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„Die Schnellen fressen die Langsamen.“

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„NICHT DIE GROSSEN FRESSEN DIE KLEINEN – DIE SCHNELLEN FRESSEN DIE LANGSAMEN.“
TREFFEN MIT BUNDESLIGA-LEGENDE REINER CALMUND.
 
 
Reiner Calmund war der Schnellste. Verpflichtete unmittelbar nach der Wende mehrere Spieler aus der DDR für seinen verein Bayer Leverkusen. Seine Geschäftstüchtigkeit ist legendär. Wir treffen ihn am Rande eines PR-Termins in Wiesbaden. Er ist, wie man ihn kennt. Herzlich, vereinnahmend, glänzender Erzähler. An dieser Stelle nur ein kurzer Ausschnitt.
 
 
13. November 89. DDR-Auswahl in Österreich zur WM-Quali. Die Legende will es, dass Sie Wolfgang Karnath in Wien ins Stadion geschleust hatten und er schon während des Spiels auf der Spielerbank DDR-Spieler angesprochen hat: Calmund will Sie morgen treffen. Stimmt das so?
 
Wir waren ja die ersten, die an den Spielern dran waren vom Westen. Ich darf Ihnen hier versichern, wir hätten ja auch gar keine Chance gehabt, da ins Trainingslager rein zu gehen. Mit den Spielern wurde so schnell wie möglich Kontakt aufgenommen nach dem Spiel. Das ist richtig, das haben wir auch gemacht. Sehr konsequent.
 
Also wir hatten genug sportliche Kompetenz im Stadion. Genau wie auch die anderen Bundesliga-Vereine. Aber ich habe gesagt, wie komme ich da gut an die dran? Also: Karnath, ich habe den dann akkreditieren lassen, bisschen über Beziehungen, als Sportfotograf in diesem Spiel. Der Karnath wollte das eigentlich gar nicht. Der wollte lieber als Vereinsarzt oder Mediziner, das konnte ich natürlich nicht, ihn da als Arzt akkreditieren lassen. Als Fotograf, das ist mir gelungen, da stand der auch mit einer Silberkiste im Stadion. Dem habe ich gesagt finde mal da die Adressen raus.
 
Das war ein cleveres Kerlchen, er ist ja nicht direkt auf die Spielerbank gegangen sondern in der Schlussphase als das Spiel schon 3:0 stand und sich alles so ein bisschen aufgelöst hat, Auswechslungen, da war Action auf der Spielerbank und da hat er sich die letzten 10 Minuten da hingesetzt und ein bisschen Tuchfühlung zu Matthias Sammer aufgenommen. Er hatte dann die Adressen von allen drei, die Telefonnummern.
 
Ich bin dann bereits am Donnerstagmorgen von Köln nach Berlin geflogen, kam an, hatte die Adressen, wir sind also keine 24 Stunden nach dem Spiel bei Andreas Thom im Wohnzimmer.
 
Was haben sie ihm gesagt?
 
Ich habe ihn gefragt: Kannst du dir vorstellen, nach Bayer Leverkusen zu wechseln? Wenn ja, werde ich das schnell und offiziell in die Wege leiten. Das war für den auch wichtig. Das war das größte Talent, Fußballer des Jahres in der DDR, aber auch ein ängstlicher Typ. Ich hab dann im Grandhotel in der DDR sofort ein Briefchen aufgesetzt. Meine Sekretäring hat’s dann versucht per Fax an den Deutschen Turn- und Sportbund zu schicken. Das ging nicht, die hatten auch kein Fax 89. Dann haben wir noch mal den alten Telexapparat rausgekramt, mit dem Streifen. Da stand drin: Sehr geehrter Herr Zack zack zack, wir sind interessiert an einer Verpflichtung von Andreas Thom. Aufgrund der neuen Situation möchten wir mit Ihnen gerne ein offenes, faires Gespräch führen. Wir sind da sehr offen dran gegangen. Drei, vier Wochen später konnten wir den ersten und einzigen offiziellen Transfer des DDR Spieler des Jahres in die Bundesrepublik verkünden.
 
