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„Ich war innerhalb der DDR immer republikflüchtig.“

Foto Henryk Gericke
 
 
DER AUTOR HENRYK GERICKE ÜBER PUNKS UND KIRCHE, DIE VOLKSPARANIA STASI, AUSREISEPARTIES ALS BEGRÄBNISSE UND DARÜBER, WESHALB DER PRENZLAUER BERG SEIN FLUCH IST
 
Ich treffe Henryk Gericke an einem windigen aber goldenen Herbsttag in der Zionskirche. Ich hatte ihn vorher auf einer anderen Veranstaltung erlebt und war außerordentlich gespannt auf dieses Gespräch. Er schien etwas unausgeschlafen, die Hände tief in den Hosentaschen und insgesamt etwas skeptisch. Es wurde ein konzentriertes, starkes Gespräch von großer Offenheit. Nicht nur über die Punk-Szene in den 80ern, die er als Jugendlicher erlebt hat.

 
 
Henryk, ich habe ein Foto mitgebracht, das hier in der Kirche gemacht worden ist. Wer spielt da grade? Erkennst du es?
 
Ich war an dem Abend da. Ich hab da Element of Crime erlebt. Es gab Gerüchte, dass die Einstürzenden Neubauten spielen. Das war so eher meine Kapelle. Dann waren es aber eben Element of Crime und ich bin wirklich kein Element of Crime-Fan, aber das war ein tolles Konzert.
 
Wie wichtig waren die Kirchen für solche Konzerte?
 
Die waren enorm wichtig und das musste ich mir auch im Nachhinein erst klar machen. Bei den Punks war es ja immer irgendwie Mode, auf die sogenannten Pfaffen zu schimpfen und die lächerlich zu machen. Aber da hat die Kirche großes geleistet – nicht die katholische sondern die protestantische, das muss man wirklich auseinander halten. Die haben Ende der 70er-Jahre für so Kunden, Hippies, Freaks, die Räume aufgemacht, weil die im öffentlichen Raum akut gefährdet waren, also von den Bullen ständig abgegriffen wurden. Dann allerdings kamen, zum großen Leidwesen der Hippies, die Punks. Und die haben durch ihre überbordende Lebensfreude diese Räume schnell dominiert und andere verdrängt. Die Kirche war als exterritoriales Gebiet für die Punkszene der DDR von enormer Bedeutung.
 
Was heißt exterritoriales Gebiet?
 
Der Staat hatte auf das Gelände der Kirche keinen direkten Zugriff. Also klar, die hatten da ihre Spitzel postiert, drum herum standen auch die Bullen, mal mehr, mal weniger versteckt. Auf dem Weg dahin wurde man auch ständig kontrolliert oder auch weggefangen. Aber in den Kirchen selbst konnten sie einen nicht „zuführen“ – das war die Formel für vorübergehende Verhaftungen.
 
„Die haben uns weggefangen?“
 
Naja, im öffentlichen Raum war man akut gefährdet, wenn man nicht dem Idealbild des DDR-Jugendlichen entsprach. Das war nicht unbedingt das Blauhemd, aber in der DDR-Jugendmode sollte man sich schon zeigen. Und die war ja weder modisch noch jugendlich. Also ein Witz.
 
Also ich weiß noch ganz am Anfang, bin ich so mit abgebrannter Krawatte rumgelaufen, mit einem Jackett, hatte mir aus so Bravos, die habe ich in den Müllcontainern der Fischerinsel gefunden, da stehen Hochhäuser, wo viele Westdiplomaten lebten, und deren Kinder haben dann die Bravos weggeschmissen und wir sind dann durch die Mülleimer und haben uns die geholt und haben uns Bonny-M-Bildchen ausgeschnitten und haben die angekokelt und uns mit Sicherheitsnadeln hier wie bei den russischen Veteranen so rangemacht. Großartig. Also das war eine ziemlich innovative Angelegenheit am Anfang Punkrock.
 
Also: wenn man nicht in Reih und Glied marschierte, dann war man im Fokus der Gesetzeshüter und zwar sehr schnell. Am Anfang die: Die Punks, die sich da so rumtreiben, sind aus dem Westen. Da haben sie uns noch in Ruhe gelassen. Aber irgendwann haben sie es geschnallt.
 
Entweder man wurde kontrolliert oder irgendwie festgehalten. Ich zum Beispiel wurde mal nicht auf einem Revier festgehalten, sondern ich bin in die Betriebswache der SED-Parteischule verschleppt worden und da über Nacht festgehalten worden, ohne irgendeine Handhabe. Andere sind in die Keibelstraße am Alexanderplatz gekommen (Polizeigefängnis der DDR-Volkspolizei; Anm. d. Red.), wieder andere wurden angeklagt und verurteilt. Ich hab einen Freund, der hat 6 ½ Jahre seiner Jugend im Knast verbracht, weil er Punkrocker war.
 
