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„Ich habe die Bilder gesehen und mir rollten die Tränen.“

RolandJahn

 

 

ROLAND JAHN ÜBER SEINE GEWALTSAME ABSCHIEBUNG, ANPASSUNG UND WIDERSTAND – UND HEIMAT.

 

Ich treffe Roland Jahn am Senefelderplatz in Berlin, an der Südspitze des Prenzlauer Bergs. Wenige Gehminuten von der Stasiunterlagenbehörde, die er derzeit leitet. Im Interview spricht er über seine Heimat Jena, die brutale Abschiebung in die Bundesrepublik, seine Tätigkeit als Journalist in West-Berlin.

 

Dort baut er unter anderem einen Kontakt zu Siggi Schefke und Aram Radomski auf. Die beiden filmen die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Roland Jahn sorgt dafür, dass die Bilder in den ARD-Tagesthemen laufen – und über diesen medialen Umweg alle DDR-Bürger im West-Fernsehen verfolgen können: Polizei und Stasi schießen nicht. Groß-Demonstrationen sind offenbar möglich. Der entscheidende Schritt zur Wende in der DDR.

 

 

Roland Jahn, Sie hatten den Spitznamen „Gag“. Was ist denn ein guter DDR-Witz?

 

Einer fällt mir sofort ein. Der große Wettlauf rund um den Kreml zwischen Carter und Brezhnev, wo natürlich Carter gewonnen hat. Aber am nächsten Tag stand im „Neuen Deutschland“, der DDR-Zeitung, „Beim Wettlauf um den Kreml belegte Brezhnev einen hervorragenden zweiten Platz. Carter wurde nur vorletzter“. Und das hat natürlich genau gezeigt, was die DDR war. Sie haben sogar mit der Wahrheit gelogen.

 

Sie waren Fußballer im FC Carl Zeiss Jena, Sie haben in der DDR Abitur gemacht, Sie haben in der DDR den Wehrdienst geleistet. Warum ist denn aus Ihnen eigentlich kein angepasster DDR-Bürger geworden?

 

Wieso? Ich war doch ein angepasster DDR-Bürger. Ich bin junger Pionier gewesen, ich war in der Freien Deutschen Jugend, ich habe meinen Grundwehrdienst bei der Bereitschaftspolizei geleistet. Ich bin zum Studium, dort war ich im Militärlager. Was will man noch mehr an Anpassung? Also, in dem Sinne, denke ich, muss man immer vorsichtig sein von wegen angepasst oder Rebell. Beides war oft in einem und es war immer ein Weg zwischen Anpassung und Widerspruch.

 

Wo war der Punkt, an dem sich die Dinge für Sie geändert haben und Sie widersprochen haben?

 

Das ist kein Punkt, sondern das ist ein ganzer Prozess. Es sind ja oft die vielen kleinen Dinge. Wenn man keine langen Haare in der Schule tragen darf, wenn man West-Musik nicht hören darf, dann fragt man sich schon ‚Was ist das eigentlich für ein Staat, der über seine Jugend bestimmt?‘. Da kommen die ersten Widersprüche, wo man aufbegehrt. Und wenn man dann wie ich durchsetzt, dass man doch lange Haare tragen darf, wenn man sich beschwert in Berlin beim Ministerium und dann Recht bekommt, dann denkt man ‚Mensch, hier kannst du auch was ändern!‘.

 

Aber das ging nicht so leicht, was zu ändern.

 

Nein, das ging nicht so leicht. Aber es gab halt doch Dinge, wo es möglich war. Doch an die großen Dinge sind wir halt nicht ran. Wenn ich dran denke, dass ich mich beschwere im Ministerium wegen der langen Haare, aber dort genau am Brandenburger Tor das Volksbildungsministerium wieder verlasse und gegen die Mauer, gegen den Schießbefehl nichts tue, dann frage ich mich schon im Nachhinein: habe ich mich irgendwie an diese Mauer gewöhnt? Habe ich mich angepasst und habe nicht gewagt zu widersprechen an diesem ganz, ganz wichtigen Punkt?

