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„Die Schnörkellosigkeit von Techno hat mit Berlin einfach gut zusammen gepasst.“

Danielle
 
MODEMACHERIN UND KÜNSTLERIN DANIELLE DE PICCIOTTO ÜBER ZWEI WOCHEN IN BERLIN – DIE ZU JAHREN WURDEN. SCHNÖRKELLOS, FARBENFROH, HART UND HERZLICH.
 
Sie wollte ursprünglich nur zwei Wochen Urlaub machen – und blieb dann für Jahre. Heute reist Danielle einer urbanen Nomadin gleich durch die Welt, an keinem Ort länger als ein paar Monate. Ich treffe sie direkt am ehemaligen Mauerstreifen zwischen Mitte und Kreuzberg zu einem Spaziergang durch ihren alten Kiez.
 
 
Danielle, in deinem Buch schreibst du: In 1987, I fell in love with Berlin. Warum hast du dich in Berlin verliebt damals?
 
Es war es ein Paradies für Künstler. Es war total preiswert, und es war nicht so gefährlich wie New York.
 
Von einigen wird die Szene in West-Berlin als muffig beschrieben, als langweilig, da wird von der Tresensteher-Generation gesprochen. Wie hast du das denn wahrgenommen?
 
Tresensteher? Also gar nicht. Überhaupt nicht. Für mich war Berlin die aufregendste Stadt der Welt damals. Als ich von New York nach Berlin kam, war das für mich absolut gleichwertig. Was an Berlin ganz typisch war: dass es allround-Künstler gab. Viel mehr als in anderen Städten Deutschlands oder auch in Amerika. Also ob das jetzt Francois Cartus war von Stereo total oder Oliver Körner von Gustav oder Wolfgang Müller… also da gab es eine riesige Szene von Leuten, die eben in allen Bereichen am Machen waren und dadurch gab es ein wahnsinnig enges Zusammenspiel zwischen Mode, Musik, Literatur und der Clubszene.
 
Die Ost-Berliner hat man dann später erstmals in den Clubs kennengelernt. Ansonsten gabs da keinen wirklichen Ausrausch. Also ich hab jetzt nicht mit Leuten auf der Straße gesprochen und wie geht’s dir jetzt gesagt. sondern ich hab in den Clubs sofort sehr schnell Ost-Berliner kennengelernt, die dann Türsteher waren oder mit mir am Tresen gearbeitet haben.
 
Wie war das direkt an der Mauer zu leben? Im Grunde ja in Sichtweite von Grenzbeamten, die in Ihren Türmen gestanden haben.
 
Ich fand das gut. Die 80er Jahre waren ja eigentlich eine sehr politische Zeit mit dem Kalten Krieg und was mich eigentlich immer gestört hatte wart, dass man das eigentlich nie sieht. Und als ich die Mauer sah, da dachte ich, da sieht man es wenigstens. Da kann man wirklich sehen, womit man es zu tun hat und deswegen fand ich das auch gut, eine Wohnung zu haben, von der aus ich direkt über die Mauer schauen konnte. An einem Wachturm vorbei in den Osten. Dann hab ich allerdings auch gemerkt, dass die Wachmänner mich auch beobachtet haben – im Badezimmer. Mit ihren Ferngläsern.
 
Das ist ja auch apart. Wie waren deine Eindrücke von Ost-Berlin?
 
Ich hatte ne Freundin, auch ne Amerikanerin, die hatte sehr schnell ein Angebot bekommen einen Ost-Berliner zu heiraten. Der hatte ihr gesagt, dass er ihr 10.000 Mark zahlt, wenn sie ihn heiratet.
 
Damit er dann rüber kann?
 
Ja! Sie hat mich dann in den Osten eingeladen, zu einer Geburtstagsparty von Udo Lindenberg – was sich aber damals nicht wusste. Und ich hab auf dieser Party alle möglichen Modedesigner und Künstler kennengelernt.
 
 
DER SOMME DER SELBSTERMÄCHTIGUNG
 
Wie sah denn Ost-Berlin vor dem Mauerfall aus?
 
Also ich hatte immer größtenteils ein Gefühl von Leere. Von Leerheit. Die Straßen waren leer, die Läden waren leer. Ein paar Trabis ab und zu. Man hat schon mitbekommen, dass die extrem aufpassen müssen die ganze Zeit, dass sich alle sehr bewusst waren, in was für einer Situation sie leben und dass sie immer sehr vorsichtig waren, wie sie sich bewegt haben, und mit wem sie was zu tun hatten.
 
Kannst du was anfangen mit dem Begriff Temporäre Autonome Zone?
 
