image

„Es ging darum, dem Staat demokratische Freiräume abzutrotzen.“

Foto Ekke Maaß
 
 
DER PUBLIZIST UND LIEDERSÄNGER EKKE MAAß ÜBER BITTERE GRENZEN DES DDR-SYSTEMS, LEGENDÄREN NUDELSALAT UND DAS GEFÜHL, HEUTE NICHT MEHR DAZUZUGEHÖREN.
 
Ekkehard Maaß ist Institution und lebende Legende. Die Wohnküche von Wilfriede und Ekke Maaß war einer der Orte im Prenzlauer Berg der 80er Jahre, an denen sich Autoren, Künstler, Intellektuelle zu Lesungen trafen. Die Geschichte dieses Ortes, der Irrungen und Wirrungen seiner Besucherinnen und Besucher, füllen inzwischen Bücher und Filme. Jedes Bild an der Wand, die Kirchenbänke aus der Heimat Naumburg auf denen man um den großen Holztisch sitzt, die Grafiken in den Mappen, die unzähligen Fotos – alles alles Geschichte und Geschichten. Ekke Maaß bietet mir russischen Tee an und verbreitet einen scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Lebensenergie.
 
 
Ekke Maaß, können Sie mir mal beschreiben wie der Prenzlauer Berg eigentlich aussah, Anfang der 80er?
 
Das war eine fantastische Nachkriegslandschaft.
 
Wieso fantastisch?
 
Weil das eine unheimliche, romantische Schönheit hatte, weil die Häuser alle Gesichter hatten. Die hatten alle die Spuren, bis hin zu Einschusslöchern des Krieges und diesen verrotteten Hinterhöfen. Natürlich war das alles grauenvoll und verfallen und es war schmutzig und es war entsetzlich. Aber es hatte Atmosphäre.
 
Die Häuserwände waren schwarz!
 
Vom Kohledreck. Selbstverständlich. Es gab auch überall noch Kohlehandlungen. Mit denen hatte man auch seine Freundschaften. Wenn man mal was zu transportieren hatte, dann borgte man sich so einen Kohleplattenwagen. Damit habe ich auch damals den ganzen Umzug bewerkstelligt. Aber dieses Wort: Prenzlauer Berg Connection. Oder Prenzlauer Berg Szene, oder Dichter-und-Maler-Szene vom Prenzlauer Berg, das ist eigentlich eine spätere Erfindung.
 
Der Prenzlauer Berg hat ja seinen besonderen Charme, weil dort auf relativ engem Raum eine Verbindung bestand zwischen dieser Intellektuellen-Szene und den Künstlern, die da noch ihre Ateliers in den Hinterhöfen hatten, in den ehemaligen Fabrikgebäuden – und andererseits der Arbeiterschafft, die hier ja auch lebte. Man muss sich auch vorstellen, dass sich die Gesellschaft total gewandelt hat. Früher waren die produktiven Arbeiten vorherrschend. Und jetzt sind es immer mehr die Dienstleistungen. Aber damals ging man auch noch richtig „arbeiten“.
 
Den Begriff „Prenzlauer Berg Connection“ hat Adolf Endler geprägt. Ein Autor, der bei mir oft gelesen hat. Das hat ja auch eine Tradition. Auch bei der älteren Generation gab es solche Treffen, bei denen vorgelesen wurde. Eine Zeit lang kam sogar Günther Grass zu diesen Lesungen. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und dem Weggang so vieler Autoren und Dichter, bestand einfach Interesse an denen, die geblieben waren. An der neuen Generation. Wie schreiben die, was denken die, wie ticken die? Dass die die Sprache zerlegten und sie scheinbar reinigten von ihrem geschichtlichen, ideologischen Ballast. Das war ein Neuansatz.
 
Das war übrigens auch ein ganz wichtiges Element unseres damaligen Lebensgefühls: Dass man nicht alleine war. Also bei jeder Ausstellungseröffnung, bei jedem Event war ein Großteil der ganzen Szene versammelt.
 
 
 
Jetzt hängt bei Ihnen an der Wand ein Bildnis von der Grablegung von Wolf Biermann. Ein Symbol. Als er ausgebürgert worden ist, was hat das für Sie bedeutet?
 