6 ½ Jahre?
 
6 ½ Jahre. Der wurde für irgendwas verurteilt, für irgendeine Lappalie, hat Bewährungsauflagen bekommen, die hat er nicht eingehalten, weil er Punkrocker war, dann wurde er wieder verurteilt, hat von Hause aus gleich die Monate wieder mit rauf bekommen. Dann hat er Berlin-Verbot bekommen, musste irgendwo anders wohnen. Ist wieder illegal nach Berlin, wurde erwischt, ist wieder in den Knast gekommen, hat die Bewährungsstrafe von der Strafe zuvor wieder rauf bekommen. Und bei dem haben sich 6 ½ Jahre zusammen geläppert, die er in 30-Mann-Zellen in Brandenburg verbracht hat.
 
Wie passte das zusammen: Punks und die Kirche?
 
Gar nicht.
 
Denn ich versuche mir gerade die Motivation der Pfarrer vorzustellen, euch die Tür und diesen Raum für Konzerte aufzumachen.
 
Das waren zunächst gar keine Pfarrer. Das war ein Diakon, der berühmte Lorenz Postler, den man nicht genüg rühmen kann. Der hatte keine Angst vor diesen Gestalten; die Punks haben ja auch Angst verbreitet. Nicht nur im Staat sondern auch unter den Bürgern… war ja auch Teil des Spaßes. Aber Leute wie Lorenz Postler haben die Räume aufgemacht. Oft übrigens wirklich gegen den Widerstand der Gemeinde, die die Punks, teilweise auch verständlicherweise, wieder loswerden wollten. Denn die haben diese Räume nicht als einen heiligen Ort betrachtet, sondern haben sich hier eben frei entfaltet. Was das bei Punk heißt, ist ja klar. Da war eben Randale angesagt und Spaß, Lärm, Bier, Gewalt, darf man nicht vergessen. Die Punk-Szene war auch sehr gewaltdominiert, auch innerhalb der Szene, nicht nur von außen.
 
Es war wirklich so, dass viele Konzerte auch als Andachten getarnt waren oder als Gottesdienste und dann stand dann so ein armer Pfarrer auf seiner Kanzel, unten die Punks, die ihn verhöhnt und vollgepöbelt haben und er hat versucht, das Wort Gottes zu verbreiten und danach trat dann zum Beispiel eine – das habe ich selbst erlebt – eine Band auf, die hießen Klick und Aus, und haben dann ausgerechnet auch noch am 24.12. einen Song gesungen, der irgendwie Die Frühgeburt Christi hieß.
 
Da haben Punks die Toleranz aber ganz schön …
 
Es war wirklich eine große Leistung einzelner Pfarrer und einzelner Diakone und Gemeindemitglieder, die sich für diese Subkultur wirklich engagiert haben.
 
 
Spitzel für die Stasi. War das bei Euch Thema? Wie hat sich das für Euch angefühlt?
 
Wir waren Teil einer Volksparanoia. Wir wussten nicht, was wir zu wem sagen können. Wir waren sehr jung. Wir waren 15, 16, 17, 18. Und wir haben teilweise nächtelang wach gelegen und überlegt, wer aus unserem Freundeskreis, wer aus der Szene bei der Staatssicherheit war. Da sind etliche Leute zu Unrecht verdächtigt worden und haben darunter unglaublich gelitten, weil die natürlich verstoßen wurden. Aber man hat auch manchmal den richtigen Instinkt gehabt.
Da war auch eine große Angst. Bei mir bestand die aber nicht nur darin, unwissentlich abgeschöpft zu werden, sondern ich dachte auch: Hältst du stand? Was tu ich, wenn da Leute, die psychologisch geschult sind, wenn die zu mir kommen und sagen: „Hör zu, du arbeitest für unseren Verein, sonst passiert dir das und das… Oder demjenigen, der dir nahe steht, passiert das und das…“ Ich meine, ich war super jung. Was kann ich sagen wie ich reagiert hätte? Ich hoffe mal, ich hätte Nein gesagt. Aber mit Gewissheit kann ich das nicht behaupten.
 
