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“ Ich wollte Tanzflächenkommunismus!“

Foto Wolle XDP
 
 
DER DJ WOLLE XDP ÜBER JUNG SEIN IN DER DDR, MONIKA DIETL, DEN SINN VON EKSTASE UND SEINEN TRAUM VOM TANZFLÄCHENKOMMUNISMUS:
 
Wolle XDP veranstaltet die ersten veritablen Tekkno-Parties in Ost-Berlin. XDP steht dabei für Extreme-Dance-Project. Seine Tekknozid-Parties werden bald Legende. Wir treffen uns am SEZ, dem mittlerweile recht heruntergekommenen Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee. Damals noch ein Prestigeprojekt der DDR-Regierung. Dort arbeitete seine Mutter – dort sammelte Wolle erste Erfahrungen als Partyveranstalter, dort organisiert er auch seine erste Tekknozid-Party.
 
 
Was deine Partys anging gilt Du als ein ziemlicher Perfektionist…
 
Eine Party ist für mich eine Inszenierung. Man macht sich einen Kopf, wie das aussehen und ablaufen soll. Man geht in der Vorstellungskraft in die Veranstaltung rein und schaut sich das an und überlegt, was können die Leute machen, wie muss man das Ding gestalten. Also… wie hell darf es sein? Wo kommt das Licht? Wo geht das Licht hin? Wo steht der DJ? Wo dürfen die Leute sitzen? Wie sitzen die Leute? Dürfen die überhaupt sitzen? Also, es gibt Dinge, die möchte man auf so einem Event und es gibt Dinge, die möchte man nicht.
 
Was wolltest du auf keinen Fall?
 
Dass irgendjemand, der nicht tanzt, sich demjenigen, der tanzt, überlegen fühlt und sich vielleicht noch lustig macht. Weil das denjenigen, der tanzt, ungemein stört und ihn daran hindert, dass er entspannt tanzen kann.
 
Und was soll unbedingt funktionieren?
 
Dass sich die Leute so weit in die Musik und den Tanz fallen lassen, dass sie wirklich komplett abschalten. Und das Gefühl, das dann entsteht, wenn das alle um einen herum tun, das nennt man Gemeinschaftsgefühl und das ist ein tolles Gefühl. Man tanzt und vergisst alles um einen herum und vergisst Zeit und den Raum und hat ein dickes Grinsen im Gesicht. Das ist das, worum es geht. Ich wollte Ekstase. Ich wollte Tanzflächenkommunismus. Alle sind gleich, alle machen zusammen und freuen sich ihres Lebens.
 
 

Wie hat dich Techno infiziert?
 
In meiner frühen Jugend, war ich Breakdancer. Breakdancer sind Leute, die ganz bewusst ihren Körper kontrollieren und extrem darauf achten, dass das, was sie machen, cool aussieht. Deshalb kannte ich lange Jahre immer nur dieses: Ich muss beim Tanzen total cool aussehen. Das hat auch seinen Reiz, aber irgendwann habe ich mal die Erfahrung gemacht, dass wenn die Titel nicht mehr unterbrochen werden, sondern die Musik und der Rhythmus immer durchlaufen, bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, dass einem dann egal wird, wie man dabei aussieht. Man bewegt sich einfach. Man lässt sich in die Musik fallen und kommt in einen Zustand von Ekstase oder Trance, eine super Erfahrung einfach. Diese Erfahrung habe ich zuerst mit Acid House gemacht, also mit der Ur… mit der Vorform von Techno.
 
Ich wusste am Anfang gar nicht, dass diese Musik Techno heißt. Wir haben Radio 4U gehört zu DDR-Zeiten. Oder Barry Graves vom RIAS, ein Radiomoderator, eine Legende wie Monika Dietl. Monica Dietl hat Ost-Berlin mit Independent-Dance-Musik versorgt. Das ist eigentlich der Hauptverdienst von Monika Dietl. Sie hat uns diese Welt eröffnet.
 