Das ist mir beinahe schon zu politisch. Keiner wusste, wem was gehört und was man machen kann und was ich daran ganz toll fand, war, dass es eigentlich ausschließlich positive Ergebnisse hatte. Es war nicht so, dass die Leute Sachen zerstört haben, also in meinem Umfeld zumindest nicht, oder irgendwelche negativen Zusammenstöße gab. Sondern dass alle eher wie Kinder im Wunderland waren.
 
Der Sommer 1990 wird als Sommer der Selbstermächtigung beschrieben. Hat sich das so angefühlt?
 
Also ich glaube wir haben uns als Berliner sowie so sehr selbstermächtigt gefühlt in allem weil das Credo von allen immer war: Wir akzeptieren keine Regeln, wir machen, was wir für richtig halten, wir stellen alles in Frage. Es war im Prinzip die unglaubliche Situation, dass man als Künstler oder Musiker oder Berliner auf komplett unbehinderte Art und Weise etwas entdecken konnte und machen konnte, was man wollte, ohne dass es gestoppt wurde. Eine Experimentationsphase, wie so ein Forschungsmoment.
 
 
DIE SCHÖRKELLOSIGKEIT VON TECHNO SPIEGELTE DIE SCHNÖRKELLOSIGKEIT DER STADT
 
Deine erste Begegnung mit Techno?
 
War in London. Da sind Motte und ich zusammen nach London geflogen. Sein erster Flug überhaupt – als Berliner… Da haben wir jedenfalls unsere erste Acidhouse Party erlebt. Das hat uns beide dann so inspiriert, dass wir die ersten Acidhouse Partys in Berlin organsiert haben in der Turbine.
 
Was hat dich daran so inspiriert? Was hat dich daran so gefesselt an der Musik?
 
Berlin war ja vorher sehr existentialistisch, schwarz, depressiv, melancholisch. Die genialen Dilettanten. Das fand ich super aber: Ich hab Farben geliebt. Wie man auch an meiner Mode sehen kann. Und Techno war für mich die farbige Version von der schwarz-weiß-Version der Welt, die musikalisch vorher herrschte.
 
Hat es sofort gefunkt?
 
Ja! Die Anfänge von Techno waren ja experimentelle Sound- und Rhythmusexperimente, das hat mir super gut gefallen. Heute hab ich sehr wenig mit Techno zu tun aber damals am Anfang fand ich das super, weil es im Prinzip alles über den Haufen geworfen hat. Also dass es keine Texte gab, keine Lyrics dass es hart war und einfach und irgendwie unangepasst, das fand ich super!
 
Wie passte die Technomusik genau in diese Zeit und genau an diesen Ort?
 
Sowohl Ost- als auch West-Berlin waren sehr basic. Es waren ja keine wirklichen Modestädte vorher. Es gab den Metzger, den Bäcker, ein paar Klamottenläden, es war alles sehr reduziert und Techno ist ja im Prinzip auch eine Stilrichtung, die sehr reduziert ist, sich auf Rhythmus und auf Sound reduziert. Und ich glaube deshalb, dass dieses Gefühl der Schnörkellosigkeit sowohl in der Musik mit Berlin so gut zusammen gepasst hat.
 
Das Gefühl von Freiheit für die einen, war für andere große Herausforderung und Druck. Der Staat bricht zusammen, man weiß nicht, was mit der eigenen Zukunft passiert, mit der Arbeitsstelle, ganz existentielle Fragen…
 
Also ich denke, dass Musik oder jede Form von Kunst einen zum Vergessen bringen sollte, dass man kurz aus diesem ganzen Alltag rausgehoben wird in irgendwelche andere Gefilden. Techno konnte einen durch dieses Repetitive in eine Art Trance bringen. Das ist schon eine Art von musikalischer Hypnose. Vor allem am Anfang, als es eben noch so basic war, wo es wirklich keine Melodien gab und keine Texte.
 
Du sprichst von einer sehr harten Musik, von einer sehr radikalen Musik und gleichzeitig sagst du, das ist eine Musik der Farben. Wie passt das zusammen?
 
Verrückterweise war ja Techno von Anfang an eine sehr positive Sache obwohl die Musik so hart war. Was ich wiederum das Faszinierende daran fand. Techno war von Anfang an eine Mischung von Hippie und Punk für mich. Punk, weil es so hart war; Hippie, weil die Leute so freundlich waren. In den Clubs hat man sich umarmt, statt sich zu prügeln. Xtasy war ja das Ding in der Technoszene, im Vergleich zu Heroin vorher in Berlin mit Iggy Pop und David Bowie und diese ganzen Sachen . Die Herangehensweise war extrem positiv und deshalb für mich auch so farbenprächtig.
 
