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„Ich hatte immer das Gefühl, das Hirn reißt’s mir aus dem Kopf.“

RenateFlottau

 

DIE REPORTERIN RENATE FLOTTAU ÜBER DIE ILLUSION DES CHIRURGISCH PRÄZISEN KRIEGES, MILOSEVIC UND DEN NATIONALEN MYTHOS AMSELFELD.

 
Ich treffe die Reporterin Renate Flottau zum Interview. Die mich gründlich mustert. Vorsichtige Augen. Kriegsreporterin für den SPIEGEL. 1999 in Belgrad. Viel erlebt, auch brenzlige Situationen. Für ihr Kriegstagebuch erhielt sie den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Sehr resolute Frau. Spricht dennoch leise, mit österreichischem Einschlag. Keine Scheu vor klaren Worten.
 
Wir stehen vor dem ehemaligen Verteidigungsministerium in Belgrad – eine Ruine, seit dem Frühjahr 1999. Eine offene Wunde mitten in Belgrad. Drumherum der Vormittagsverkehr. Ein Polizist unterbricht die Dreharbeiten auf offenem Trottoir und will eine Drehgenehmigung sehen. Will zeigen, wer der Herr auf dem Parkett ist. Bevor wir unsere Zettel herausziehen können, klärt Frau Flottau mit wenigen Worten die Situation. Sie kennt sich aus.

 
 

Frau Flottau, das war ja ein militärisches Ziel, das hier getroffen wurde?

 

Ja, das war auch erwartet worden, dass das getroffen wird.

 

Wurde das angekündigt vorher?

 

Immer. Die Ziele wurden fast immer angekündigt vorher. Sonst wär‘ ja auch jemand drin gewesen. Das war ja komplett leer. Es gab ja hier überhaupt keine Opfer im Gebäude.

 

Was bedeutet das für die umliegenden Häuser hier, wenn so ein Gebäude bombardiert wird?

 

Aus diesen ganzen Wohnblocks hier sind die Bewohner ab sechs Uhr abends in Kolonnen ausgezogen mit ihrer kleinen Handhabe zu ihren Verwandten und Bekannten und kamen am nächsten Morgen wieder zurück. Man hatte eben doch Angst, dass bei der Zielsicherheit der NATO, die nicht gerade überwältigend war, dass da auch aus Versehen mal eins auf diesen Wohnblock fallen könnte.

 

Hat es hier zivile Opfer gegeben?

 

Ja. Nicht im Gebäude, sondern hier auf der Straße. Es waren wohl ein paar Verletzte auf der Straße durch den Druck, dann kamen Sanitäter, dann kamen weitere Menschen herbei und wollten denen helfen, dann fiel die nächste Bombe und die fiel genau auf die Straße und hat die Leute getötet.

 

Bis dahin galt ja großes, euphorisches Geschrei, auch wenn bombardiert wurde ‚Wir werden’s der NATO schon zeigen!‘ Doch dann hab ich zum ersten Mal erlebt, dass die Menschen ruhig waren, sich das anschauten und wohl zum ersten Mal nachdachten, ‚Wie soll das weitergehen?’ Und ‚Was wird da noch passieren?‘.

 

Wie fühlt sich das an, wenn eine solche Bombe fällt?

 

Wenn die fertig sind mit der Bombardierung haben Sie einen wahnsinnigen Druck im Kopf und im Mund das Gefühl, als hätten Sie Blei im Mund.

 

Blei im Mund? Warum?

 

Ich weiß es nicht Es war ein ganz bleiernes Gefühl. Jedes Mal. Wahrscheinlich hing das dann mit der Munition der NATO zusammen.

 

Wie ist der Klang?

Fürchterlich! Das kann man nie beschreiben. Da gibt’s auch gar keinen Ausdruck dafür. Sie können nicht sagen ohrenbetäubend, das wäre wahnsinnig untertrieben. Ich hatte immer das Gefühl, das Hirn reißt’s mir aus dem Kopf. Ich hab diesen Klang, dieses Einschlagen der Bomben, am meisten gehasst. Das war für mich das Schlimmste.

 

Wann kamen die Bomben?

 

Am Anfang kamen sie ziemlich regelmäßig. Man hörte ab elf Uhr abends ein leises Säuseln. Die behaupten immer, man hört die Flugzeuge nicht, aber das stimmt nicht. Man hörte sie. Was bis ein Uhr, zwei Uhr nicht bombardiert war, da konnte man sagen „Ok, für diese Nacht haben wir’s überstanden“.

 

Können Sie mir denn beschreiben, wie der Alltag abgelaufen ist während der Bombardements?

