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„Droht unserer Generation ein ähnliches politisch-moralisches Versagen, wie der Generation unserer Eltern?“

 

 

DER DAMALIGE BUNDESAUßENMINISTER JOSCHKA FISCHER ÜBER DIE PAZIFISTISCHE DEBATTE IN DER WESTDEUTSCHEN LINKEN VOR DEM KOSOVO-KRIEG 1999

 

Zum ersten mal in ihrer Geschichte kommen die Grünen in bundesweite Regierungsverantwortungen. Die Partei hat pazifistische Wurzeln. Viele in der Partei pflegen noch immer eine pazifistische Grundhaltung. Doch schon während der Koalitionsverhandlungen, noch bevor die Koalition vereidigt ist, verständigen sich Schröder und Fischer am 12. Oktober 1998 in Bonn mit Bundeskanzler Helmut Kohl, der Mobilisierungsentscheidung der NATO durch die Freigabe der „activation order“ zuzustimmen, unter Vorbehalt der Genehmigung des noch amtierenden Bundestags dem Kommando des NATO-Oberbefehlshabers in Europa 14 deutsche Tornadoflugzeuge für Luftoperationen zu unterstellen.

 

Das ganze ist besonders für die Grünen eine innerparteiliche Herausforderung. Schon in einem Brief vom 30. Juli 1995 an die Bündnisgrüne Bundestagsfraktion schrieb Fischer unter dem Eindruck des Krieges in Bosnien: „Eine Opfer und Gewalt vermeidende politische Alternative in der gegenwärtigen Lage in Bosnien ist nicht in Sicht, und diese bittere Tatsache muss grade eine gewaltfreie Partei herausfordern.“ Und: „So wird weiter die quälende Frage gestellt, droht unserer Generation jetzt nicht ein ähnliches politisch-moralisches Versagen, wie der Generation unserer Eltern und Großeltern?“

 

Nun also 1998 – Deutschland steht kurz vor dem ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine besondere politische Zäsur. Ausgerechnet Fischer ist Vize-Kanzler. „Nie wieder Krieg“ und „Nie wieder Auschwitz“. Zwei Überzeugungen, die für Fischer nie zum Widerspruch wurden – bis eben zum Bosnienkrieg 1995. „Weil plötzlich die Frage im Raum stand: Krieg zur Abwehr eines Völkermords oder Völkermordversuchs?“

 

 
HIER ist der Film in der ZDF mediathek zu sehen.