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„Mehr war nicht möglich.“

schoelzel100
 
DER POLIZIST RAINER SCHÖLZEL ÜBER SEINE ERLEBNISSE WÄHREND DER AUSSCHREITUNGEN IN HOYERSWERDA
 
Nach den Angriffen gegen Vertragsarbeiter und Asylbewerber in Hoyerswerda steht die Polizei heftig in der Kritik. Sie habe die Opfer nicht vor den Angreifern und der grölenden Menge schützen können. Aus Sicht der Polizei hat das recht einleuchtende Gründe, wie Rainer Schölzel auf dem Trainingsgelände der Bereitschaftspolizei in Leipzig erklärt. Seine Hundertschaft wurde ins 180km entfernte Hoyerswerda beordert. Was dann passierte, schildert er in einem offenen Gespräch.
 
 
17. September 1991. Da werden sie nach Hoyerswerda gerufen, was haben sie da erlebt?

 
Wir sind aus einem anderen Einsatz umgelenkt worden, nach 10 Stunden Dienst. Wir haben Hoyerswerda direkt angefahren. Wir sind zu dem Zeitpunkt schon mit Steinen, Flaschen attackiert worden. Hatten keine Kenntnis über die Situation und Lage und Ursachen für diese Situation. Das war für uns natürlich ein ganz ungutes Gefühl, einfach irgendwo reinzufahren, ohne zu wissen, um was es hier geht und was uns erwartet.
 
Hat Ihnen das keiner gesagt, was da los ist, als sie zum Einsatz gerufen wurden?
 
Zum damaligen Zeitpunkt waren die Kommunikationsmittel, die wir hatten, äußerst schwach. Wir waren gerade in einem absoluten Umbruch. Von Funkgeräten, über Waffen, Fahrzeuge, bis hin zur Uniform ist nach und nach in relativ kurzer Zeit alles ausgetauscht worden.
 
Wir hatten untereinander zwar eine rechte gute Kommunikation, weil wir dort schon mit Geräten aus den alten Bundesländern versorgt waren. Wir hatten aber deshalb auch in aller Regel ganz wenig und wenn dann ganz schlechten Kontakt zu den Führungsdienststellen: weil die überwiegend mit den alten Funkgeräten aus der DDR Zeit arbeiten mussten. Und beide Systeme waren miteinander gar nicht oder wenn, dann ganz schlecht kompatibel. Und so erklären sich auch die Informationslücken beim Geschehen dort.
 
 
 
Was hatte die Polizei damals für einen Stand bei der Bevölkerung?
 
Die Polizei hatte keinen guten Stand. Wir waren zu dem Zeitpunkt ja noch nicht verbeamtet. Wir waren Angestellte im Öffentlichen Dienst. Wir hatten unsere alten Amtsbezeichnungen noch.
 
Aus unserer polizeilichen Vergangenheit kannten wir Situationen mit diesem Ausmaß an Gewalt gar nicht, mit dieser sehr niedrigen Hemmschwelle. Wir wussten auch nicht immer sofort, wie wir angemessen da drauf reagieren sollen. Ich hatte vorhin gesagt, wir waren alle noch nicht verbeamtet und das spielte, insbesonderen bei Vorgesetzten eine Rolle. Je höher man in der Hierarchie war, umso größer war man natürlich auch in die politischen Zwänge der DDR eingebunden und damals fanden Überprüfungen statt. Unabhängige Kommissionen haben entschieden, wer bei der Polizei bleiben kann und wer den Dienst zu beenden hat. Natürlich wollte da auch jeder so wenig wie möglich Fehler machen. „Bevor ich einen Fehler mache, mache ich erst mal nichts.“… das war unser Eindruck, den wir in solchen Situationen oftmals hatten.
 
Was war ihre Funktion damals?
 
Ich war Hundertschaftsführer einer Einsatzhundertschaft.
 
Und wie viele Leute hatten sie dann in Hoyerswerda zu kommandieren?
 
Normalerweise hätte ich zwischen 100 und 120 Mitarbeiter in der Hundertschaft gehabt. Die genaue Anzahl der Hundertschaften, die ich dort vor Ort geführt habe, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich weiß, dass es deutlich über 10 Hundertschaften waren. Dazu kamen noch eine ganze Reihe von Kommandos mit Diensthunden, und zwei bis drei Sondereinsatzkommandos. Und das ist eine Aufgabe, die einem Hundertschaftsführer überhaupt nicht angemessen ist.
 
