPORÄRE AUTONOME ZONE IN BERLIN-MITTE NACH DEM MAUERFALL, WIE ER DIESEN MÖGLICHKEITSRAUM ERLEBTE UND WARUM AUSGERECHNET EINE GEWISSE JUTTA WEITZ EINE PERSON DER ZEITGESCHICHTE WURDE.
 
 
Ulrich Gutmair zieht zum Wintersemester 1989/90 nach Berlin, um Geschichte zu studieren. Er erlebt den Sound der Wende live – und schreibt ein Buch darüber: „Die ersten Tage von Berlin“. Der Journalist arbeitet seit gut zwanzig Jahren für Tageszeitungen und Magazine über Themen aus Pop und Geschichte. Wir treffen uns im piekfeinen Paulysaal auf ein Glas Weißwein, und weil der Drehplan es an diesem Tag nicht anders zulässt, wird es ein Gespräch in exakt 45 Minuten.
 
 
Wie war dein Eindruck von West-Berlin vor dem Fall der Mauer?
 
Die Leute neigen natürlich zur Mystifizierung. Wenn man sich mal genau überlegt, wie viele Orte gab es da in diesem West-Berlin, dann war das alles nicht so wahnsinnig aufregend. Überhaupt nicht zu vergleichen mit Berlin heute. Ich hab mich vor ein paar Jahren mal mit dem Autor Ulrich Pelzer unterhalten. Der war wirklich seit den späten 70er-Jahren in Westberlin. Und der sagte mir, es gab da vier Kneipen, da trieb sich die Boheme rum, diese paar Hundert Leute. Im Grunde war das eine ganz normale Stadt. Alle hatten ganz ordentliche Arbeitsverhältnisse, die mussten morgens raus. Es war eine winzige Minderheit, die Party machen konnte und die jetzt als Underground-Kultur gefeiert wird. Wenn man sich die Aufnahme anschaut, die Westbam für sein Video „You need the drugs“ benutzt hat, da sieht man: ja, es gab die Partys. Die Leute waren ja auch zu Besuch in London und New York und die New Yorker und Londoner kamen ja auch nach Westberlin. Da war schon was los. Aber es war nicht eine ganze Stadt, die die ganze Zeit gefeiert hätte.
 
Winter 1989. Die Mauer ist gerade gefallen. Du kommst nach Ost-Berlin. Wie hat Berlin-Mitte in dieser ersten Zeit nach dem Mauerfall ausgesehen?
 
Also man kam aus diesem selber relativ grauen West-Berlin. Kreuzberg war ja auch nicht besonders renoviert. Das war grau, das war schmutzig und hatte aber wenigstens den Vorteil, dass es Reklame gab und also ein paar Farbtupfer aus dieser kapitalistischen Warenwelt. – Dann kam man aber in dieses Ost-Berlin, was nicht minder grau war, aber eben diese Warenwelt nicht hatte und auch diese Reklame nicht. Man hatte das Gefühl, nach 1945 ist eigentlich nichts passiert. Natürlich gab es ein paar Neubauten. Aber das Grundgefühl, das man hatte, war: Man ist in einer Stadt, die stehengeblieben ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs – in der Innenstadt zumindest.
 
 
Du beschreibst Berlin Mitte nach dem Fall der Mauer als einen „Möglichkeitsraum“.
 
Es herrschte Wohnungsnot im West-Berlin Ende der 80er-Jahre. Die Leute sind um 5 Uhr morgens am Zoo angestanden, um den neuen Tagesspiegel zu holen (denn donnerstags oder freitags war da immer der Immobilienmarkt drin). Und um dann morgens um 5 schon den Vermieter aus dem Schlaf zu klingeln. Leute die jetzt nach der Wende neu waren in Berlin, hatten plötzlich diesen Leerstand im Ostteil der Stadt vor sich und da war dann jedem klar, der was machen wollte: Ich muss eigentlich nur über diese Mauer rüber, nach Mitte oder nach Friedrichshain oder Prenzlauer Berg. Dann kann ich eine Kneipe aufmachen; da kann ich mir ein Atelier besorgen, das nicht teuer ist; da kann ich einen Club aufmachen oder auch nur eine Montagsbar. Ich muss damit auch kein Geld verdienen, denn wohnen ist auch billig. Das heißt: Man hatte diesen ganzen ökonomischen Druck nicht, der in so einer Großstadt eigentlich da ist. Und das heißt: Man hatte eben Möglichkeiten, weil man gar keine so großen Verpflichtungen hatte.
 
Es gibt diesen Begriff der „temporären autonomen Zone“ für Berlin Mitte in der Zeit.
 
