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„Ich halte zu Dir, egal was kommt.“

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DER HIV-SPEZIALIST DIETMAR SCHRANZ ÜBER SEIN LEBEN IN DEN FRÜHEN 80ERN IN BERLIN: ALS AIDS KAM UND VIELE FREUNDE STARBEN.
 
Eine Krankheit, die sich nicht behandeln lässt. Die Freundeskreise und Familien zerstört. Erinnerungen, die immer noch da sind. Auch wenn wir heute in der Lage sind, eine HIV-Infektion gut in Schach zu halten. Die Viren im Körper unter die Nachweisgrenze zu drücken. Das alles war zu Anfang nicht so. Sprachlosigkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung. Eine Zeit, die wir nicht vergessen sollten. Ein bewegendes Gespräch über HIV und AIDS in den 80ern.
 
 
Wie war das eigentlich Anfang der 80er Jahre schwul in Deutschland zu sein und zu leben?
 
Das lässt sich mit heutigen Verhältnissen überhaupt nicht vergleichen. Zu der Zeit gab es glaube ich in Berlin eine einzige schwule Örtlichkeit, die offene Fenster hatte. Normalerweise konnte man nicht reingucken, man musste an der Tür klingeln, dann ging die Klappe auf, jemand hat geguckt wer da ist und dann durfte man rein.
 
Es war noch das Gefühl: Das ist wirklich was verbotenes, was gefährliches, und als junger Mann lungerte man oft lange auf der Straße davor rum bis man sich traute, die Klingel zu drücken. Es war auch eine Zeit, zu der es noch Razzien gab hier in Berlin, wo noch Diskotheken von der Polizei gestürmt und alle Gäste mitgenommen und erkennungsdienstlich behandelt wurden. Ohne dass es einen Grund dafür gab, aber es gab noch die rosa Listen und es gab noch viel Angst: was kann da alles an Repressalien gegen schwule Männer kommen?
 
Es war allerdings auch eine Zeit, in der es das erste Mal so ein Gefühl gab: Wir lassen uns das nicht mehr gefallen. Anders als die Generation der schwulen Männer davor, die ja zum Teil noch im Knast gewesen waren wegen ihrer Homosexualität.
 
 
Wovor genau hatten Sie Angst, wenn Sie damals um die 20 waren und schwul?
 
Vor Repressalien. Vor dem, was das vielleicht für die berufliche Karriere bedeuten würde, vor Rosa Listen. Allerdings muss ich sagen: Ich gehörte dann schon zu der Generation, die gesagt hat: Ich bin aus meiner Kleinstadt geflüchtet, weil ich schwul leben wollte; ich bin jetzt in Berlin und ich will so leben wie das mir entspricht und ich werde mich wehren.
 
 
Was passierte dann, als die ersten Nachrichten rüberkamen aus den USA: Da ist eine Krankheit, die hat offenbar viel mit Homosexuellen zu tun.
 
Dann gab’s natürlich sofort die Angst: Jetzt werden wir stigmatisiert, jetzt sind wir die Sündenböcke, jetzt kann das alles zurückschlagen. Das war ein Gefühl von einer realen Bedrohung, zu wissen: da kommt irgendwas, woran die Menschen sterben. Wir wussten noch nicht, welche Dimensionen das hatte.
 
 
Anfang der 80er wusste man auch noch wenig über die Ansteckung: wie bekomme ich eigentlich HIV? Was hatte das für Auswirkungen?
 
Das hatte zur Konsequenz, dass man dachte: Jeder Kontakt zu einem AIDS-Patienten kann mich theoretisch infizieren und kann meinen Tod zur Folge haben. Das bedeutete massive Ausgrenzung am Arbeitsplatz, dass man den Leuten zum Teil gekündigt hat, dass die Kinder nicht mehr in die Schule durften. Es hat sehr lange gedauert bis klar wurde: Das sind alles keine Risiken. Das ist kein Kontakt, bei dem irgendwas passieren kann.
 
Sie haben damals Medizin studiert. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, an dem Sie zum ersten Mal mit der Krankheit zu tun hatten?
 
Ich habe mich ab 1984 hier in Berlin in der AIDS-Hilfe engagiert. Ich habe dann den ersten AIDS-Patienten im Virchow-Krankenhaus getroffen, den ich dort betreut habe. Das war ein Schock, jemanden zu sehen der so krank und so abgemagert war. Der wirklich gezeichnet war von seiner Krankheit. Das war auch noch mal eine Konfrontation mit meiner eigenen Angst. Ich meine: Ich war da gut informiert, aber als ich rauskam aus dem Zimmer habe ich mir erstmal übermäßig lange die Hände gewaschen und desinfiziert – wo dann meine eigene Angst noch durchkam…
 
Weshalb haben Sie sich damals dennoch entschlossen, sich mehr zu engagieren, in die Krankenhäuser zu gehen, Hilfe zu leisten, da zu sein für Kranke?
 
