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„Kohl wusste, da geht’s ums Ganze.“

Zach Portrait
 
 
MANFRED ZACH, INTIMUS VON LOTHAR SPÄTH, ÜBER DIE HOFFNUNG, SPÄTH ZUM KANZLER ZU MACHEN, WIDERSTÄNDE AUS DER WIRTSCHAFT UND DIE KRAFT VON KÄMPFER KOHL.
 
Wir treffen Manfred Zach im Park der Villa Reitzenstein hoch über Stuttgart: Amtssitz des Staatsministeriums von Baden-Württemberg und damit sein alter Arbeitsort als Leiter des Grundsatzreferats und als Späths Ghostwriter. Zach schrieb nach seiner Zeit bei Späth einen Roman, Titel „Monrepos“, eine Art House of Cards aus Stuttgart. Auch wenn dem herbstlichen Treffen im Trenchcoat ein Anflug von Konspiration innewohnt: Zach stellt sich als angenehmer, konzentrierter Gesprächspartner heraus, der nicht lange fackelt.
 
 
Herr Zach, ganz direkt gefragt: Wollte Lothar Späth Kanzler werden?
 
Er tat lange Zeit so, als ob er es wollte. Er hat dann im entscheidenden Augenblick nicht zugepackt, sondern ist zurückgewichen. Und von da an waren auch alle Kanzlerträume dahin.
 
Sie sagen, „er tat so“. War es dann ein Traum? War es ein Spiel? Oder hatten Sie den Eindruck, in ihm drin sagt ihm eine Stimme: Späth, du musst Kanzler werden!
 
Die Stimme war mit Sicherheit da. Und die war vor allem deswegen da, weil er hier in Baden-Württemberg unglaublich gut angekommen ist, weil er sich in fast allen Bereichen seinem Widerpart Helmut Kohl überlegen fühlte. Und wenn man die Innenpolitik betrachtet, hatte er wohl nicht Unrecht, denn das, was Helmut Kohl in den 80er-Jahren an Performance bot und das, was Späth hier in Baden-Württemberg vorantrieb, das unterschied sich schon sehr deutlich. Das ist ja in der Öffentlichkeit und in den Medien auch genügend herausgestrichen worden. Aber zum Kanzler werden wollen und dann auch sein gehört natürlich mehr, zum Beispiel die Partei hinter sich zu versammeln und da hat es nicht geklappt. Da war er Kohl deutlich unterlegen.
 
Glaubte Lothar Späth auch, dass er das Zeug dazu hatte, Kanzler zu werden?
 
Ja. Sein Selbstbewusstsein war durchaus ausgeprägt und es ist ihm ja von vielen Seiten auch so bestätigt worden
 
Glauben Sie, dass Späth das Zeug zum Kanzler hatte?
 
Ich glaube es schon. Er wäre mit Sicherheit innenpolitisch ein sehr guter Kanzler gewesen. Er hätte Deutschland, nach meiner Meinung, in vielen Bereichen sehr viel schneller wirtschaftlich und vor allen Dingen technologisch voran gebracht. Das war seine Stärke. Ob er die Herausforderung, die dann ein Jahr später kam und die man ja damals nicht absehen konnte, nämlich die deutsche Einheit zu managen, so traumwandlerisch sicher wie Helmut Kohl bewältigt hätte, da mache ich ein Fragezeichen.
 
Hat er Ihnen den Auftrag gegeben, Ihnen und Ihren Kollegen: Bitte macht mir ein politisches Programm für ganz Deutschland?
 
Er hat mir als seinem Redenschreiber, Chef der Planungsabteilung und später dann auch Regierungssprecher, den Auftrag gegeben, als Ghostwriter Bücher für ihn zu schreiben. Und das erste Buch, mit Abstand das erfolgreichste, hieß: „Wende in die Zukunft“. Das kam, glaube ich, 1985 raus. Im Spiegel Verlag.
 
„Wende in die Zukunft“ war schon Programm. Wenn ich mich in die Zukunft wende, heißt das, denknotwendig: Bisher ist es zurückgegangen mit dem Land. Und das war eigentlich und wurde auch so verstanden, sein potentielles Regierungsprogramm für einen Kanzler Späth der Bundesrepublik Deutschland. Es wurde in Bonn von Außenminister Genscher vorgestellt. Und die Reaktion war entsprechend: Aha, das ist Späths Regierungsprogramm.
 