 

Sie sind als junger Mann verhaftet worden und fünf Monate ins Gefängnis gekommen. Wie kam es dazu?

 

Das ist in wenigen Worten nicht zu fassen, denn in der DDR war es ja oft nicht so, dass man wegen was ganz Konkretem ins Gefängnis gekommen ist, sondern die Stasi hat einfach entschieden ‚Jetzt ist das Maß voll, der muss aus dem Verkehr gezogen werden‘. Es war also in dieser Hinsicht eine Summe von Dingen, die da zusammengekommen sind.

 

Als Anlass hat man dann ein kleines polnisches Fähnchen an meinem Fahrrad genommen. Das hatte ich mir für acht Pfennig im Schreibwarenladen gekauft und bin mit diesem Fähnchen am Fahrrad immer durch die Stadt gefahren und als ich dann auf polnisch draufgeschrieben habe ‚Solidarität mit dem polnischen Volk‘, damit war ich dann schon etwas zu weit gegangen. Denn ‚Solidarität‘ ins Polnische übersetzt war der Name der Gewerkschaft Solidarność , die für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft hat in Polen.

 

Ich war also mit meinem Fahrrad unterwegs. Und dann kam ein Polizist und sagte ‚Kommen Sie mal mit!‘, und das war dann sozusagen der Weg in sechs Monate Gefängnis.

 

Was geht da in einem vor?

 

Ja, das ist ein Moment, wo man spürt, das ist jetzt kein Film, sondern du erlebst das ganz konkret. Du spürst die Ohnmacht. Du bist deinem Staat ausgeliefert. Du hast keine Chance zu entkommen in diesem Moment.

 

Was hat sich in Ihnen während dieser Haft verändert?

 

Ich weiß, was ich da in der Zelle gelitten habe. Dass ich damals hinter den Glasbausteinen die Sonne nicht gesehen habe. Wie ein Tier auf- und abzugehen. Auf dem Klo zu wohnen mit den anderen Mitgefangenen.

Das ist ja das Verrückte, dass jeder Tag in diesem Gefängnis zu viel ist – und die Erfahrung trotzdem wichtig ist. Ich habe da für mein Leben was mitgenommen: Nämlich aus dem Negativen das Positive ziehen. Dass ich immer schaue, wo sind die schönen Seiten des Lebens und die genieße, obwohl ich manchmal auch noch heute darunter leide unter dem, was ich dort erlebt habe.

 

Man hat Ihnen Fotos Ihrer Tochter gezeigt.

 

Man wollte mich dazu bringen, endlich meinen Ausreiseantrag zu stellen im Gefängnis. Sie haben mich damit zerbrochen. Ich habe im Gefängnis den Ausreise-Antrag gestellt. Ich habe nicht dagegenhalten können. Ich wollte für meine Tochter da sein. In dem Moment bist du dann bereit zu sagen ‚Nichts wie raus hier!‘. Da ging’s mir ja genauso wie vielen, vielen anderen, die im Gefängnis saßen. Die Stasi hat ja mit feinsten psychologischen Tricks gearbeitet. Die hat genau gewusst, wo man verletzbar ist, nämlich bei den lieben Mitmenschen.

 

Sie haben den Antrag dann zurückgezogen, als Sie frei kamen. Sie wollten bleiben.

 

Weggehen bedeutete ja Heimatverlust. Die DDR war meine Heimat. Jena war meine Heimat. Meine Familie, meine Freunde, all das war mir wichtig. Deswegen hab‘ ich gesagt, ich halte solange wie möglich dagegen. Das ist meine Heimat. Mit diesem Staat bist du zwar nicht zufrieden, aber es ist meine Heimat und die lass‘ ich mir nicht nehmen.