Das ist interessant, dass du das sagst, denn die anderen Interviewpartner, die Anfang/Mitte der 80er-Jahre auch älter waren als du, wahrscheinlich zehn, fünfzehn Jahre, sagten: „ Man hat es halt gewusst, aber es hat einen dann im täglichen Leben auch nicht so gestört.“
 
Da gab es wirklich so eine Empfindungsschere. Das ist echt interessant. Die waren natürlich schon reifer, die waren gestandener auch, wahrscheinlich auch abgehärteter, die haben vorher schon ganz andere Sachen erlebt als wir. Wir waren ja noch DDR-Novizen. Ich hatte ein anderes Erleben. Und ich denke, viele meiner Freunde auch. Für uns war das nicht selbstverständlich. Für uns war es eine große Belastung und mit einer großen Angst verbunden. Wir hatten wirklich Schiss.
 
 
Wann hast du mit dem Gedanken gespielt: Es reicht mir jetzt hier, ich möchte in den Westen gehen?
 
Schwer zu datieren. Man baut immer Mythen, gerade auch um die Punk-Szene, da sagen Leute, dass sie Punks wurden, weil sie politisch waren. Das ist totaler Quatsch. Mit dreizehn, vierzehn, hat keiner von uns politisch gedacht. Wir sind politisiert worden, indem wir kriminalisiert wurden.
 
Ich weiß aber, das ist eine konkrete Erinnerung von mir, dass ich schon mit zehn, elf, zwölf Jahren unbedingt nach Irland wollte. Ich wusste aber, dass ich da nicht hinkann. Und schon da habe ich sehr mit dem, was die Mauer war, gehadert. Zumal meine Mutter direkt Oderberger Straße gewohnt hat, direkt an der Mauer. Da führte mich mein Weg ständig an der Mauer lang, wenn ich von der U-Bahn kam. Demütigend war die Plattform, die auf der Westseite stand: von wo aus man betrachtet wurde wie im Zoo. Das war eine Kindheitserfahrung, die mich geprägt hat und die keine glückliche ist. Insofern war ich nie Zuhause in der DDR. Ich war innerhalb der DDR immer republikflüchtig.
 
War der Prenzlauer Berg der Ort, an dem man noch sein konnte, wenn man im Rest des Landes nicht mehr Zuhause sein konnte?
 
Absolut. Der Prenzlauer Berg war schon so etwas wie ein Atoll. Und man konnte sich im Prenzlauer Berg natürlich gut verbergen. Zum Beispiel auch, wenn man einberufen wurde zur Armee. Dann ist man eben ständig umgezogen ohne sich umzumelden. Dann sind sie einem nicht so schnell auf die Schliche gekommen.
 
Es war ja bei denjenigen, die in der Künstlerszene waren, eine ganz bestimmte Erfahrung, zu sehen, dass in den 80er-Jahren immer mehr Freunde, Kollegen, Bekannte in den Westen gegangen sind. Ich weiß nicht, wie weit du so eine Erfahrung als Jugendlicher oder dann bis Ende der 80er-Jahre gemacht hast. Und ich würde dich gerne fragen, wie ist das, wenn man hier lebt und merkt, dass der Bekannten- und Freundeskreis sich langsam auflöst und nach Westen geht. Was macht das mit einem? Stellt das auch das eigene Leben in Frage?
 
Also für mich persönlich ist das die wichtigste Frage überhaupt, die du da ansprichst. Das ist auch die bitterste Erfahrung, die ich in der DDR gemacht habe. Also das war furchtbar. Zu erleben, wie Freundschaft auf eine Weise zerbricht, die nicht durch ein Zerwürfnis herbeigeführt wird, sondern die aus politischen Umständen zerbricht. Ich habe das sehr bewusst erlebt.
 
1984 gab es die erste größere Ausreisewelle. Da hat die DDR-Nomenklatura einen Aderlass herbeigeführt im naiven Glauben, ein Unruhepotenzial zu befrieden. Da haben sie sich verkalkuliert. Daran hat man auch gemerkt, dass das alte Männer waren, die gar nicht mehr strategisch denken konnten, denn sie haben ja eine unglaubliche Welle losgetreten.
 
Leute immer wieder zu verabschieden, es gab ja sogenannte Ausreisepartys, das waren ja eigentlich Begräbnisse. Man wusste ja nicht, wann sieht man die Leute wieder. Sieht man sie überhaupt je wieder? Denn man musste ja davon ausgehen: Man kann erst mit 65 in den Westen. Und man war ja selber gerade mal 18, 20, 24, 25. Das war ja wie zwei Mal lebenslänglich.
 
Andere gingen in den Westen, einem selber stand noch die NVA bevor, das sind alles so Dinge, die da eine Rolle gespielt haben. Es war eine unglaublich bittere Angelegenheit. 1987 gab es eine zweite kleinere Ausreisewelle, aber dazwischen sind auch immer wieder Leute ausgereist. Viele haben für diese Leute dann die Kisten gepackt, nachdem die schon drüben waren. Die mussten ja oft über Nacht das Land verlassen.
 
