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„Die Gegner von Kohl haben mehrere Fehler gemacht.“

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HORST TELTSCHIK, HELMUT KOHLS AUßENPOLITISCHER BERATER, ÜBER DEN MISSGLÜCKTEN ANGRIFF VON SPÄTH UND DEN BREMER PARTEITAG, AUF DEM ZU WENIGE ERKANNTEN, WIE NAH DEUTSCHLAND VOR DER EINHEIT STAND.
 
 
Wir sind mit Horst Teltschik in seiner bayerischen Heimat verabredet, ein nebelig regnerischer Tag am Tegernsee. Es ist ein langes, spannendes Gespräch über den 2+4 Vertrag, den außenpolitischen Weg zur Deutschen Einheit, den Teltschik maßgeblich mit verhandelt, mit bestimmt, mit erlebt hat. Am Ende des Gesprächs noch ein paar Worte zum Bremer Parteitag.
 
 
Schlüsselmoment unmittelbar vor Beginn des Bremer Parteitags: Kohl verkündet, dass die DDR Flüchtlinge in Ungarn in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Der damalige ungarische Ministerpräsident MIKLOS NEMETH stimmt zu, dass Kohl das zur tageschau-Zeit vor der Presse verkünden darf. Wie zufällig war das von Ihnen eingefädelt?
 
Nehmet hat angekündigt, dass er den Termin mit mir abstimmen wolle. Wir kannten uns. Die Terminvereinbarung hat sich nicht danach gerichtet, dass jetzt der Parteitag auf uns zukommt, sondern wie die Politik Ungarns sich einfügt. (Siehe dazu Folge 1 von Geschichte treffen: „Ich will nur raus! Der letzte Sommer am Eisernen Vorhang“ mit einem ausführlichen Interview mit Miklos Nemeth) Das es dann der 10. September geworden ist, an dem Vorabend des Parteitages, war eine glückliche Fügung, gegen die ich keine Einwände hatte. Denn wir hatten die Rede des Bundeskanzlers vorbereitet. Ich war für den Deutschland und Außenpolitischen Teil zuständig. Und wenn sie ihn lesen, haben wir in diesem Teil ja schon von der Vision der deutschen Einheit gesprochen, in Bezug auf die gemeinsame Erklärung zwischen Helmut Kohl und Gorbatschow vom Juni 1989 in der zum ersten Mal die Sowjetunion bereit war, das Thema Selbstbestimmungsrecht der Völker schriftlich fest zu halten und die Aussage, dass das internationale Völkerrecht nach innen wie nach außen gelten müsse. Und in Bezug auf diese Aussage, sprach ich in dieser Rede von der Vision der deutschen Einheit.
 
Die Ankündigung der Grenzöffnung und seine Rede, dass jetzt die Perspektive einer Deutschen Einheit möglich ist, hat ja kaum Wirkung gehabt auf dem Parteitag. Ich war tief entäuscht. Weil ich sagte: über was reden wir eigentlich bei diesem Parteitag? Da verändert sich Deutschland, Europa und die Welt und keiner nimmt Notiz davon nach dem Motto: Jetzt redet der schon wieder von der Deutschen Einheit. Jetzt redet der schon wieder über Selbstbestimmungsrechte der Deutschen.
 
Der Einzige, der wirklich reagiert hat, war der Botschafter Kwizinskii, der sowjetische Botschafter. Der kam am nächsten Tag ins Büro und sagte „Herr Teltschik: so nicht!“ Wörtlich: „So nicht!“ Da hab ich gesagt: Herr Kwizinskii. Jeder in der Sowjetunion weiß, was wir in Deutschland unter dem Selbstbestimmungsrecht der Völker verstehen. Ja und der Parteitag hat überhaupt nicht reagiert. Nach dem Motto: immer diese üblichen Aussagen.
 

Nochmal: Sie haben organisiert, dass Kohl die Nachricht schon vor Nehmet um 20 Uhr zur besten Tageschau-Zeit loswerden konnte.
 
Wir haben natürlich auch immer ans Verkaufen gedacht. Das ist klar…
 
Mussten sie Boden gut machen, für den Parteitag? Mussten Sie eine gute Message organisieren, damit er den Parteitag übersteht?
 
Ich hatte keine Zweifel, dass er den Parteitag übersteht. Denn was die „potentiellen“ Gegner von Helmut Kohl betraf: Sie haben mehrere Fehler gemacht. Der erste war: wenn man Helmut Kohl als Parteivorsitzenden ablösen will, unter dem Gesichtspunkt der Trennung der Ämter, dass er Kanzler erst mal bleiben soll aber den Parteivorsitz abgibt, dann hätten die Beteiligten wissen müssen, dass vom ersten Augenblick an Helmut über eine solche Initiative unterrichtet wurde. Helmut Kohl kannte die Partei wie seine Hosentasche. Er hatte in allen Bundesländern seine Freunde und Kontakte und das erste war, dass einer von denen zum Telefon griff und Helmut Kohl warnte, was sich da entwickelte.
 
Das Zweite, warum’s nicht klappen konnte: Helmut Kohl hatte, als er antrat als Parteivorsitzender, den Hut offen in den Ring geworfen. Damals gegen Reiner Barzel. Und mit Pauken und Trompeten beim ersten Mal verloren. Und trotzdem gesagt, dann trete ich das nächste Mal an. Er hat also eine offene Außeinandersettzung gewählt. Hier (1989) haben die Gegner von Helmut Kohl in der Partei versucht, über eine vertrauliche Initiative eine Mehrheit gegen Kohl zu schaffen.
 
Also Lothar Späth war sicher ein wichtiger Ministerpräsident eines wichtigen Landes. Er hätte viel mehr Gewicht gehabt und Wirkung gehabt, wenn er öffentlich angekündigt hätte: Ich trete gegen Helmut Kohl als Parteivorsitzender an, so wie es Helmut Kohl selbst immer getan hat. Aber diese vertraulichen Mauscheleien haben ihn geschwächt, auch bei vielen Delegierten. So geht man miteinander nicht um. Entweder offen oder man lässt es.
 
Und Frau Süssmuth, zu der ich persönlich eine gute Beziehung hatte, war nicht stark genug um hier Wirkung zu haben. Dazu war sie viel zu anständig und liebenswürdig. Das war keine Revelutionärin.
 
 
Welche Rolle hat denn Biedenkopf eigentlich gespielt?
 
In dieser Phase hat er nicht im Vordergrund gestanden. Er war immer schon, sehr früh, für eine Trennung der Ämter. Das war immer seine Position. Helmut Kohl war immer dagegen. Und das Problem von Biedenkopf war am Ende, dass es ihm auch nicht gelungen ist, wirklich eine Basis in NRW zu gewinnen als er Parteivorsitzender war. Ich habe immer gesagt: Biedenkopf ist ein Intellektueller. Der überfordert die Partei. Er hatte ständig Ideen. Bevor die Partei begriffen hatte, was er will, hatte er die nächste Idee. Das war mein Eindruck. Er hat im Prinzip die Partei ständig intellektuell überfordert.
 
 
Sie haben Kohl eng begleitet. Wie haben sie ihn auf diesem Parteitag erlebt?
 
Eigentlich erstaunlich gelassen. Er saß permanent auf der Bühne, er hat die Bühne nicht verlassen. Und das sagt ja genug aus. Er wollte den Parteitag in jedem Augenblick unter Kontrolle haben. Und das hat auch seinen Eindruck nicht verfehlt.
 
 
 
 
 
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