Da haben wir eben alle seine Themen, die Deutschland nach vorne bringen sollten, aufgelistet. Man darf eins nicht vergessen: Die erste Hälfte der 80er-Jahre war für Deutschland eigentlich eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen. Kohl war wirklich angeschlagen innenpolitisch. Es gab Skandale, die Wirtschaft lief schlecht, die Arbeitslosigkeit war hoch. Vor allem: Es passierte nichts. Dieses Bild von Kohl, der alles aussitzt: Das ist da entstanden. Biedenkopf hat damals, kurz vor dem Bremer Parteitag 1989 einen Beitrag veröffentlicht: Die Mittelmäßigkeit liege wie Mehltau über diesem Land. Er meinte natürlich über der Regierung Kohl.
 
Haben Sie es auch so empfunden?
 
Absolut. Dem gegenüber war Baden-Württemberg wie ein Leuchtturm. Wenn Sie heute durch das Land gehen und gucken, was so alles herumsteht an universitären Einrichtungen… das meiste ist in den 80er-Jahren entstanden. Eine sehr gute Infrastruktur, die dieses Land wirklich vorangebracht hat, schneller als die Bundesrepublik insgesamt.
 
 
Was war Ihr Eindruck von Kohl damals?
 
Also, wir haben Kohl als Parteivorsitzenden immer für ein Schwergewicht gehalten. Sein Feld war eher die Außenpolitik. Aber tagespolitisch, innenpolitisch, da kamen von ihm eigentlich keine Anstöße. Das ließ er die Ministerinnen und Minister machen. Und man darf ja nicht vergessen, das war die Zeit, in der der Umweltschutz immer wichtiger wurde, die Energiepolitik anfing wahrgenommen zu werden, alles Themen, die dann von den Grünen sehr stark besetzt wurden, und die innenpolitisch die Leute bewegt haben. Späth hatte bei Kohl das Gefühl, er macht nichts, der lässt treiben.
 
1985 das Buch „Wende in die Zukunft“. Wann reifte in Späth der Gedanke, er könne Kanzler werden?
 
Ich würde es aus meiner Sicht eben in der Zeit, etwa 1984, datieren.
 
Das ist ja nur 2 Jahre nachdem Kohl Kanzler geworden ist.
 
Späth war immerhin schon 6 Jahre hier Ministerpräsident. Er regierte allein. Er hatte eine absolute Mehrheit. Er hatte einen recht guten Draht zu Franz Joseph Strauß. Also, ich denke, insgeheim hat er sich schon auf diese Möglichkeit vorbereitet. Es ist bei ihm ein Aufstieg festzustellen, hier erst im Land, dann immer mehr auch in der Wahrnehmung ausländischer Regierungen. Das sah man deutlich anhand der Einladungen, die kamen und kulminierte eigentlich dann im Jahr 88, Anfang 89, mit einer Einladung nach Moskau, zu Gorbatschow, wo er fast drei Stunden mit Gorbatschow konferierte, was länger war als das Gespräch Gorbatschow-Strauß. Das wurde damals wirklich als Signal verstanden: Jetzt ist er angekommen.
 
Normalerweise würde man bei einem solchen Besuch sagen: Das ist die finale Bewerbungsetappe, wenn man Staatschef werden möchte.
 
Richtig. Und Gorbatschow hat ihm die Bühne geboten. Es entwickelte sich auch eine ganz gute persönliche Atmosphäre. Gorbatschow kam ja dann noch zum Staatsbesuch in dem Jahr nach Deutschland. Nach Stuttgart und nicht nach München. Späth stand bei der Bevölkerung ganz hoch im Kurs. Und da gibt es ja auch Umfragen, nicht nur hier im Land, sondern auch bundesweit, dass Späth einfach auf Platz 1 war.
 
Wie reagierte Kohl auf diesen Besuch?
 
Mit Sicherheit nicht erfreut. Es wurde zwar verbrämt, dass wir über Baden-Württemberg geredet hätten, aber es wurde über alles geredet. Über die Abrüstung, über die atomare Bewaffnung etc. Da wurde ein Alternativprogramm ausgebreitet und das hat den russischen Präsidenten so interessiert, dass er sich da wirklich drei Stunden für Zeit genommen hat. Wir haben dann gehört, dass es höchste Verärgerung ausgelöst hat sowohl im Außenministerium als auch im Kanzleramt. Aber das hat uns nur mäßig beeindruckt.
 
 
DER SPIEGEL als Kanzlermacher?
 
 
Welche Rolle hat der Spiegel gespielt, als es darum ging, Späth auch bei der Bevölkerung in Deutschland als Alternative zu Kohl zu inszenieren?
 