 

Tagsüber haben Sie fast gar nichts gemerkt. Die Fußgängerzone war voll mit Menschen. An jeder Ecke ein Stand, wo es Anstecker zu kaufen gab mit Madeleine Albright als Teufel, Clinton mit der langen Nase als Lügner. Auch Plakate. Schmäh-Plakate gegen den Westen oder gegen die NATO. Am Abend dann, gegen fünf Uhr, sind dann Tribünen aufgestellt worden, dann kamen die Sänger. Improvisierte Lieder gegen die NATO, böse Lieder und den eigenen Patriotismus anfeuernd. Bis in den Abend, die Bevölkerung hat begeistert mitgejubelt. Und dann gab’s an den Brücken die Brückenwachen, weil man ja wusste, dass die NATO die Brücken eventuell bombardieren möchte. Da hatte man Brückenwachen aufgestellt, auch mit Tribünen, mit Gesang und so weiter, die sich dann aber auch im Laufe der Zeit und desto länger die Bombardierung dauerte, verloren haben letztlich.

 

Wir besuchen das Haus, in dem das serbische Fernsehen untergebracht ist. Am 23. April 1999 nachts wurde es von NATO-Bombern beschossen. 16 Menschen sterben. Einer Seite fehlt noch heute komplett die Wand, die Innenräume sind belassen wir 1999, Schutt, Staub, Tauben nisten darin.

 

Das Fernsehen wurde als militärisches Ziel eingestuft von der NATO. Ich kann das auch nicht verstehen. Ich glaube, das versteht kaum jemand mit normalem Gedankengang, was das sollte.

Es ist ein Fernsehsender. Es war natürlich der Propaganda-Sender von Milosevic, auf der anderen Seite: Was hat man erreicht? Es waren am nächsten Tag die gleichen Nachrichten, nur über einen anderen Sender gebracht.

 

Wie haben die Menschen in Belgrad auf diesen Angriff reagiert?

 

Sehr geschockt. Sehr geschockt. Ich glaube, das hatte man sich so nicht vorgestellt, die Stimmung wurde immer getrübter und immer skeptischer gegenüber Milosevic. Auf welches Abenteuer er sich da letztlich eingelassen hat.

 

Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfahren haben, dass das Fernsehgebäude hier bombardiert wurde?

 

Ich konnte es auch nicht glauben. Noch dazu ist die Frage: Wusste man, dass Menschen drin sind, wusste man’s nicht? Da gehen ja bis heute die Spekulationen weiter. Wurden diese Leute wirklich gezwungen, hier zu sein? Wurden sie absichtlich geopfert, um dem Westen aber auch den eigenen Leuten zu zeigen, welche Untaten die NATO letztlich verübt? Das ist bis heute nicht ganz geklärt.

 

Glauben Sie, dass man einen Krieg führen kann ohne zivile Opfer?  

 

Na ja, in Bosnien konnte man ihn teilweise so führen. Als Bosnien bombardiert wurde, da wurden tatsächlich nur die Kasernen und Militäreinrichtungen bombardiert. Kaum zivile Ziele, so wie ich mich erinnere und ich glaube, es gab auch kaum zivile Opfer. Aber das war eine ganz andere Ausgangssituation. Da war Milosevic sofort bereit einzulenken. Das konnte mit der Situation im Kosovo kaum vergleichen.

 

Wie war eigentlich die Haltung der Serben gegenüber Milosevic als dieser Krieg begann? Haben die Leute nicht angefangen, an ihm zu zweifeln?

 

Nein. Als der Krieg begann, standen eigentlich alle geschlossen hinter ihm. Einschließlich der Opposition, die sehr große Probleme hatte, sich in dem Dilemma zwischen NATO und Milosevic zurechtzufinden.

 

Also, da stand alles hinter Milosevic, aber natürlich auch mit Gedanken ‚Das Ganze geht acht, zehn Tage, dann wird Milosevic einlenken, dann gibt’s wie immer ein paar Gespräche, ein paar Verhandlungen, bei denen letztendlich nicht viel rauskommt‘. Ich glaube, das war so die Grundeinstellung, die sich aber dann mit der Zahl der zivilen Opfer, dramatisch verändert hat.

 

Hätten Sie denn damit gerechnet, dass der Krieg so lange dauert?  

Niemand hat damit gerechnet, selbst die Amerikaner nicht. Milosevic genauso. Er war auch überzeugt, der Krieg geht allenfalls, wenn’s hochkommt, zwei Wochen. Dann würde er, wie er es auch früher gemacht hatte, einen Finger heben und sagen ‚Also gut, dann lasst uns verhandeln‘ und der ganze Spuk wäre vorbei. Denn ein zweites Mal, das wusste jeder, hätte die NATO da nicht nochmal angefangen zu bomben. Stattdessen: Endlose Verhandlungen, bei denen nichts rauskommt, irgendeine Unterschrift, die nichts wert ist.