Ein normaler DDR-Jugendlicher hat ja über den West-Berliner Jugendlichen ganz viel gewusst. Ein West-Berliner-Jugendlicher war per se erstmal schon cool, weil er im Westen lebte, weil er eigentlich das tat, was man irgendwie als DDR-Jugendlicher wahrscheinlich auch gerne tun wollen würde. Also coole Klamotten, er konnte in Diskotheken gehen, die anders waren als hier in der DDR und man hat sich eigentlich als DDR-Jugendlicher für alles interessiert, was im Westen stattfand. Man wollte genau wissen: Was machen die da drüben eigentlich? Wir waren später ganz entsetzt, dass es umgekehrt nicht so war.
 
Eine Möglichkeit sich zu informieren, was im Westen gerade geht, war das Radio. Dadurch konnten wir nicht nur die Musik hören, die in West-Berlin läuft, sondern wir konnten sogar noch viel weiter hören. Wir konnten bis nach New York oder London hören. Wir haben nicht gedacht, dass wir da mal hinkommen würden. Aber plötzlich war die Mauer weg.
 
Am 9. November waren wir in der Disko, lustigerweise bei einer Acid-House-Party, die dann gar keine war. Von Schabowski hatten wir gar nichts mitbekommen. Wir kamen nach Hause, ich habe den Fernseher angeschaltet und dann kam auf einmal die Nachricht, dass man jetzt nach West-Berlin ausreisen dürfe. Wir hatten beide aber gar keinen Ausreiseantrag. Ich kann mich noch sehr genau an diesen Moment erinnern, der erste Gedanke war zwar: „Oh, wir können jetzt in den Westen gehen!“, aber der zweite Gedanke war: „Lassen die uns hier wieder rein?“. Und dann haben wir uns uns doch innerhalb von 5 Minuten angezogen und sind losgefahren und haben in der Straßenbahn schon Freunde getroffen in Feierlaune mit Sektflasche.
 
Dann kam der nächste Gedanke: „Wir müssen in dieses Ufo gehen!“ Und das witzige war, dass mein Freund, der in Westberlin lebte, mich dann anschaute und sagte: „Ufo? Woher kennst du denn das Ufo? Das ist doch mein Stammclub!“ Ich sage: „Na also…wie kann man das Ufo nicht kennen? Monika Dietl. Die hat davon ganz viel erzählt.“ Und so sind wir am 10. November, also einen Tag nach der Maueröffnung, tatsächlich ins Ufo gegangen. Da habe ich dann zum ersten Mal gesehen, was ich gesucht habe: diese Ekstase, diese Trance, und es ist mir egal, wie ich dabei aussehe, sondern ich mache einfach, lass mich in die Musik fallen.
 
 

Wie steht man dann als Jugendlicher, mit doch einem etwas extravaganten Musikgeschmack zu der Zeit noch, dem System gegenüber?
 
Man arrangiert sich. Und zwar ohne, dass man darüber nachdenkt, wie weit man sich arrangiert.
 
1984 sind wir in die Leipziger Straße gezogen. In diese Hochhäuser. Und wenn man in diesen Hochhäusern auf den 22. Stock gefahren ist, konnte man oben auf einen Austritt gehen und dann über die Mauer gucken. Wir sind dann da hochgefahren und haben unserem Besuch West-Berlin gezeigt. Aber nicht mit dem Gefühl: Da will ich hin, sondern eher als würde man einen schönen sternenklaren Nachthimmel haben und den Mond sehen. West-Berlin war so weit entfernt wie der Mond.
 