Ich hatte das Gefühl, das ist ein Stückweit auch meine schwule Emanzipation. Ich muss mich als offen schwuler Mann und als künftiger Arzt dafür engagieren, dass es einen guten Umgang mit der Krankheit und den davon betroffenen Menschen gibt.
 
 
Können Sie beschreiben, was das damals für jemanden bedeutet hat, die Diagnose HIV zu bekommen?
 
Das war ein Todesurteil. Das wurde von den Leuten auch als Todesurteil aufgenommen. Die durchschnittliche Überlebenszeit waren eineinhalb Jahre vom Ausbruch an, das war dramatisch. Man konnte ja nichts machen, es war nicht behandelbar und die Menschen hatten ein schreckliches Schicksal zu erwarten. Das war ganz furchtbar.
 
Haben Sie sich als junger Mann mal testen lassen?
 
Ja, ich hab mich mal testen lassen….war ein sehr eindrückliches Erlebnis für mich, weil ich einen positiven Suchtest bekam.
 
Was ging da in Ihnen vor in dem Moment?
 
Nichts mehr. Da geht einfach nur der Rollladen runter. Ich hab nichts gehört, was die Ärztin mir in dieser halben Stunde erzählt hat, ich hab nur gedacht: jetzt stirbst du, jetzt ist es vorbei. Wo will ich begraben werden, wie soll meine Trauerfeier aussehen, wer pflegt mich wenn ich sterbe.
 
Es war eine unglaubliche Erfahrung für mich. Die hat mich enorm geprägt, auch dieses Gefühl, in dem Moment, in dem ich diese Diagnose bekomme, gehöre ich nicht mehr zu diesen Menschen, für die das Leben selbstverständlich ist. Ab dem Moment ist jeder Tag ein geliehener Tag und mir kann das jeden Moment weggenommen werden.
 
Ich hatte Glück: nach 10 Tagen war das ganze vorbei, da wurde nachgetestet und der Test war negativ. Da war ich überglücklich.
 
Haben Sie Freunde verloren durch die Krankheit?
 
Ja, ich habe Freunde verloren, viele Bekannte, ich habe die Hälfte meiner Generation unter schwulen Männern in Berlin verloren. Es war, wie wenn sich ein Loch aufgetan hätte und einfach die Hälfte aller Menschen die man so kannte waren plötzlich weg. Die waren einfach weg.
 
 
Was haben Sie in den Krankenhäusern erlebt, in denen Sie ausgeholfen haben in der Zeit?
 
Das eine war, dass man ganz schreckliche Krankheitsbilder gesehen hat, dass man Menschen auf ganz schreckliche Art und Weise hat sterben sehen.
 
Das andere war, dass man unglaublich viel Mut und Widerstandswillen und Engagement gesehen hat, das waren einfach junge Männer, die wollten nicht sterben, die wollten leben, die waren gierig nach Leben.
 
Ich kann mich an einen jungen Tänzer auf der Station erinnern, der war schmal wie der Tod, aber der ging jeden Morgen den Flur auf und ab und machte seine Übungen und träumte davon, wann er wieder tanzen geht.
 
Viele der AIDS-Aktivisten waren ja auch Betroffene, die später dann daran gestorben sind. Auch die Seite gab es. Und es gab viel Unterstützung. Es gab von Anfang an Schauspieler, Prominente, die in die Krankenhäuser gingen, die dort Kaffeetafeln für die Patienten organisiert haben und es gab von Anfang an Benefize. Also es gab von Anfang an ganz viel Unterstützung.
 
 
Hatten Sie den Eindruck, dass die Präventions-Arbeit, die auch von der Bundesregierung kam, ausreichend war?
 
Ich glaube man hat sich da schon sehr bemüht. Um Präventionsarbeit zu machen, muss man aber erstmal die Sprache ändern zum Beispiel. Man muss über die Dinge reden können.
 
Was heißt das?
 
Als wir von der AIDS-Hilfe aus Interviews in Tageszeitungen geben wollten oder Anzeigen aufgeben wollten, war klar: „schwul“ ist ein Wort, das wird nicht gedruckt.
 
Wirklich?
 
„Schwul“ war nicht erlaubt in der seriösen Presse. Genauso wie Kondome nicht erlaubt waren in irgendeinem Supermarkt, Kondome gab es damals auf der Herrentoilette im Automaten.
 
Da musste sich erstmal ein Gefühl verändern: Können wir überhaupt über Sexualität, über Homosexualität reden, kann man jungen Menschen in der Schule zeigen, wie man Kondome benutzt? Das war nicht unumstritten. Aber da hat die Politik von Anfang an auf Austausch, auf Kommunikation und Zusammenarbeit mit den AIDS-Hilfen und den Betroffenen-Gruppen gesetzt und da gab es dann auch wirklich vernünftige und wirksame Präventionskampagnen.
Auch in Richtung der Schwulenszene. Das hat dann in der Regel die Deutsche AIDS-Hilfe gemacht, die dafür dann Geld bekam von der Regierung.
 