 

Viele sagen ja, man hätte Milosevic mehr Zeit geben müssen, hätte ihm irgendetwas geben müssen, damit er einlenkt, um diesen Krieg zu verhindern.

 

Ja was oder welcher Auflage hätte er denn zustimmen sollen? Es war ja die Strategie Milosevics, die Albaner zu vertreiben und zu hoffen, dass sie nicht wiederkommen, um dann das demografische Bild im Kosovo eben zu Gunsten der Serben zu ändern. Das war sein Ziel. Den Amerikanern ging es dagegen darum, im Kosovo den serbischen Einfluss auf Null zu setzen. Abzug aller Sicherheitskräfte. Dem hätte er zweimal nicht zustimmen können. Was hätte man ihm geben sollen? Hätte man ihm sagen sollen ‚Sie werden nicht vor dem Tribunal angelangt‘? Da hätte man buchstäblich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Und das wäre, glaube ich, noch unmoralischer gewesen. Das hätte man nie verantworten können.

 

Von den Amerikanern aus gesehen, war die Strategie relativ klar. Bei den Europäern fürchte ich, dass die eigentlich gar keine Strategie hatten. Die wussten überhaupt nicht, was sie letztlich erreichen wollten.

 

Haben die Leute hier in Belgrad nicht gewusst, was sich im Kosovo abgespielt hat

 

Doch, das war bewusst, aber man hat hier als Initiator und als Hauptverantwortlichen die UçK gesehen. Was man vielleicht nicht wusste, das war, dass zum Beispiel neunhundert Leichen von Albanern aus dem Kosovo mit Viehtransportern nach Belgrad gebracht wurden. Auf die Transporter raufgeschmissen und dann in Massengräbern auf dem Polizeigelände verscharrt. Das, glaube ich, wusste man zu dem Zeitpunkt nicht. Aber sonst fühlte man sich als Opfer. Eigentlich auch heute noch.

 

Viele Serben sind der Meinung, dass die Albaner sehr bewusst die NATO instrumentalisiert hatten, um für sie zu bomben, um eben ihren eigenen Staat zu haben und die Serben zu vertreiben. Und dann natürlich die NATO-Bombardierung – das sieht man doch als tiefe Beleidigung für die Serben.

 

Was macht das mit einem Volk, das sich so ungerecht behandelt fühlt?

 

Dieser ursprünglich riesengroße Hass gegen die NATO hat sich vielleicht ein bisschen gemildert. Serbien hat vor kurzem erst wieder ein Abkommen mit der NATO abgeschlossen, das eigentlich fast schon einer Mitgliedschaft gleichkommt. Das wird man natürlich nie so offiziell mitteilen.

 

Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass die Kosovo-Frage immer noch nicht am Ende ist und das fühlt man auch in Serbien. Man weiß, man will in die EU. Auf der anderen Seite ist ein EU-Beitritt vermutlich nur möglich, wenn man die Kosovo-Frage endgültig gelöst hat.

 

Und da haben Sie Nord-Kosovo, der überwiegend von Serben bevölkert ist. Sie haben den Südteil jetzt, wo die Albaner im Kosovo bereits liebäugeln, sich mit Albanien zu verbinden. Also, so ganz gelöst ist der Konflikt noch nicht.

 

Wie denken Sie über die völkerrechtliche Legitimation dieses Krieges? Es gab kein klares VN-Mandat für diesen Krieg. Hätten man diesen Krieg führen dürfen oder nicht?

 

Da ist die Frage: Wurde das Völkerrecht verletzt? War das sozusagen ein Husarenritt der Amerikaner über das Völkerrecht und nach dem Motto ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘? Wenn man den Kosovo so sieht, wie er heute ist, dann glaube ich, gab’s keine andere Alternative.

 

Die Europäer mit ihren Diskussionsforen, die hätten das Ganze zerredet. Was wäre dabei rausgekommen? Die UçK hätte nicht aufgegeben. Die Serben hätten sich natürlich mit Polizei und Militär gewehrt. Was hätten wir erreicht?

 

Was hat dieser Krieg eigentlich am Ende gebracht?

 

Er hat letztlich die Unabhängigkeit dem Kosovo gebracht, er hat ihn von serbischer Bevormundung befreit. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch viele Baustellen.