Ich hatte keinen Ausreise-Antrag gestellt, weil ich Angst hatte, dass der abgelehnt wird aus Misstrauen, dass ich nicht zurückkommen würde. Und dieses Misstrauen, das würde ich dann für immer und ewig in meinen Unterlagen drin haben, in meiner Kaderkate, wie man in der DDR sagte. Dann hätte ich immer einen Makel, der mich benachteiligen würde, wenn ich mich zum Beispiel um einen Studienplatz bewerbe. Und ich wollte studieren, ich wollte irgendwann mal Regisseur werden. Das war ja immer so mein Traum.
 
Man hat als Jugendlicher in der DDR auch nicht unbedingt permanent das Gefühl gehabt, man wird gegängelt. Das mag für jemanden, der, sage ich mal, in der Freiheit groß wird, vielleicht unvorstellbar sein, aber man lotet die Grenzen aus und guckt, wie weit man gehen kann. Und dann geht man noch ein Stückchen weiter und noch ein Stückchen weiter und jeder Gewinn an Freiheit ist ein persönlicher Sieg.
 
Es gab Vorgaben. Komische Sachen, dass man da zur Schule geht und alle haben blaue Hemden an mit FDJ-Symbol und stehen da irgendwo auf dem Appellplatz und singen: „Der Staat ist der tollste in der Welt und wir lieben dich“. Wenn man da drin lebt und das die Normalität ist, dann denkt man darüber nicht mehr nach. Und wenn sich jemand dagegen auflehnte, hat man eher noch mit dem Finger gezeigt und gesagt: „Du bist selber schuld, dass du jetzt hier Ärger hast mit den Lehrern. Zieh doch das scheiß Hemd an, das tut doch nicht weh.“ Klar, wenn man dann älter ist und das mal erkennt, was da mit einem gemacht wurde, dann fasst man sich an den Kopf und sagt: „Wie bescheuert ist man eigentlich gewesen?“ Aber in dem Moment…
 
Ich hab auf der Straße gebreakt. Bin mit dem Ghettoblaster durch die Straßen gelaufen, hab Elektrofunk gehört und mich mit meinen Kumpels getroffen und hab Kopfdrehungen auf der Straße gemacht.
 
 

Wir haben eigentlich auch Deiner Sicht die West-Berliner Jugendlichen und jungen Leute reagiert?
 
Ich glaube, dass dieser Mauerfall für alle ziemlich überraschend gekommen ist. Und mein Eindruck war, dass sich die Ost-Berliner unglaublich für den Westen interessiert haben und man glaubte auch, dass dieses Interesse gegenseitig wäre. Aber als dann die Mauer aufgegangen ist, hatte ich das Gefühl, dass das nicht so ist.
 
Sicherlich gab es auch Leute, die sich ernsthaft gefreut haben. Aber am Ende war mein Eindruck, dass die West-Berliner ziemlich genervt waren. Die Regale waren leer, die Geschäfte waren überfüllt, die Straßen waren verstopft, die Trabbis haben die Luft verpestet, … und ja: „Was wollen die eigentlich hier?“ Auch so bei meinem ersten Club-Schwofing hatte ich so das Gefühl, die fahren da alle ihren Ego-Film.
 
Im Ufo war das allerdings anders. Da haben sich die Leute schon interessiert dafür, wer man ist und was man macht. Und ich konnte auch erzählen, dass ich in Ost-Berlin eine Party veranstalte und das fanden die Leute dann schon interessant. Wir haben dann die aus dem Ufo-Club eingeladen, und die kamen dann auch alle. Und dann haben die festgestellt: „Ja, das ist ja eigentlich ganz witzig hier.“ Witzig war es natürlich auch, weil es so billig war.
 
 

Warum konnte grade Techno der Sound der Wende werden?
 
Da könnte man zwei Sachen vermuten. Zum einen haben unsere Parties eine unglaubliche Aufmerksamkeit generiert. Solche Parties gab es auch in Westberlin nicht in dieser Art, in dieser Größenordnung und mit diesem Aufwand. Die Anlagen, die wir da zum Beispiel hingestellt haben und die Lichttechnik – die hatte Dimensionen, die für Westberliner Verhältnisse wirklich unbekannt waren. Das war definitiv ein Paukenschlag. Wenn man eine Party macht mit wirtschaftlichen Zielsetzungen, dann macht man sowas nicht. Aber wir haben halt auf Techno gestanden.
 