Der Spiegel war publizistisch unser wichtigster Verbündeter. Der Spiegel hat früh als Programm gehabt, den Dicken abzuschießen, wie der Jargon hieß. Und sie sahen in Späth eigentlich den einzigen Innenpolitiker der CDU, der dazu in der Lage sein würde, weil Kohl sein Kabinett, Stoltenberg und wie sie alle hießen, ja wirklich fest im Griff hatte und von daher keinerlei Befürchtungen haben musste. Mein Vorgänger Matthias Kleinert hatte ganz wesentlich an diesem Aufstieg Anteil, weil er einfach eine exzellente Pressepolitik gemacht hat. Und dazu gehörte, zum Spiegel, zu Erich Boehme, intensive Beziehungen aufzubauen.
 
Was heißt denn das konkret?
 
Dass man natürlich sehr gute Informationen erhielt und auch Informationen gab. Und dass der Spiegel Späth immer wieder als Hoffnungsträger der Union hochgeschrieben hat und Stories über das Land, über die Technologiepolitik etc. brachte. Ich glaube, Späth hat den Spiegel-Redakteuren wirklich imponiert, weil er im Grunde der einzige war, der sich abhob von dieser manchmal farblosen Politikerkaste, mit der man es sonst zu tun hatte. Späth war witzig, gescheit, konnte Bilanzen lesen (ich weiß nicht, wie viele Ministerpräsidenten Bilanzen lesen können), und hatte eine Begabung, die Leute durch freie Rede zu fesseln.
 
Also im Grunde haben Sie den Spiegel als Medium genutzt, um Späth in der Öffentlichkeit die Bühne zu bereiten, um als Kanzler wahrgenommen zu werden.
 
Freilich. Nicht als einziges, aber der Spiegel war natürlich für vieles ein Toröffner und das ging ja auch über Jahre gut.
 
 
Die Verschwörer – die Verlierer
 
 
Hat Späth denn Biedenkopf und Süssmuth in eine Clique mit eingerechnet, die fähig wäre, Kohl zu stürzen oder wie standen sich die Mitglieder dieses „Paktes“ gegenüber?
 
Das Präsidium … er hat, glaube ich, nicht sehr viel davon gehalten. Jedenfalls kam er öfter mal zurück und hat nur gesagt: „Es war wieder grauenvoll“, vor allem im Jahr 1989, und das hing natürlich zusammen mit seiner Konkurrenzsituation, die sich da immer stärker abzeichnete. Vor allem Kohl, der von Hause aus schon misstrauisch ist, verdächtige inzwischen jeden, gegen ihn zu konspirieren. Die Atmosphäre kann nicht sehr gut gewesen sein.
 
Es kulminierte ja nach der Sommerpause, weil Kohl, kurz und knapp gesagt hat, dass er Geißler nicht wieder vorschlagen würde als Generalsekretär. Und das war für das Präsidium im Grunde eine Ohrfeige. Ganz klar. Denn Kohl hatte sich mit keiner Menschenseele darüber vorher abgesprochen.
 
Das war eine Kampfansage Kohls an das Präsidium. Da war zum ersten Mal eine Situation, wo das Präsidium jetzt hat Stellung nehmen müssen: pro oder kontra. Meine Wahrnehmung war: Die haben sich vorher immer so durchgewurschtelt. Zwar gemotzt und gemault, aber nie offen. Und jetzt mussten sie reagieren. Und da haben sich zwei Leute an die Spitze gesetzt. Einer war Geißler und der andere war Späth. Späth hatte mir gegenüber klar gesagt, er will, dass ihn das Präsidium unterstützt. Aber aus seiner Sicht bekam er diese Unterstützung wohl nicht. Er bekam zwar Solidaritätsadressen von einzelnen – aber nicht das machtvolle „Und jetzt ist Schluss!“, das er sich wohl erhofft hat. Späth hat sich dann nicht erklärt. Er hat nicht das getan, was alle von ihm erwartet haben.
 
Hat er da keinen Mut gehabt in dem Moment?
 
Er hatte keinen Mut. Er hat es auf zwei Dinge geschoben. Einmal, dass ihn das Präsidium nicht unterstütze. Mir ist der Satz in Erinnerung geblieben: „Mit denen kann man nicht mal ein Scheißhaus stürmen“.
 
Und aus der Wirtschaft war ihm signalisiert worden, das käme bei einigen Unternehmensbossen gar nicht gut an, einen CDU-Kanzler zu stürzen. Ich weiß nicht, was ihn mehr beeindruckt hat, aber jedenfalls waren beides Argumente, die sein Zaudern unterstützt haben.
 
Wenn Sie sagen: Druck von Unternehmern. Wer ist denn zu Späth gekommen und hat da eine Ansage gemacht?
 