 

Aber dann mussten Sie ja glauben, dass sich diese DDR verändern lässt.

 

Ich hab‘ den Glauben gehabt. Die Frage war nur, wie viel Kraft hat man alleine. ‚Alles verändert sich, wenn du es veränderst, doch du kannst nicht gewinnen, solange du alleine bist‘. Das ist eine Liedzeile von Ton Steine Scherben, die war Programm. Die hab ich vor mir her getragen. Du kannst in der DDR nur was verändern, wenn du Mitstreiter hast.

 

 

„DIE SIND DICH NICHT LOS.“

 

 

Am 8. Juni 1983 wurden Sie gewaltsam aus der DDR ausgebürgert – gefesselt in einen Zug gesetzt und in die Bundesrepublik geschafft. Waren Sie damals eigentlich fertig mit der DDR?

 

Dieser Rausschmiss hat mir die Selbstbestimmung genommen und ich dachte: Sowas geht nicht. Die sind dich nicht los. Du wirst nicht aufgeben, auch wenn du jetzt auf der anderen Seite der Mauer bist.

 

Ich wollte dieses Land weiter verändern und so habe ich alles versucht, um wieder zurückzukommen. Ich bin Transit gefahren, wurde da festgenommen, verprügelt und wieder abgeschoben. Einmal bin ich in Schönefeld gelandet und durchgerutscht. Ich bin ich sofort nach Jena, nach Hause, ich wollte meine Eltern besuchen und am frühen Morgen stand ich dann vor der Haustür und habe an meine Eltern gedacht und mich gefragt: ‚Was wird passieren?‘

 

Sie waren krank. Mein Vater hatte einen Herzinfarkt. Wie würde er es verkraften, wenn ich plötzlich auftauche? Illegal. Ich habe dran gedacht, was ist, wenn ich ihr Haus wieder verlasse? Ich stand eine Stunde vor der Haustür und ich hab’s nicht gewagt zu klingeln.

 

Das war die deutsche Teilung vor der Haustür. Das war die Angst, die ich hatte. Und ich bin wieder weggefahren. Ich bin nach Berlin und habe Freunde getroffen und wir haben lange, lange geredet. Bleiben oder gehen? Was machst du? Gehst du in den Untergrund? Verstecken Dich Deine Freunde? Kann man so leben? Und am Ende des Abends haben mich dann meine Freunde an die Friedrichstraße gefahren, an den Grenzübergang, und haben gesagt ‚Du bist für uns wichtig in Westberlin. Wir brauchen jemanden, der sich für unsere Interessen einsetzt in Westberlin.’ Und plötzlich hatte ich einen klaren Auftrag.

 

Plötzlich ging es nicht nur um mich, sondern um die anderen. Und das war dann die Motivation, der DDR-Opposition im Westen eine Stimme zu geben.

 

Roland Jahn arbeitet fortan als Journalist beim Polit-Magazin „Kontraste“ des damaligen Sender Freies Berlin (heute rbb). Es gelingt ihm, Videokameras an Verbindungsleute in der DDR zu verteilen. Damit entstehen Aufnahmen, die das Leben in der DDR ungeschönt zeigen. Und die dann im Fernsehen gesendet werden. Menschen auf beiden Seiten der Mauer können diese Bilder sehen. Am 9. Oktober 1989 gelingen den beiden Filmern Siegbert Schefke und Aram Radomski Aufnahmen der Montags-Demonstration in Leipzig. 70.000 DDR-Bürger gehen auf die Straße. Sie rufen: Wir sind das Volk.

 

Sprechen wir über den neunten Oktober. War das ein Tag der Entscheidung?

 

Der neunte Oktober war ein Tag der Entscheidung, weil dieser neunte Oktober den Menschen in der DDR insgesamt gezeigt hat, dass in Leipzig viele die Angst überwunden haben. Und wenn die Menschen die Angst überwinden, ist die Diktatur am Ende. Denn die Angst ist der Kitt der Diktatur.