Wo waren denn die Vorgesetzten?
 
In der Polizeidirektion. Die sind also in ihrer Dienststelle verblieben und sind nicht vor Ort gekommen.
 
 
 
Wer waren denn eigentlich die Leute, die vor diesem Vertragsarbeiterheim gestanden haben, die da Steine, Flaschen geworfen haben?
 
Die Masse der Personen waren, aus meiner Erinnerung Bürger, die rein vom Äußeren her überhaupt nicht aufgefallen sind. Es waren eine Reihe von Skinheads darunter, es waren eine Reihe von sehr jungen Leuten darunter. Insbesondere die jungen Leute haben versucht, sich besonders hervor zu tun. Das hängt damit zusammen, dass sie zum Teil von den Leuten, die um uns rum standen, auch noch angespornt wurden. Uns hat die ganze Situation erstaunt und geschockt.
 
Was war denn genau ihr Auftrag?
 
Die erste Aufgabe war natürlich, das Haus zu schützen. Das war schon mit den Kräften einer Hundertschaft nicht möglich. Die Festnahme von Straftätern war innerhalb der ersten Stunde überhaupt nicht denkbar.
 
Wieso war das kompliziert?
 
Weil die Straftäter nach Begehen ihrer Straftat sofort Schutz in dieser passiven Gruppierung gesucht haben und für uns war das halt auch eine ganz neue Variante: dass dieser Solidarisierungseffekt die Straftäter schützt. Es konnte ja auch nicht sein, dass wir einen Straftäter dort aus 30, 40, 50 Leuten rausprügeln, um das mal drastisch zu sagen.
 
Wir hatten mit solchen Dingen damals wenig Erfahrung. Wir hatten schon gar nicht das ausgebildete, geschulte Personal, das in den geschlossenen Einheiten heute dafür vorgehalten wird.
 
Es ist uns gelungen, überwiegend dafür zu sorgen, dass das Leben und Gesundheit der Personen, die angegriffen werden sollten, nicht in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Darüber hinaus ist uns wenig gelungen, das muss man so klar einschätzen, aber dann muss man halt auch die ganzen Umstände beleuchten und sagen, eigentlich war nicht mehr möglich.
 
 
Der Konflikt hat sich dann verlagert, in die Thomas-Münzer-Straße, zu einem Asylbewerberheim…

 
Ich war mit meiner Hundertschaft direkt dafür eingesetzt, eine Absperrung ca. 100 m vor diesem Heim zu gewährleisten. Nachdem der Demonstrationszug (übrigens überwiegend linkes Klientel diesmal) unsere Absperrung erreichte, konnten wir innerhalb von zwei Minuten keine Absperrung mehr aufrechterhalten.
 
Mir blieb bei den massiven Angriffen auf die Beamten nichts weiter übrig, als festzulegen, dass jeder Beamte seinen eigenen Schutz zu organisieren hat. Das heißt, wir mussten unsere Absperrung sofort aufgeben.
 
Im Ergebnis dieser ganzen Geschichte hatten wir wohl innerhalb von fünf Minuten etwa 30 verletzte Polizeiangehörige und von den uns gerade zugeführten neuen Fahrzeugen standen drei in Flammen.
 
In diesem Fall hat die Führung versucht, über Funk ihre Arbeit zu leisten, hat aus meinem Kenntnisstand heute wohl mit tschechischen Funkgeräten gearbeitet, die irgendwann eben nicht mehr funktioniert haben, so dass die Verbindung zwischen den Einheiten und der Führungsdienststelle schlecht war.
 
Ich persönlich, mit der Hundertschaft, habe mehrfach die Rückfrage gestellt, wie viele kommen denn in dem Demonstrationszug? Wie setzt er sich zusammen? Wie ist die Stimmung in dem Demonstrationszug? Ich habe bis zum Auftauchen dieser etwa 1500 Leute, wenn ich mich recht entsinne, als Ausgangsgröße etwa 250, ganz friedliche Personen, als Information gehabt. Da stellt man sich natürlich mit seiner Hundertschaft anders drauf ein, wie wenn man hört, da kommen 1500 und die sind schon richtig gut drauf. 1500 Personen halten sie mit 120 Polizisten nicht auf. Wenn die da durch wollen, gehen die da durch.
 
 
 
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