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„Mit dem Kredit haben wir die DDR ein Stück aus dem Machtbereich der Sowjetunion herausgerissen.“

Waigel

 

THEO WAIGEL ÜBER DEN MILLIARDENKREDIT, DEN STREIT DARÜBER IN DER CSU UND STRAUß‘ VORLIEBE FÜR DEN CHINESEN.

 

Theo Waigel empfängt mich Vormittags in seinem Haus in Bayern. Alles sehr aufgeräumt. Ich habe ihm Weißwürste mitgebracht, vom Metzger im Ort. Theo Waigel kann eine gewisse Freude nicht verhehlen. Vielleicht ist er aber auch nur professionell.

 

 

Wie privat kannten Sie eigentlich Strauß?

 

Als ich Landesgruppenvorsitzender im Bonner Bundestag war, hat er mich manchmal angerufen und gesagt: „Was machen Sie heute Abend?“ Dann wusste ich, er will Gesellschaft haben am Abend, er will nicht allein sein. Und dann hab ich immer nur gesagt: „Gehen wir zum Italiener oder zum Chinesen?“

 

Wo wollte er öfter hin?

 

Es hat ihm beides gefallen. Chinesen gern. Und er hat dann nur geschaut, dass wir nicht zu viele andere Politiker dort getroffen haben, weil das gestört hat. Da war er sehr gastfreundlich und dankbar auch für Unterhaltung, obwohl ich über 20 Jahre jünger war.

 

Merkt man eigentlich den Altersunterschied? Strauß kommt ja aus einer ganz anderen Generation als Sie.

 

Er hatte eine völlig andere Welt hinter sich. Menschen, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht haben, Menschen, die die Weimarer Zeit bewusst erlebt haben, die hatten einen völlig anderen Horizont und einen anderen Blick auf die Dinge. Vor allen Dingen die, die Soldaten in schwieriger Zeit und in größten Gefahrenlagen waren. Dass die auch in der Nachkriegszeit anders tickten, über manches anders dachten als wir, das habe ich bei Strauß erlebt, das habe ich aber auch bei Helmut Schmidt erlebt.

 

Hat das eigentlich auch Auswirkungen gehabt auf seine Sicht auf die DDR?

 

Strauß war sehr allergisch gegenüber totalitären Systemen. Von rechts wie von links. Aber in der Nachkriegszeit sah er natürlich die Gefahr viel größer von Links, vom Kommunismus aus kommend. Und natürlich hatte der Kommunismus damals fast die Hälfte der Welt beherrscht. Insofern war er natürlich eine ganz andere Gefahr, als wenn man das heute jungen Menschen versucht zu erklären.

 

Was für ein DDR-Bild hatte Franz Joseph Strauß?

 

Strauß stand diesem System sehr skeptisch gegenüber. Er sah vor allen Dingen die Bedrohung, die von diesem Land aus ging, das waffenstrotzend war – die größte Waffendichte in Europa. Insofern sah er sich auch noch in der Situation als Verteidigungsminister von 1955 bis 1962, der genau informiert war, dass mit einem Knopfdruck der in Karlshorst hätte erfolgen können, eine Katastrophe für Europa und die Welt entstanden wäre.

 

Strauß reist im Sommer dann in die DDR, hatte gerade einen anstrengenden Parteitag hinter sich.
Wie hat die CSU diese Reise von Strauß gesehen?

 

Ja, die war natürlich schon sensationell. Als Strauß dann allerdings in der Landesgruppe sagte, der Besuch mit Honecker sei nur zufällig zustande gekommen, da gab es dann leichte Zweifel, denn nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung – hat damals ein mathematisch vorgebildetes Mitglied der Landesgruppe gesagt – sei es relativ unwahrscheinlich, Honecker zu treffen. Nein das war natürlich beabsichtigt und das war auch richtig.

 

Nach dem Milliardenkredit reist Strauß scheinbar privat in die DDR, trifft Honecker, lässt sich gemeinsam ablichten – hat das nicht zu Kritik an der Basis geführt?

 

Ja, diese Reise und auch der Milliardenkredit haben zu Irritationen geführt. Ich habe das, was er gemacht hat, akzeptiert und unterstützt. Er hat mich auch vorher mal gefragt: „Soll ich diesen Milliardenkredit, soll ich das anpacken?“ Ich habe gesagt: „Ja, ich halte das für richtig“, weil die CSU wieder in der Deutschlandpolitik und damit auch in der Europa- und Weltpolitik wieder eine stärkere Rolle spielen sollte. Ich habe das für richtig gehalten. Und ich habe die Kritik, die ihm da entgegen gebracht wurde für falsch und für kleinkariert gehalten.

 

Es ist uns damals zu wenig gelungen, das zu kommunizieren, was Strauß an menschlichen Erleichterungen erzielt hat, den Abbau der Schnellschussanlagen oder die große Zahl an Menschen, die Strauß damals aus Gefängnissen und Zuchthäusern rausgeholt hat. Aber man hat die Frage des Freikaufs und der Freilassung möglichst klein gehalten. Man wollte nicht, dass die DDR-Führung deswegen unter Druck kam, weil sonst jeder hätte sagen können: Ich lass mich mal einsperren und die werden mich dann schon rausholen. In eine solche Situation sollte das Ganze natürlich nicht kommen.

 

Gab es im Rahmen des Milliarden-Kredits die Absprache: Die DDR bekommt Geld, auf der anderen Seite gibt es Erleichterungen an der Grenze?