 
Normalerweise rückt die Familie zusammen, wenn ein junger Mensch eine schwere Krankheit bekommt. Wie war das bei Aids?
 
Es gab alle Varianten. Es gab tatsächlich auch die Variante, dass Familien in dem Moment, in dem sie gehört haben was ihr Sohn hat, sich um den geschart haben und den unterstützt haben. Bedingungslos.
 
Es gab genauso das andere. Es gab Situationen, in denen die Eltern den Kontakt abbrachen.
 
Und es gab auch manchmal einfach so eine Sprachlosigkeit, dass man gar nicht wusste, wie soll man die überbrücken?
 
Ich erinnere mich an einen Patienten aus dem bayerischen Wald. Er wollte sich von seinen Eltern verabschieden, denn es war klar, er wird demnächst sterben. Die Eltern kamen und saßen drei Tage und drei Nächte bei dem Mann am Bett und schwiegen. Am Bett.
 
Sie schwiegen, er schwieg, und wir gingen immer rein uns raus und dachten: wann reden sie? Und sie schwiegen drei Tage und drei Nächte und dann sind sie abgereist.
 
Es war so schwer, über diesen Punkt zu reden.
 
Außerdem bedeutete ja die Offenbarung „Ich habe AIDS“ auch „Ich bin schwul“. Ich habe Euch bisher mein ganzes Leben verheimlicht und ihr müsst nicht nur akzeptieren, dass ich krank bin und dass ich sterbe – sondern auch, dass ich ganz anders gelebt habe, als Ihr Euch das jemals vorstellen konntet.
 
In den allermeisten Fällen waren es die Mütter, die dann gesagt haben: Du bist trotzdem mein Sohn. Ich halte trotzdem zu Dir, egal was kommt, ich bleibe bei Dir.
 
 
Wie wichtig waren in der Zeit die Selbsthilfegruppen?
 
Die waren enorm wichtig. Das war sicher eine der Ursachen dafür, dass wir die Aids-Epidemie in Deutschland relativ gut bremsen konnten. Dafür gibt’s mehrere Gründe.
 
Das eine war: Die AIDS-Hilfen haben Informationen bereitgestellt. Es gab damals nicht viele Leute, die informiert haben. Die Ärzte haben sich für das Thema nicht wirklich interessiert, das war nicht schick, das wollte man nicht.
 
Das andere ist, dass sie den Betroffenen eine Sprache gegeben haben und gezeigt haben: Wir sind da und wir wollen, dass etwas passiert. Wir wollen neue Medikamente und wir wollen in dieser Gesellschaft auch akzeptiert werden.
 
Und schließlich haben sie den Menschen eine Möglichkeit gegeben, mit anderen HIV-positiven Menschen Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig praktisch zu unterstützen. Das war auch ganz wichtig.
 
 
Wie gut ist AIDS heute behandelbar?
 
Es ist nicht heilbar. Das heißt: Man muss regelmäßig jeden Tag seine Medikamente nehmen, sonst schreitet auch heute noch der Immundefekt voran und man kann heute noch sterben. Wenn man diese Medikamente regelmäßig nimmt, dann normalisiert sich das Immunsystem und man kann, nach dem was man heute weiß, mehr oder weniger ganz normal leben, ohne krank zu werden.
 
Wenn Sie sich unsere Gesellschaft heute angucken: Was hat sich durch die AIDS-Krise geändert?
 
Ich bin überzeugt davon, dass das die Gesellschaft zu einem Punkt gebracht hat, an dem sie entscheiden musste: Wie gehen wir mit dieser Minderheit um? Diskriminieren wir sie weiter und internieren sie (wie vereinzelt von Politikern diskutiert wurde, Anm. d. Red.)? Oder integrieren wir sie und nehmen sie ernst und hören ihnen zu und geben ihnen dann aber auch gleiche Rechte?
 
Das ist zu einem ganz großen Teil passiert. Das ist für mich einfach eine tolle Erfahrung, das so mitzuerleben, wie es die Liberalisierung in Deutschland gab, wie Homosexuelle Menschen heute selbstbewusst mit ihrem Leben umgehen können. Vielleicht noch nicht in jeder Kleinstadt in Deutschland, aber auch da hat sich ganz viel geändert.
 
Ich glaube auch, dass sich durch die AIDS-Epidemie der Umgang mit Krankheit geändert hat. Auch, dass Patienten selbstbewusster Rechte einfordern. Da hat die Gesellschaft sehr viel durch die Krankheit AIDS gelernt.
 
 
 
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