Biermann war weg. Ich war erst mal schutzlos. Also ich fühlte mich schutzlos. Aber ich wusste sofort: So eine Wohnung wie Wolf Biermann, so eine Wohnung möchte ich wiedererschaffen. Die ersten Veranstaltungen waren sporadisch. Also so, wie ich Leute kennenlernte, habe ich sie einfach eingeladen. Und ab 1979 waren diese Lesungen dann regelmäßig.
 
Wie sah so ein Abend aus?
 
Es begann damit, dass man erst mal die Verpflegung organisiert hat. Ich habe diese in der DDR legendären Nudelsalate bereitet. Das waren immer 4 Päckchen, 500g Packungen Spirelli. Die wurden bissfest gekocht und dazu kamen Zwiebeln und Kräuter. Und da gab es solche Büchsen, Rind und Schweinefleisch gemischt. Die kamen dazu. Aber auch Äpfel und Fürchte und Sauergurken. Das war ein großer, sehr nahrhafter Salat. Da gab es riesige Schüsseln von. Denn da kamen ja auch 60-70 Leute, die Hunger hatten.
 
Wenn es dann um acht wurde, war das immer ein sehr aufregender Moment. Kommen überhaupt Leute oder nicht? Und die kamen aber dann in der Regel in Scharen. Erst waren es 40, dann 60 dann 70 dann 80 und zum Schluss 120. Der Charakter dieser Szene änderte sich dann mit der Zeit. Am Anfang waren es wirklich vorrangig Autoren und Künstler. Es wurde furchtbar geraucht. Und diese Lesungen waren nicht vordergründig politisch – aber es ging darum, dem Staat demokratische Freiräume abzutrotzen.
 
Haben Sie daran geglaubt, dass sich die DDR erneuern lässt?
 
Nein. Mir ging es darum, den Staat zu zwingen, sich zu öffnen. Freiräume zu schaffen und ihm Dinge abzutrotzen, die in einer Gesellschaft selbstverständlich sein sollten.
 
Eines war dann neu: Als diese Szene begriff, dass es Quatsch ist die DDR zu erneuern und Sozialismus mit demokratischen Ansätzen usw., da gab es auch keinen Grund mehr, in der DDR zu bleiben. Dann konnte man auch in die Welt gehen. Deswegen sind dann auch alle ausgereist. Es sind viele Freunde weggegangen und das tat weh. Man traf sich immer wieder in den leergeräumten Wohnungen, dann wurden Matratzen hingestellt und man zelebrierte diese Abschiede.
 
Was hat das für sie persönlich bedeutet, dass so viele nach Westen gegangen sind?
 
Also diese ganze Mauer ist ja durch meine Familie durchgewachsen und das Grenzleid, d.h. dass ich meine alten Eltern nicht besuchen durfte und meine Geschwister auch nicht mehr hier rein durften – das war für mich das bitterste zu Zeiten der DDR. Mit allem anderen konnte man gut Leben. Mit dem Mangel und so. Wir hatten ja unsere Lebensatmosphäre geschaffen und wir haben auch nicht schlecht gelebt was das anging. Aber diese Grenze, dass man wusste „Vielleicht kannst du deine alten Eltern nie mehr wiedersehen, die werden alt, die werden sterben, du siehst sie nie wieder“. Also das war so was Bitteres wie man es gar nicht beschreiben kann.
 
Haben sie selber mit dem Gedanken gespielt wegzugehen?
 
Die Stasi wollte, dass ich weggehe. Auch angetrieben von Sascha Anderson, der mich unbedingt weg haben wollte. Und was dieses ganze Thema angeht: Stasi. Da isst für mich nur ein Satz wichtig. Mich schockiert, dass – nachdem so viel einsehbar ist – dass es kein Fünkchen Unrechtsbewusstsein gibt bei denjenigen, die sich zu Handlangern dieses Staatsapparates gemacht haben. Das ist für mich erschreckend.
 
 
 
Der Schriftsteller Uwe Kolbe hatte geschrieben, der Prenzlauer Berg war „ maroder Lebensraum in einer maroden, verlogenen sozialen Landschaft“. Können Sie damit was anfangen?
 