 

Es gab keinen unmittelbaren Vertrag. Aber es war unausgesprochen. Man musste natürlich wissen, was kann man der anderen Seite zumuten und was kann man der anderen Seite nicht zumuten. Genauso hat auch Konrad Adenauer 1955 in Moskau gehandelt. Auch wurde ihm nicht schriftlich zugesichert: Wir schicken jetzt die 10.000 letzten Kriegsgefangene heim. Aber er wusste aus den Gesprächen und was ihm noch zugeflüstert wurde: Ich kann mich darauf verlassen, was mir die damals Mächtigen im Grunde in Aussicht stellen. Und er hat dann trotzdem die außenpolitischen Beziehungen, die völkerrechtlichen Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen. Also das war ähnlich so wie Strauß gehandelt hat, ähnlich wie Adenauer 1955 in Moskau.

 

Es gibt Stimmen, die sagen: Mit dem Milliardenkredit hat die Bundesrepublik damals das Leben der DDR verlängert.

 

Ich teile die Meinung nicht. Mit dem Kredit, mit dieser Deutschlandpolitik, ist natürlich auch die Abhängigkeit der DDR zur Bundesrepublik Deutschland gestiegen. Und damit haben wir die DDR ein Stück aus dem Machtbereich der Sowjetunion herausgerissen. Und das hat den Mächtigen im Kreml auch überhaupt nicht gepasst. Aber da hat sich Honecker ein Stück vom Kreml distanziert und auch emanzipiert. Und das war, wie ich meine, für die Bundesrepublik Deutschland ein Vorteil.

 

War das ein Bruch, dass Strauß, der ein großer Gegner der DDR-Führung war, mit dem Kredit die Führung in diesem Moment unterstützt hat?

 

Strauß war immer für die Wiedervereinigung und hat leidenschaftlich dafür gekämpft und war strikt dagegen, dass das Gebot der Wiedervereinigung aufgeweicht wird.

 

Aber Strauß war auch ein ungemein ideenreicher und flexibler Politiker. Er hatte in den 60er-Jahren mal einen Vorstoß unternommen, der später wieder in Vergessenheit geriet, als er sagte: „Wenn die Mächtigen in Moskau“, denn er war sich immer darüber im Klaren, die Entscheidung fällt letztlich in Moskau, „wenn die Mächtigen in Moskau bereit wären, in der DDR eine echte Demokratie zu etablieren, Freiheitsrechte, demokratische Rechte zu garantieren, dann würden wir auch von Westdeutschland aus einen beachtlichen Preis dafür bezahlen, auch finanziell. Und wenn Freiheit gewährleistet ist, dann könnten wir sogar für eine gewisse Zeit auf Wiedervereinigung verzichten.“

 

Er war sich natürlich darüber im Klaren: Sobald die Freiheitsrechte dort in Kraft treten würden, würde der Ruf nach Wiedervereinigung so stark, dass er überhaupt nicht mehr zu verhindern wäre. Solche Gedanken, auch geopolitischer Art, die Dinge aufzuweichen, neue Gedanken zu entwickeln, das war Strauß. Er war kein, ich würde mal sagen, politischer Panzerfahrer, der nur in festen Kategorien oder in eingefahrenen Bahnen gedacht hat.

 

Warum brauchte eigentlich die DDR eine Milliarde DM aus der Bundesrepublik?

 

Die DDR stand damals schon unter stärkeren ökonomischen Schwierigkeiten als wir es annahmen. Sie war relativ hoch verschuldet und sie war eigentlich abhängig von der Sowjetunion.

 

Dass die DDR Subventionsempfänger der Sowjetunion war, ist uns eigentlich erst 1989/90, während der Wiedervereinigung so richtig aufgegangen.

 

Der Grund, warum Gorbatschow damals der Wiedervereinigung den Vorzug gegeben haben, den sehe ich letztendlich darin, dass er eingesehen hat: Warum soll ich auf die Dauer die DDR subventionieren mit billiger Energie, die ich selber dringend bräuchte und die ich woanders in der Welt wesentlich teurer verkaufen könnte?

 

Und als damals der Kreml angedeutet hat, wir müssen die Energiepreise erhöhen, hat Honecker gesagt: „Das ist eine Katastrophe! Das führt zum Zusammenbruch der DDR!“

 

( Anmerkung der Redaktion:

Hier ergibt sich ein interessanter Querverweis zu unserem Film über den 2+4 VERTRAG und die Deutsche Einheit. Dass die Sowjetunion den Staaten des Warschauer Paktes freie Hand ließ, hat also offenbar nicht nur damit zu tun, dass Gorbatschow keine militärische Intervention mehr in möglicherweise abtrünnigen Staaten wollte. Was er ja gegenüber Ungarn zeigte, als sich MIKLOS NÉMETH entschloss, den Eisernen Vorhang abzubauen. Sondern auch wirtschaftliche Gründe schienen eine Rolle gespielt zu haben, dass die Deutsche Einheit möglich wurde: Auch weil die DDR wirtschaftlich kollabierte. )

 

Das heißt also, die DDR, die in manchen Teilen des Westens, nicht zuletzt auch in der Bundesrepublik Deutschland, als eine beachtlich produktive Volkswirtschaft in der Welt dargestellt wurde, war eigentlich schon pleite.

 

Die haben dann versucht, aus der Klemme herauszukommen und das konnte nur darin bestehen, sich im Westen Kredite zu besorgen.

 

 
HIER ist der Film in der ZDF mediathek zu sehen.