Ich hab ja dieses Buch des Anarchisten und Theoretikers Hakim Bey zitiert und das war ein Begriff, der damals schon so im Schwange war. Lustigerweise hat er den Begriff aus so einer amerikanischen Warte her erfunden. Aber das hat schon gepasst, weil das alte DDR-Regime nicht mehr existiert hat. Die hatten abgewirtschaftet. Das war schon im Sommer 1989 so langsam klar. Und spätestens als die Mauer fiel, war klar, die werden ihre Macht nicht halten können. Es hat ja dann bis zur Wiedervereinigung weniger als ein Jahr gedauert, vom 9. November 1989 bis zum 3. Oktober 1990. Man muss sich diese Dynamik kurz nochmal vor Augen führen. Innerhalb von nicht ganz einem Jahr war dieser Staat am Ende und Deutschland wurde wiedervereinigt.
 
In dieser kurzen Zeit herrschte schon so ein bisschen was wie Anarchie. Die Leute auf den Ämtern in Ost-Berlin waren verunsichert, weil die nicht wussten, was ist jetzt Sache und was ist das für ein System, das wir jetzt bekommen? Die kannten sich überhaupt nicht aus mit der Rechtslage. Man sah das ein bisschen an der Polizei, die extrem zurückhaltend war. Am Anfang gab es sogar sowas wie eine strategische Partnerschaften zwischen der Volkspolizei und den eher linken Hausbesetzern gegen virulente Neonazis, die es ja auch gab in der DDR und auch in Berlin-Mitte.
 
Oder die Hausbesetzer. Im Grunde ist man in ein Haus gegangen, hat geguckt, da steht eine Wohnung leer, dann ist man da reingegangen, hat ein Schloss vor die Tür gehängt und hat dann 3 Monate Miete bezahlt, weil man die Nummern hatte von der Wohnung… von der kommunalen Wohnungsverwaltung, die fast den gesamten Wohnungsbestand verwaltet haben. Dann hat man seine Miete einbezahlt und ist nach 3 Monaten hingegangen und hat gesagt: „So, ich wohne hier. Ich hab Miete bezahlt. Demnach sind wir einen Vertrag eingegangen. Jetzt hätte ich gerne bitte einen tatsächlichen Vertrag hier auf Papier!“ Das haben viele Leute gemacht.
 
Wir haben jetzt viel über Freiräume gesprochen, dürfen natürlich auch nicht die negativen Seiten vergessen, denn wenn eine Fabrik plötzlich ein Freiraum ist, heißt das ja auch, dass da die Produktion aufgehört hat und Leute arbeitslos geworden sind.
 
Man sah so ein leer stehendes Gebäude und dann war vielleicht gar nicht abgeschlossen, dann ging man da mal rein und dort hat man Geistersituationen vorgefunden. Man ging in ein Büro und da lag alles schön säuberlich aufgeräumt wie als hätte jemand da eben noch gesessen. Und das Telefon konnte man abnehmen, man konnte telefonieren. Da lagen noch die gespitzten Bleistifte auf dem Tisch. Und das hatte auch was Gespenstisches, weil damit klar war, dass da eine ganze Welt untergegangen ist für die Leute, die da drin gelebt haben.
 
 
Haben die Hausbesetzer dafür gesorgt, dass Berlin heute immer noch so aussehen kann wie es aussieht? Einfach, weil die Abrissbirne nicht einmal quer durch die Viertel ist?
 
Das kann man so sagen. Aber das ist jetzt nicht ein Verdienst der Leute, die nach der Wende gekommen sind, sondern das ist ein Verdient von Ost-Berliner Hausbesetzern, die tatsächlich mit dem Bewusstsein besetzt hatten, dass die DDR schon Abrisse plante. Wir sitzen jetzt grade im Paulysaal in der Auguststraße. Das war ein Sanierungsgebiet. Die war zum Teil zum Abriss vorgesehen. Und die DDR-Regierung hat tatsächlich die Häuser auch gezielt verfallen lassen. Noch während der DDR-Zeit, haben Leute hier Häuser besetzt oder haben sich noch schnell einen Mietvertrag geholt. Dann wohnte vielleicht noch eine Person in so einem Haus, nur um möglichst lang diesen Abriss zu verhindern.
 
Im Westen gab es das Bewusstsein, dass man die Gründerzeitbebauung erhalten muss. Und damit war nach der Wende auch klar, dass es eigentlich viel wertvoller ist, diese alten Häuser zu behalten als jetzt Tabula Rasa zu machen und hier so eine Platte hinzustellen.
 