Ja, das ist richtig – wenn man den Blick immer in Bezug zum Staat setzt. Aber das interessante und neue war in dieser Atmosphäre, dass man nicht fixiert war auf den Staat. Sämtliche oppositionellen Gruppen und die Versuche den Staat zu ändern oder irgendwas, haben sich immer am Staat orientiert und das haben wir bei den Lesungen bei mir nicht mehr getan. Obwohl sie natürlich eine riesengroße politische Bedeutung hatten, aber da fehlte die Fixierung auf den Kaiser oder den Honecker oder wer auch immer da war, sondern es ging da mehr um die Kunst.
 
Und deshalb sage ich immer, also das stimmt alles, der Prenzlauer Berg war sehr marode, aber das hat einfach Räume geschaffen für eine unglaubliche Kreativität.
 
In der DDR hatte man diese zwei Pole. Einmal diese Freude, wenn man Freunde da hat und Wein trinkt und ausgelassen ist mit Sex und allem, das war sehr frei und sehr schön. Aber daneben gab es diesen deprimierenden Alltag hier. Wo die Kinder in den Kindergärten und Schulen auch schlecht behandelt wurden, weil die Eltern keine sozialistische Erziehung garantierten, das war alles sehr deprimierend und sehr mühevoll. Ganz abgesehen von der Grenze, die für mich ein wahres Trauma war.
 
Sie haben grade gesagt, Sie wollten sich Freiräume schaffen, die eigentlich selbstverständlich sind…
 
Das kann man aus heutiger Sicht sich gar nicht mehr vorstellen. Für mich ist es selbstverständlich, dass man sich Freunde einlädt und über Literatur spricht und sich was vorliest. Aber das war in der DDR nicht selbstverständlich. Eine Lesung bei Gerd Poppe ist mit Polizeigewalt aufgelöst worden. Oder die Polizei hat die Leute nicht reingelassen. Bei mir hat sich die Polizei damit begnügt, eine Viertelstunde die Straße hin und her zufahren und dann 10 Minuten vor dem Haus stehenzubleiben. Und dann hauten sie wieder ab. Das konnte man immer sehen. Bei jeder Lesung.
 
 
 
Was machte das eigentlich mit Ihnen, mit Ihren Freunden, wenn sie permanent daran denken mussten, dass möglicherweise einer in Ihrem Kreis am nächsten Tag zur Stasi geht und plaudert?
 
Also das haben wir uns damals so konkret nicht vorgestellt. Ich wusste dass bei diesen Lesungen selbstverständlich ein paar Leute von der Stasi dabei sind. Aber weil wir ja nicht wissen konnten, wer das ist, habe ich solche Gerüchte immer abgewürgt. Wir haben das verdrängt, wir haben nicht daran gedacht, ich jedenfalls nicht. Andere haben daran gedacht.
 
Es sind zu diesen Lesungen nur bestimmte Gruppen von Leuten gekommen, das muss man vielleicht auch sagen. Es kamen nur solche Leute, die unabhängig vom Staat waren. Also Autoren und Künstler. Aber es kamen weniger die Leute, die irgendwo angestellt waren. Die zum Beispiel Schauspieler waren, die ja darauf angewiesen waren, dass sie beim Theater ihre Stelle behalten.
 
Es ist ganz wichtig zu sehen: Die Leute, die was zu verlieren hatten, die kamen nicht. Weil sie auch wussten, wenn jemand solche Lesungen veranstaltet, dann ist er entweder selber bei Stasi oder aber man muss sich vorsehen, denn das ist ein Dorn im Auge des Staates. Ich kenne viele Leute, die aus diesem Grund nicht gekommen sind, obwohl sie eigentlich gerne gekommen wären.
 
 
Warum war gerade der PB ein Ort wo die Unangepassten in der DDR eine Heimat gefunden haben?
 
Es gab auch Galerien und eine Szene in Lichtenberg und Mitte, aber es war mehr oder weniger zufällig, dass dann im Prenzlauer Berg doch mehr Künstler Ateliers gefunden hatten und zusammenkamen. Diese Szene war schon mehr im PB konzentriert.
 