 
DAZED AND CONFUSED
 
Also du durch Ost-Berlin gegangen bist, gelaufen bist nach dem Fall der Mauer, war dir da sofort klar, was für ein Freiraum da ist? Um kreativ zu sein, um Partys z machen, um Kunst zu zeigen?
 
Als ich anfing durch Ost-Berlin zu laufen, war ich erst mal sprachlos
Und dann fing es relativ schnell an, dass man dachte: Das ist ja alles leer. Oh mein Gott. Das ist ja perfekt. Da kann man ja alle möglichen Sachen machen und dann fing es direkt an: Sollen wir nicht, können wir nicht da irgendwelche Themenpartys machen…
 
Ich hatte einen Freund, der hat sich direkt sechs Wohnungen unter den Nagel gerissen – es war ja damals so: wenn du in eine Wohnung reingegangen bist und ein Schloss drangehängt hast, dann war es deine. Das war auch ein Künstler und der hatte dann sechs auf einmal, so richtig große mit sechs, sieben Zimmern. Wo ich dann meinte, was willste du denn damit machen und er so: Keine Ahnung, keine Ahnung!
 
Ich muss nochmal nachfragen. Du sagst, da kommt jemand von West-Berlin nach Ost-Berlin und nimmt einfach mal sechs Wohnungen in Beschlag. Wie haben eigentlich die Ost-Berliner auf sowas reagiert?
 
Es waren eigentlich alle im gleichen Zustand. Dazed and confused. Alle waren irgendwie verwirrt und verwundert und liefen irgendwie verwirrt und verwundert rum. Es war wie in einer Traumsituation, wo alle nur so rumlaufen und AHA sagen, das könnte man doch machen, passiert jetzt irgendwas? Nö! Dann lass uns das mal ausprobieren.
Wie so ein Kind, dass anfängt zu laufen, so ein zustand war das.
 
 
ROSEN IM E-WERK UND EINE NACHT AUF DEM DACH ÜBER BERLIN
 
Du hast erzählt, ihr habt Räume entdeckt – wie hat sich das denn abgespielt? Seid ihr einfach eine Straße entlang, habt geguckt und gesehen: leer, find‘ ich interessant?
 
Zum Beispiel das E-Werk. Da sind Motte und ich mal den Todesstreifen runtergelaufen an irgendeinem Sonntag Nachtmittag und sind ans E-Werk gekommen und das war komplett verlassen. Tür auf, wir sind rein und da konnte man die ganzen Etagen hoch laufen.
Und als wir dann oben ankamen haben wir gesagt, das wär eigentlich der perfekte Ort, um ne Party zu machen. Und dann haben wir das angekündigt, und alle mussten mit einer Rose kommen. Wir haben im obersten Stock einen Plattenspieler hingestellt mit Lautsprechern und haben dann da Party gemacht. Es war ziemlich laut und wir haben dann gehört wie die Polizeisirenen rumfahren, aber sie konnten es nicht orten weil es ein Echo gab und die dachten das wäre alles irgendwo ganz anders. Und wir saßen auf dem Dach bis morgens und haben uns die Gegend angeguckt.
 
Ein romantischer Moment!
 
Ja, total. Und alles war voller Rosen, es hatten alle Rosen mitgebracht, 400 – 500 Leute und der ganze Boden war voller Rosen. Und da haben wir meiner Meinung nach weniger getanzt, sondern einfach nur auf dem Dach gesessen und geguckt. Weil alle noch immer so sprachlos waren.
 
Hattest du den Eindruck, dass Techno dabei geholfen hat eine Generation ein wenig zu befreien von historischem Ballast, ein junge Generation, die sich dann aufmachen konnte und sich fragen konnte, wofür stehen wir eigentlich in Zukunft in Deutschland?
 
Absolut! Also ich glaube, dass Techno in der Hinsicht viel mehr gemacht hat als andere Musikrichtungen. Auch im Vergleich zu Rock oder zu Hip Hop ist Techno eine Musik gewesen, mit der sich grade Menschen in Ost-Deutschland total identifizieren konnten, weil es eben darum ging, dass es keine Hierarchien gibt oder dass es nicht darum geht, dass einer reich oder arm ist. Die Rockszene z.B. war da viel abweisender auf eine gewisse Art und Weise.
 
Wenn du sagst, die Verbote waren weg. Würdest du sagen, dass diese Zeit 1990/1991 in Berlin die freieste Zeit war, die du erlebt hast?
 
Auf jeden Fall. Das war die freieste Zeit, die ich je erlebt habe.
Ich hab das so geliebt damals! Mein Vater war total entsetzt damals, der hat mich mal aus NY besucht und ich meinte: Das ist die schönste Stadt der Welt. Und er meinte nur: Was?? (lacht) He said: You are complete nuts. Come home! Der dachte, ich bin komplett verrückt geworden, das war lustig.
 
 
 
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