Wahnsinnig schnell. Sie haben gerade gesagt, ihnen war der Respekt und der Umgang wichtig…
 
Sie müssen sich vorstellen, wenn ich da reinkomme in die Wohnung. Ich sehe, das Haus ist privilegiert, die Wohnung auch sehr westlich eingerichtet, und trotzdem hab ich das Gefühl, nicht ohne Grund, die Tapeten haben Ohren. Also muss ich eine Empathie entwickeln für die Menschen, die in dem Raum sitzen. Die sagen, pass auf, die hören jetzt was der uns fragt und was wir antworten. Und so hab ich auch da schon nur das besprochen, wo der Junge klar zu stehen konnte, ohne Probleme in der DDR zu bekommen.
 
Können Sie den Ärger von Ede Geyer verstehen?
 
Der Ede ist ja ein sehr emotionaler Mensch, sehr guter Trainer, aber das ist ja das Geschäft, wenn ich sage, mir wollen den gerne haben, dann kommt es darauf an, wer am schnellsten ist. Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen in unserer heutigen Welt.
 
Das waren harte Verhandlungen. Und damals, wir haben für Andreas Thom, ich sag mal eine Cashsumme von zwei Millionen ausgehandelt, da haben wir Schweißausbrüche gekriegt zu der damaligen Zeit. Und dann noch mal eine Vereinbarung, dass er an Spielen, je nachdem wie viele Spiele er macht, für jedes Spiel noch etwas drauf gelegt wird auf die Transfersummer. Über zwei Millionen, da lachen wir heute drüber. Das war damals noch neu und 1989 ne riesen Nummer.
 
Wir haben dann ja ein halbes Jahr später den Ulf Kirsten für 3,75 oder wat verpflichtet. Das war für uns der absolut höchste Transfer der Vereinsgeschichte.
 
1989 waren das die Topverdiener. Die waren im Grunde bei 300.000. Und dazu gab’s dann noch Siegprämien. Mit UEFA-Cup, mit allem konnte man auf 500.000 brutto kommen. Aber stell dir mal vor, wie viel Geld das ist. Ne halbe Million West! Die sind durchgedreht. Das war bei uns faire Bezahlung auch in unserem Gehaltsspiegel.
 
Die hatten natürlich das große Glück. 1989 kam Bertelsmann zu uns und sagte: wir wollen gerne die Fernsehrechte der Bundesliga kaufen. Die haben 135 Millionen auf den Tisch gelegt und die öffentlich-rechtlichen zu diesem Zeitpunkt 15 – 18 Millionen komplett bezahlt. Das war natürlich ein riesen Quantensprung. Und wissen Sie wo das Geld dann immer hingeht? Zu den Spielern. Und so hatten die Jungs aus dem Osten zweimal Glück.
 
Welchen Anteil hatte eigentlich Jörg Neubauer an den Verhandlungen?
 
Man muss zuerst mal sagen, Neubauer ist der Sohn des ständigen Vertreters der DDR in der Bundesrepublik. Er war also schon ein cleveres Kerlchen. Jetzt kann man sagen, die hatten das im Urin oder in der Fingerspitze, ausgerechnet ein paar Wochen vor dem Mauerfall, das kann Ihnen vielleicht Jörg Neubauer besser erklären, woher kam dieses Fingerspitzengefühl? Schließen mit allen DDR-Spielern Profiverträge ab. Vor dem Mauerfall. Einige Wochen davor. Ich hab das dann auch immer wieder gehört, dass alle Vereine innerhalb einer Woche mit dem Paket der Spielerverträge nach Berlin mussten. Da wurden die dann legalisiert. Und somit waren eigentlich mehr oder weniger beim Mauerfall alle Spieler Profis, standen unter Vertrag.