Aber hatte das möglicherweise was damit zu tun, dass hier Wohnraum war, der so kaputt war, dass er günstig war?
 
Das war überall in Berlin. Auch in Lichtenberg. Aber da fuhr ich gar nicht gerne hin. Dort habe ich mich immer sehr unwohl gefühlt. Und auch schutzlos gefühlt. Verfolgt gefühlt, Nicht wie im Prenzlauer Berg: Hier war alles ein bisschen dichter und enger und man wusste, man ist hier nicht allein. Was in einer Diktatur sehr wichtig ist, dass man nicht isoliert ist.
 
Die Tatsache, dass sich von Ende der 70er bis Ende der 80er diese Szene hier organisieren konnte, ist das ein Zeichen, dass der Staat in sich da schon versagt hatte?
 
Es ist so, dass der Staat tatsächlich in diesen Jahren immer schwächer wurde und ein wichtiges Element, das muss ich immer auch noch mal betonen, dass nach diesem großen Kredit den Strauss an Honecker gereicht hatte (MEHR DAZU IN UNSEREM FILM „STRAUSS UND DIE DDR“), dass dieser Kredit gebunden war an Maßnahmen. Das heißt: Die DDR-Bürger durften dann Anfang der 80er Jahre in dringenden Familienangelegenheiten die Bundesrepublik reisen – und sie reisten. Einschließlich Parteimitglieder reisten alle in den Westen, sahen was im Westen und kamen wieder zurück.
 
Ich hatte mit Wolf Biermann immer einen Streit. Er sagte immer, die mit dem Pass sollten nicht reisen, sie sollten lieber durchsetzen dass alle reisen dürfen. So Funktioniert die Politik aber nicht. Jeder, der reist und wiederkommt, der hat in die Mauer ein kleines Loch gebohrt und irgendwann fällt sie ein. Das war für diese Zeit auch charakteristisch, der Staat war gezwungen die Leute doch immer wieder reisen zu lassen und das hat die Gesellschaft auch nach und nach verändert. Weil der Staat auf Ideologie aufgebaut ist. Der bröckelt natürlich wenn plötzlich die Leute sehen, wie es wirklich ist und nicht mehr diesen ganzen Schnee glauben.
 
Fühlen Sie sich heute zuhause im Prenzlauer Berg?
 
Nein, also ich fühle mich hier dann doch etwas fremder und man ist ja auch nicht mehr jung. Etwa in der Sonnenburger Straße, ein Ort wo sich im Sommer hunderte von jungen intellektuellen treffen aus aller Welt, alle mit ihren Laptops, und da sitzen und lesen und essen und sich unterhalten – eine tolle, wunderbare Szene aber da weiß ich… zu denen gehöre ich nicht mehr, denen habe ich auch nichts mehr zu sagen. Die wissen gar nicht mehr was die DDR ist. Alles was mein Leben geprägt hat, diese 40 Jahre DDR, wovon auch noch in meinen Liedern erzähle und wo ich mich dran erinnere, wovon ich zehre – das ist für diese Leute völlig unbedeutend.
 
 

EKKEHARD MAAß. Geboren am 1951 in Naumburg/ Saale. Deutscher Publizist und Übersetzer. Er studierte Theologie und Philosophie und war in der DDR als Sänger von Okudshawa- Liedern bekannt. Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns organisierte er in seiner Wohnung einen literarischen Salon für junge Autoren und leistete einen wichtigen Beitrag zur Förderung einer Künstlergeneration, die sich zehn Jahre vor dem Ende der DDR von der Staats-Ideologie abkoppelte. Seit 1996 leitet er die von ihm gegründete Deutsch-Kaukasische Gesellschaft und unterstützt Flüchtlinge vor allem aus Tschetschenien. 2011 wurde Ekkehard Maaß mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

 
 
 
ONLINE ANSEHEN: DER FILM IN DER ZDF MEDIATHEK
 
Was Sie auch interessieren könnte:
 
BERLIN ’90 – DER SOUND DER WENDE
 
LEIPZIG ’89 – DIE VERBOTENEN DEMO-BILDER
 
RINGEN UM DIE DEUTSCHE EINHEIT: DER 2+4 VERTRAG