Im Kosovo gab es nach dem Krieg eine albanische Führung, die aus der UçK hervorgegangen ist. Korrupt. Sie hatten eine VN-Verwaltung, anschließend eine EU-Verwaltung. Völlig nutzlos. Die VN hatten Angst, die Albaner wirklich zu entwaffnen. Das sind natürlich alles Defizite.

 

Von den Bundesministern Scharping und Fischer fielen in der deutschen Diskussion über den Kosovo-Einsatz Begriffe und Formeln wie ‚Nie wieder Krieg, nie wieder Au-schwitz!‘. Konzentrationslager. Hufeisenplan. Völkermord. Wie haben Sie das gesehen?

 

Beispiel Scharping sagte zum Beispiel, er hätte Informationen, dass die Serben albanischen schwangeren Frauen den Fötus rausschneiden und dann grillen. Aussagen, die absolut verrückt waren. Um zu rechtfertigen, dass man mitspielte bei der Geschichte.

 

Ich glaube schon, dass es auf der einen Seite Stimmungsmache war. Auf der anderen Seite sollte man doch festhalten, die Albaner wurden unterdrückt im Kosovo. Nicht erst seit Milosevic. Sie wurden eigentlich unterdrückt, seit sie zu Serbien gehören. Und sie wollten raus. Nur hatte Tito einige Zeit den Deckel draufgehalten.

 

Milosevic hat dann die Verfassung geändert. Die Autonomie war weg und geblieben sind die Albaner, die sich ja nach vier oder fünf Jahren sehr friedlich versuchen, und so im Westen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die dann spätestens mit dem Dayton-Abkommen merkten: Wir können auf friedlichem Weg nichts erreichen – und dann eben auf die UçK und die Guerilla-Angriffe kamen.

 

Die Albaner WURDEN unterdrückt. Man kann eine Bevölkerung auch sehr subtil unterdrücken. Wie mir ein Albaner mal erzählte, ich fahr‘ in der Früh aus dem Haus, an der nächsten Kreuzung schau‘ ich, steht manchmal ein serbischer Polizist. Wenn er da steht, weiß ich, wird er mir sagen ‚Du bist zu schnell gefahren, zwanzig D-Mark.‘ Ich komm‘ ins Büro, es kommt serbische Polizei und sagt mir ‚Du hast irgendeine Anordnung nicht eingehalten in Deinem Betrieb. Tausend D-Mark‘. Wenn ich sage, ich hab‘ das Geld nicht, kommt am nächsten Tag die Steuerfahndung. Zehntausend. Wenn ich dann zuhause zu Abend esse, stehen die serbischen Polizisten in der Tür und sagen ‚Okay, Hausdurchsuchung, zeig‘ uns gleich deine Waffen, wo du sie hast, dann müssen wir dir nicht alles vernichten hier‘.

 

Das ist subtile Unterdrückung. Das ist einfach das Gefühl, ich lebe in einem Staat, der mich nicht will, wo ich ein Mensch zweiter Ordnung bin. Und man sieht eigentlich auch nicht, dass das irgendwann besser werden sollte. Für einen Serben ist ein Albaner immer ein Mensch zweiter Rangordnung gewesen. Ich würde soweit gehen zu sagen, er ist es heute auch noch zum Teil.

 

 

„FÜR DEN KOSOVO STERBEN, JA. IM KOSOVO LEBEN, NEIN.“

 

 

Was bedeutet jungen Serben heute das Amselfeld?

 

Tja, natürlich ist jahrzehntelang der Mythos Amselfeld geschürt worden. Das Mutterland.

Geschürt nicht nur von den Nationalisten, sondern eigentlich von allen Seiten. Kosovo das Mutterland. Der Mythos besteht seit langer Zeit. Ich glaube aber nicht, dass es im Inneren so verinnerlicht ist.

 

Viele Serben beziehen sich immer auf die serbischen Klöster im Kosovo. Aber wenn ich in die Klöster gefahren bin vor dem Krieg, da habe ich nie einen Serben getroffen. Die Klöster waren teilweise in einem sehr schlechten Zustand. Es hat reingeregnet. Sie konnten durch Pfützen laufen, wenn Sie durch diese Kirche gelaufen sind. Ich hab‘ mich dann immer gefragt ‚Ja also, wenn das euer Mutterland ist, ist es euch leichter, nach China zu fliegen mit subventionierten Flügen oder könnt‘ ihr nicht mal dreieinhalb Stunden in den Kosovo fahren und Euer Mutterland besuchen?‘

 

Also, da gibt’s ja den schönen Ausspruch für den Kosovo: „Für den Kosovo sterben, ja. Im Kosovo leben, nein.“

 

Wirklich?

 

Das ist in Serbien ein geflügeltes Wort, ja.

 

 
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