Bosch, Merkle, nehme ich mal an (Hans Lutz Merkle war bis 1984 Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH und von 1984-1988 Aufsichtsratschef; Anm. d. Red.) Daimler Benz kann ich mir vorstellen, … er hatte ja sehr enge Beziehungen auch zu einer großen Unternehmensberatungsfirma und von daher stammt der Satz, den er mir, ja, man kann fast sagen entgegen geschleudert hat: „Der und der sagt, man stürzt keinen CDU-Kanzler.“
 
Und wer ist „der und der“?
 
Ein Mensch, der…
 
Sie haben gerade Herrn Merkle genannt.
 
Von dem vermute ich es, von einem anderen weiß ich es, ja. Also, ich finde das so außergewöhnlich nicht, muss ich sagen. Dass die Wirtschaft Einfluss auf die Politik hat, das ist ja unbestritten. Das Risiko war den Herren zu groß. Unternehmen sind deshalb erfolgreich, weil sie Risiko kalkulieren können und das Risiko einer politischen Veränderung, wo man eigentlich nicht wusste, wie geht es weiter, was machen wir denn, wenn Späth Bundesvorsitzender wird? Gibt es dann einen Machtkampf zwischen Kanzler und CDU-Bundesvorsitzenden? Ich glaube, das Risiko war ihnen zu groß.
 
Heiner Geißler hat im Interview gesagt, Späth sei in die Deutsche Bank zitiert worden. Wissen Sie davon?
 
Also ob er zitiert worden ist, weiß ich nicht. Ich weiß, dass es in der entscheidenden Phase eine ganze Reihe von Gesprächen gegeben hat. Herrhausen war ja einer der sehr engen Weggefährten von Späth, auch zu den Nachfolgern war da ein guter Draht. Meine Wertung ist, dass die Großindustrie, dass die Banken den Vorgang, einen amtierenden Kanzler über die Parteischiene stürzen zu wollen, einfach als eine Art Revolution betrachtet haben. Sie fürchten um die Stabilität
 
Glauben Sie, dass Kohl seine Finger im Spiel hatte?
 
Natürlich. Kohl mit seinem berühmten Telefonbuch hatte natürlich exzellente Kontakte. Und da wurde mit Sicherheit in diesen entscheidenden Wochen viel spekuliert und viel telefoniert und viel konspiriert.
 
Der Fehler an dem Ganzen war wahrscheinlich tatsächlich, dass wir nicht genügend bedacht haben, dass in der Seele des einzelnen Parteimitglieds zwei Herzen schlugen. Sie haben den Späth gemocht, aber sie haben irgendwo auch den Helmut Kohl respektiert, der immerhin Kanzler war. Sich jetzt entscheiden zu müssen, das brachte viele in echte Gewissensnöte. Weswegen der Ausgang, wenn Späth sich beworben hätte auf dem Parteitag (im Herbst 1989; Anm. d. Red.), durchaus ungewiss war. Das hatten wir aber einkalkuliert. Ich hatte ihm gesagt: Es kann sein, Sie schaffen es nicht, aber Sie sind dann die unangefochtene Nummer Zwei und Sie müssen dann nur noch eine Weile weiter machen, und dann fällt es Ihnen zu.
 
Was hat er dazu gesagt?
 
Nichts. Nichts!
 
Zu welchem Zeitpunkt hatten Sie eigentlich persönlich den Eindruck, Späth würde es nicht schaffen?
 
Bis zum Sommer 1989 war ich der Meinung, der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist erfolgreich. Dann kam der Coup mit dem Rausschmiss Geißlers. Was im Rückblick betrachtet ein genialer Schachzug war, der einfach zeigte, dass in Sachen politischer Taktik Kohl schwer das Wasser zu reichen war. Weil nun die Entscheidungssituation gegeben war. Vielleicht hatte Kohl die Menschenkenntnis, zu sagen: Die werden es nicht wagen. So ist es ja auch gekommen. Wenn man die Kohl-Biografie und mehr noch die Kohl-Protokolle liest, spürt man, dass es für ihn aber auch ein ganz, ganz entscheidender Punkt gewesen ist in seiner ganzen politischen Laufbahn. Er wusste, da geht’s ums Ganze.
 
Wie haben Sie Kohls Auftritt auf dem Bremer Parteitag empfunden?
 
Erschreckend gut. Man spürte, da hat jemand eine Mordswut im Bauch, da ist jemand bedingungslos zum Kampf entschlossen. Da steht einer, der fordert die Entscheidung: Er oder Ich. Demgegenüber hielt Späth eine höchst mittelmässige Rede, wo man im Grunde schon merkte, er ist auf der Verliererstraße. Und so kam’s ja dann auch.
 
 
 
 
 
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