 
Welche Bedeutung hatte eigentlich das Tacheles in der Clublandschaft Anfang der 90er?
 
Also, das Tacheles war, glaube ich, deswegen ein wichtiger Ort, weil es eben nicht nur ein Club war. Das Tacheles hat quasi alles abgedeckt, was diese Kultur ausgemacht hat. Das hat sich ja selber als Kunsthaus bezeichnet. Die hatten da Ateliers, anfangs haben Leute da auch gewohnt, es gab eine Kneipe im Erdgeschoss, wo auch Konzerte liefen, da spielten halt so Punk-Bands aus Tschechien. Es gab im Keller den Club „Ständige Vertretung“.
 
Dieses Künstlertum, die anfangende Clubkultur und auch die alte Undergroundkultur trafen sich da und weil das ein relativ großes Haus war und verkehrstechnisch gut lag, war das Tachles wie ein Einfallstor nach Ostberlin. Man stand sofort vor diesem beeindruckenden, sehr schönen, großen Rest dieses tollen Kaufhauses, das um 1910 gebaut worden war. Man sah von hinten aus dem Hof in so angeschnittene Räume rein und das symbolisierte halt auch viel. Allein durch seine Architektur, dieses „übrig geblieben sein“. Das war einfach eine Adresse, die wichtig war, weil sie so ein Anlaufpunkt war für viele Leute, auch die dann aus dem Ausland kamen, um sich das mal anzugucken dieses wilde Ost-Berlin nach dem Mauerfall.
 
„How long is now?“ wurde dort irgendwann an die Wand gepinselt…
 
„How long is now“ ist natürlich ein schönes Statement. Für mich spricht das eben von dieser Liebe zur Gegenwart oder vom Wunsch, den Moment zu ergreifen, wenn er da ist. Man muss ja so einen historischen Moment auch verstehen, dass er jetzt da ist und dann muss man sich den nehmen. Und wenn man sich den nicht nimmt, dann hat man ihn halt verpasst.
 
 
Hätte Techno zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in irgendeiner anderen Stadt so groß und so wichtig werden können als es hier in Berlin geworden ist?
 
Also Techno war wichtig in Großbritannien. Frankfurt war eine Techno-Stadt. Sven Väht darf man nicht vergessen. Ich glaube, das war ein Zeitphänomen. Das kam aus einer DJ-Kultur, das kam aus einer Diskokultur, auch aus bestimmten Drogenerfahrungen. Das gab es ja schon in den späten 80er-Jahren. Aber es war in Berlin das Feld dafür bereitet, dass man eben auch eine Partykultur installieren kann. Dass die Leute so feiern, so eine Ekstase sich herstellt, lag natürlich hier mehr in der Luft. Und die Möglichkeiten waren einfach da.
Und dann war da die Jugend aus Ostdeutschland. Die im Kindergarten und in der Schule noch diesen Sozialismus gelernt, vielleicht sogar eingebläut bekommen hat, die daran aber wahrscheinlich schon gar nicht mehr geglaubt hat, die gar nicht wusste, was denn jetzt los ist. Aber die natürlich wegen ihrer Jugend noch am ehesten in der Lage war, jetzt mal umzuschalten und zu sagen: Okay, dann gibt es jetzt eben was neues. Für diese Jugend war das, glaube ich, auch ein Ventil diese Musik zu hören.
 
Sind diese Technopartys eigentlich der erste Ort, wo die Wiedervereinigung funktioniert hat?
 
Ich denke schon. Das ist eine These, die haben auch viele Leute genau so aufgestellt und ich finde das auch völlig richtig. Dass dieser Dancefloor ein Ort ist, wo Leute zusammenkamen und es erstmal egal war, woher die sind. Das ist ja ohnehin die Utopie des Dancefloors, dass jeder willkommen ist. Das ist ja eigentlich ein republikanischer Ort. Und wenn du in den Tresor gehst und du gehst da in den Keller, dann weißt du nicht, ob du jetzt mit so einem Dresdner tanzt, dessen Vater Stasi-General war oder vielleicht widerständiger Pfarrer… das weißt du alles nicht. Du weiß auch nicht, vielleicht ist der aus Tübingen oder aus New York. Und da hat es schon stattgefunden, dass sich die Leute getroffen haben und sich auf eine ganz zwanglose Art und Weise sich austauschen konnten im Club. Vielleicht viel mehr als in einfach einer Bar oder im Café, wo man viel mehr schon seinen Habitus wieder mitbringt, und wo man ja auch viel schneller erkennt, mit wem man es da zu tun hat.
 
 
Kurze Beschreibung: Wer ist denn bitte Jutta Weitz?
 