 

Was bedeutete im System DDR eigentlich Angst?

 

Angst war etwas, was man sich erstmal bewusst machen musste. Meine eigene Mutter hat erst begriffen, dass man nichts verbrochen haben muss, um eingesperrt zu werden, als sie ihren Sohn abgeholt haben und ins Gefängnis gesperrt haben. Diese Willkür, das ist das, was Angst gemacht hat.

 

Sie haben sicher noch die Tage davor im Kopf. Vierter bis siebter Oktober. Einerseits die Feierlichkeiten zum vierzigsten Geburtstag der DDR. Andererseits die Brutalität der Polizei, wie etwa auf den Straßen von Berlin, wo Demonstranten niedergeprügelt wurden. Haben Sie gefürchtet, dass es auch bei der Montagsdemonstration am neunten Oktober brutal werden kann?

 

Die Angst war immer da, dass sich der Staat gegen die eigenen Menschen gewaltsam vorgeht. Bei den ersten Demonstrationen, die ja noch mit wenigen Leuten gemacht worden sind, hat die Stasi geschlagen und Leute inhaftiert.

Im September gab’s ja schon ein paar, die den Kopf rausgestreckt haben. Ein paar Wenige, die den Mut hatten, wirklich auf die Straße zu gehen, raus aus der Kirche. Und dann schwang immer die Frage mit: Wird der Staat sich das bieten lassen, dass Menschen sich ein Stück Freiheit selbst nehmen?

 

Das hatte Signalwirkung, dass dann plötzlich wirklich siebzigtausend Menschen den Mut fanden, auf die Straße zu gehen. Das war der Durchbruch, weil der Staat wie gelähmt und nicht mehr handlungsfähig war.

 

 

„WIR HABEN EINFACH GEMACHT.“

 

 

Was hat für Sie der Ruf bedeutet Wir sind das Volk?

 

Für mich war dieser Ruf ‚Wir sind das Volk‘ auch eine Botschaft an die Polizisten und die Stasi-Leute, mit dem deutlich wird: Wenn ihr auf uns einschlagt, dann schlagt ihr das eigene Volk. Die hatten vorher immer versucht, Demonstranten zu verunglimpfen mit der Beschimpfung ‚Das sind Rowdies, das sind Asoziale‘. Aber als dann dieses Signal kam ‚Wir sind das Volk‘, dann wurde sozusagen die Propaganda der SED ad absurdum geführt.

 

Es gelingt Siegbert Schefke und Aram Radomski mit Hilfe des SPIEGEL-Korrespondenten Ulrich Schwarz, Aufnahmen der Demonstration noch am Abend nach West-Berlin zu schmuggeln. Von dort werden sie sofort nach Hamburg überspielt, um in den Tagesthemen gesendet zu werden…

 

Es war schon sehr spät an diesem Dienstag und ich bin sofort in die MAZ gerannt und habe die Kassetten in einen VHS-Recorder eingeworfen und habe die Bilder gesehen und mir rollten die Tränen. Mir rollten die Tränen. Das, wovon wir immer geträumt hatten, wo wir angefangen hatten in Jena mit dreißig Leuten, jetzt waren das siebzigtausend. Da wusste ich, die DDR ist am Ende.

 

In dem Moment, als der Beitrag in den Tagesthemen gelaufen ist mit diesen Bildern, hatten Sie da am Ende den Eindruck, dass Ihre Arbeit jetzt gemacht ist?

 

Wir haben gar nicht so groß gedacht, sondern wir haben einfach gemacht. Die politische Dimension dessen, was da geschieht, die haben wir auch erst im Nachhinein begriffen. Es ging uns um freie Informationen. Es ging darum, dass die Diktatur herausgefordert wird und dass man dafür sorgt, dass das Monopol der Partei auf Informationen aufgebrochen wird. Und das konnte man halt nur übers Westfernsehen.

 
 
 
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