Die andere Antwort ist, dass dieser Sound so radikal anders war, dass man sich entscheiden musste: „Ich lass mich fallen und ich gehe das Ding mit!“ Oder: „Ich finde es doof und geh wieder.“ Das hat glaube ich ganz gut gepasst zu dieser Zeit: dieses Loslassen.
 
Diese Flucht war für die Leute im Osten vielleicht auch ein Ventil, um etwas zu kompensieren. Wenn sich von einem Tag auf den anderen mehr oder weniger alle Zukunftspläne verändern und die ganze Welt sich komplett verschiebt – da hatte die Musik etwas Erlösendes. Auch, weil man ja nicht unbedingt nur zukunftsoptimistisch war. Man hatte das Gefühl, dass man überrannt wird. Vielleicht deshalb auch dieses „Tekknozid“. Also, dass die Maschinen letzten Endes die Kontrolle über einen gewinnen werden, denn der Westen kam einem schon ein bisschen unmenschlich vor.
 
 
Ich möchte gern mit dir über die Tekknozid-Party, über deine Tekknozid-Partys reden. Wie musste Techno für dich klingen?
 
Elektronisch. Das war das Wichtigste, dass es möglichst elektronisch klang, möglichst weit ab von irgendwelchen Realitäten .
 
Warum war es so hart und warum war es so laut?
 
Es ging ja darum, dass man auf diesen Parties ein Lost-n-Sound-Erlebnis bekommt, weil man sich eben wirklich verlieren sollte in dem Zeit-und-Raum-Gefühl.
 
Kommunikation über Non-Verbale-Kommunikation. Im Tanz. Im Club haben eine harte Base-Drum und ein kräftiger Bass eine ganz andere Wirkung. Bass hat man nur an Orten, wo dieser Bass möglich ist. Das kann man sich nicht Zuhause oder im Auto anmachen. Wenn man einen richtigen Bass erfahren will, muss man in einen Club gehen.
 
Wozu braucht es das Stroboskop?
 
Das Stroboskop gibt einem das Gefühl, dass man beim Tanzen toll aussieht. Denn letzten Endes will man ja nicht sich zum Clown machen, wenn man sich bewegt. Und bevor man sich in Trance oder in Ekstase tanzt, muss man erstmal das Gefühl kriegen, dass man wirklich sich so bewegen kann wie einem danach ist. Das Stroboskop zerhackt die Bewegungen so, dass man aussieht wie ein Roboter. Besser kann es kein Breaker.
 
 
Ist Techno das erste Stück Wiedervereinigung gewesen, weil Ost- und Westdeutsche zusammen tanzen konnten und das total egal war, woher sie kamen?
 
Ich glaube, das es so ist – ohne dass wir das in irgendeiner Art und Weise beabsichtigt haben.
 
Techno war eine Sache war, die beide Seiten gemeinsam begonnen haben. Etwas, das neu war. Und es gab keine festgelegten Hierarchien. Beide Seiten beackerten ein neues Feld. Und beide Seiten waren gleichberechtigt. Die Leute aus dem Westen interessierten sich auf einmal für das, was im Osten passierte und den Ossis gab es auch zum Teil ein bisschen Selbstwertgefühl.
 
Auf einer Techno-Party, spielte die Frage „Wo kommst du her?“, vielleicht am frühesten keine Rolle mehr. Weil es egal war.
 
 
Wolle, wie klang Berlin 1989 und 1990?
 
Extrem elektronisch.
 
Wie klingt Berlin heute?
 
Wie die Scheine, die auf dem Tresen gezählt werden.
 
 
 
 
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