Jutta Weitz ist im Grunde eine Person der Zeitgeschichte. Jutta Weitz hat bei der kommunalen Wohnungsverwaltung Mitte gearbeitet, die sich dann in die Wohnungsbaugesellschaft Mitte verwandelt hat nach der Wende. Und sie hat eigenhändig und freihändig versucht, Leuten, die in Ost-Berlin was machen wollten, das zu ermöglichen. Sei es jetzt ein Atelier, eine Galerie, ein Club, eine Bar oder was auch immer, auch die verrücktesten Ideen.
 
Jutta Weitz hat die Kultur und die Kunst sehr ernst genommen und hat die Praxis der Zwischennutzung mit erfunden und mit entwickelt. Und die war sehr wichtig für Berlin damals, weil es viel Raum in der Stadt gab, dessen Status unklar war.
 
Sie war auch in den Augen der Polizei irgendwann zuständige Person der Wohnungsbauverwaltung für den Eimer. Der Eimer war ein besetztes Haus, aber zugleich auch ein Club. Ein Kulturort, der sehr wichtig war, in der Rosentalerstraße. Und wenn die Nachbarn sich beschwert haben, morgens um 3: „Es ist zu laut!“, dann wurde halt Jutta Weitz angerufen. Dann musste Jutta Weitz sich mal die Jacke überwerfen und vielleicht mit dem Rad oder zu Fuß den Berg runtergehen und mal gucken, dass die Sache in Ordnung kommt.
 
 
Man darf natürlich nicht vergessen, aus den Straßen und Wohnungen, über die wir hier reden, sind während des Nationalsozialismus viele Juden vertrieben worden, viele wurden später ermordet. War denn diese Vergangenheit zur Wende-Zeit Thema in den besetzten Räumen, in den besetzten Clubs oder Kneipen?
 
Man hat in den 80er-Jahren und auch unmittelbar nach der Wende noch sehr viele Davidsterne gesehen: einfach als übrig gebliebenes Detail von einem Logo, vielleicht von einem Laden, oder auch im Häuserputz. Ich bin mir aber nicht sicher, wie präsent es den Leuten war, die hierhergekommen sind, weil für die halt tatsächlich die Gegenwart das Entscheidende war. Da hat man nicht so viel über Vergangenheit nachgedacht, sondern über so einem Raum, der einem jetzt zur Verfügung steht.
 
Es ist aber so, dass es darüber eine Debatte gab Mitte der 90er-Jahre. Wenn ich mich recht entsinne, war es Günter Jakob, ein Journalist aus Hamburg, der den Leuten auch vorgeworfen hat, in ihrem Sprechen über Mitte, die jüdische Geschichte einfach zu verdrängen und außen vor zu lassen.
 
Er hat das sehr stark zugespitzt, er hat seinerseits sozusagen die Geschichte des Sozialismus außen vor gelassen und gesagt: Ja, da wo ihr jetzt Party macht, da sind eben Leute vertrieben worden. Natürlich, das war polemisch zugespitzt, aber da war auch was dran.
 
 
Wie klang Berlin 1989/90?
 
Wenn man morgens um drei oder vier oder vielleicht schon um zwei Uhr aus einer Bar rausstolperte, dann ging man nach Hause und es war eigentlich nichts los auf den Straßen. Das heißt, man hatte fast das Gefühl, sich in einem Dorf zu bewegen. Die Nachtvögel hoben dann schon an zu singen, und man hörte Nachtigallen hier. Es gibt immer noch ein paar Ecken, wo die Nachtigallen singen morgens. Das hatte fast schon etwas Pastorales so des Nachts.
 
Ich kenne das, den Moment, wenn man im Winter nachts aus einem Club kommt. Und der Schnee liegt und alles total gedämpft ist. Eine völlig andere Welt.
 
Genau. Aber das würden die meisten Leute wahrscheinlich nicht mit dem Berlin dieser Zeit verbinden. Ist aber so. Also die Stille ist vielleicht sogar noch wichtiger als der Krach oder vielleicht kommt die Stille auch mehr zum Vorschein, wenn man vorher im Tresor war oder E-Werk.
 
Und Techno ist der Sound. Also spezifisch auch eine berlinische Form von Techno, die so ein bisschen minimaler ist, die so ein bisschen härter ist, die viel von dem Detroiter Techno so geerbt hat. Das ist schon der Sound, denke ich, den ich mit dieser Zeit verbinde. Andere Leute denken an „Wind of change“ von den Scorpions. Ich denke eher an so ein sattes Bumm Bumm Bumm, also relativ laut…
 
 
 
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