Manche haben jahrelang auf gepackten Koffern gesessen, sind bis zum Ende der DDR nie rausgekommen – manche sind noch zwei Tage vor DDR-Ende ausgereist, hatten jahrelang gewartet. Also es gibt da ganz bittere Schicksale. Das ist eine Erfahrung, die ich der DDR, wenn man sie mal so personifizieren kann, persönlich am meisten verüble.
Ich habe auch Leute zum sogenannten Tränenpalast gebracht, der den Namen nicht zu Unrecht trug. Man dachte ja immer, das ist eine Weltreise. In unserer Vorstellung war das so, als würde man zu einem anderen Kontinent segeln und ein halbes Jahr brauchen. Aber die waren innerhalb von einer Viertelstunde waren die im Westen. Das war eine vollkommen abstrakte Vorstellung. Heute nicht kaum zu vermitteln.
 
 
Welche Bedeutung hatte für Euch der Salon bei Wilfriede und Ekke Maaß?
 
Der Salon war eine Küche. Schön, dass die Küche inzwischen zum Salon wird. Das würde Wilfriede Maaß sehr beschämen. Aber es ist am Ende natürlich auch nicht falsch. Es war nicht so Bettina von Armin-mäßig, so darf man sich das nicht vorstellen. Obwohl der Literatursalon eine Berliner Tradition ist seit der Aufklärung. Und die Wilfriede und Ekke Maaß diese Tradition in irgendeiner Weise auch fortgeführt haben.
 
Für mich als Jungliteraten war das enorm wichtig. Ich hatte da eine meiner allerersten Lesungen. Vor Bert Papenfuß, den ich nur vom Sehen her kannte durch die gemeinsame Freundschaft mit Roland Lippok.
 
Wie wollten alle schreiben wie Bert Papenfuß. Ich wollte es auf jeden Fall und ich weiß auch von anderen, die würden es heute nicht mehr zugeben, aber es ist einfach so. Bert war ein Mythos. Bert war eben allem, was subkulturell orientiert war, nicht nur aufgeschlossen, sondern er war auch ein Förderer. Er hat mich als Literat sehr gefördert, ich bin ihm unglaublich dankbar.
 
Das war für mich die höhere Weihe, bei Wilfriede Maaß kurz zu lesen. Ich war unglaublich aufgeregt. Das waren ja nicht mehr als zehn Minuten bei einer Lesung, bei der mehrere Leute ihre Texte verlesen haben. Das war für mich magisch. Ist es bis heute. Musik hatte da eher so auf liedermacherhafte Weise stattgefunden. Das war nie mein Ding. Aber auch das war, von mir aus, der Sound des Prenzlauer Bergs, dass eben Ekke Maaß zur Gitarre gegriffen hat und Übersetzungen von georgischen Dichtern dargebracht hat. Das gehörte natürlich auch dazu.
 
 
Ist der Mythos Prenzlauer Berg nachträglich romantisiert?
 
Natürlich lebten im Prenzlauer Berg einige Leute, die im sogenannten künstlerischen Underground oder auch politischen Underground aktiv waren. Die ein paar Aktionen gestartet haben oder die illegal Zeitschriften oder zeitschriftenähnliche Publikationen veröffentlicht haben. Aber in erster Linie war es ein Arbeiterbezirk und da tummelten sich ein paar Versprengte. Das waren, wenn es hoch kommt, ein paar Hundert. Die kannten sich auch alle untereinander. Ne, das war ein Arbeiterbezirk, den wir nicht besetzt hatten, sondern wo wir uns untergemischt hatten, um unterzutauchen, um nicht greifbar zu sein. Ich glaube nicht, dass wir großes Verständnis bei den damaligen Bewohnern geerntet haben für das, was wir getan haben oder was uns so umgetrieben und beschäftigt hat. Ganz sicher nicht.
 
Aber dann höre ich schon, du möchtest dieser Heimat treu bleiben.
 
Ich habe so den Verdacht, dass ich im Prenzlauer Berg meine Tage beschließen werde. Ich bedaure das übrigens manchmal auch. Ich bin so ein Kiez-Tier geworden, dass ich nie mal ein Jahr im Ausland verbracht habe. Da ist der Prenzlauer Berg für mich auch ein Fluch, weil ich hier eben immer als Autor, Dichter, DJ, Verlagsmitbegründer, Galerist, immer hier aktiv war und mich auch immer an diesen Ort gekettet habe. Rauszukommen hätte mir vielleicht ganz gut getan. Insofern ist der Prenzlauer Berg auch mein Fluch.
 
 
 
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