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„Mrs. Thatcher verstand die Deutschen nicht.“

Mallaby
 
BOTSCHAFTER SIR CHRISTOPHER MALLABY ÜBER EINE SKEPTISCHE MARGARET THATCHER, DIE NATO-FRAGE UND EINE HISTORISCHE LEISTUNG GORBATSCHOWS.
 
Sir Christopher Mallaby war zur Zeit der 2+4 Verhandlungen britischer Botschafter in Bonn. Er wusste, die Einheit kommt – und wollte das auch. Seine Chefin allerdings sah das anders: MARGARET THATCHER. Wie hat er sie überzeugt? Wie standen Gorbatschow und Mitterand zur Deutschen Einheit? Warum war Großbritannien so hart verhandelt, als es um die NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschland ging? Sir Christopher trifft mich in London im Battersea Park unweit der Themse. Er mag die Gegend. Später lädt er mich zu sich nachhause ein. Schneller als ihn habe ich niemanden in London ein Taxi winken sehen.
 
 
Sir Christopher, wie genau was das Verhältnis zwischen Premierministerin Margaret Thatcher und Bundeskanzler Helmut Kohl 1989?
 
Sie wussten, dass sie zusammenarbeiten müssen. Und sie haben es versucht. Aber es klappte nicht. Ich habe sie einmal gefragt: „Warum fühlen Sie ich Helmut Kohl gegenüber unbehaglich?“ Darauf sagt sie: „He is so German.“ Das war ein Nachteil für uns während des Wandels in Deutschland. Mrs. Thatcher verstand diese Deutschen nicht. Für sie war German etwas Unverständliches und ein bisschen Unbequemes.
 
Für mich war das schade, denn während der Wende in Europa wäre sehr viel besser für mich und für Großbritannien gewesen, wenn das Verhältnis Kohl-Thatcher freundlich gewesen wäre.
 
Margret Thatcher gehörte zu denen, die wirklich am deutlichsten die Kritik an der Deutschen Vereinigung mit geäußert haben. Woher kamen eigentlich ihre Zweifel?
 
Das ist eine sehr schwierige Frage. Sie war 19 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Der Krieg hat sicher ihre Kindheit beeinflusst. Andererseits gab es britische Minister in dieser Zeit, die älter waren und im Krieg waren und die dennoch für die Wiedervereinigung waren. Das ist für mich also keine volle Erklärung. Was also noch?
 
Sie sagte: „Ein geteiltes Deutschland kann in der Zukunft nie wieder so gefährlich werden wie unter Hitler oder dem Kaiser.“ Aber dann kamen 1989 die Wende in der DDR und die Entwicklung in Richtung Einheit. Thatcher fehlte ein Forum, wo wir unsere Gedanken zur Frage der Einheit zum Ausdruck bringen konnten. Ich sprach häufig mit Kohl, Teltschik, Genscher und Kastrup. Aber es gab keinen Ort, wo die vier Mächte und die zwei Deutschlands zusammen reden konnten. Sobald man dann Anfang Februar 1990 in Ottawa das Zwei-Plus-Vier Format gegründet hatte, war das einfacher.
 
Und dann war da das Tempo der Ereignisse. Sie hat, glaube ich, verstanden, dass es zwei Gründe für die Geschwindigkeit gab. Der Grund war nicht Helmut Kohl – obwohl er die Einheit wollte. Es waren erstens die Demonstranten in Leipzig. Das hat uns alle beeinflusst. Als der Wortlaut in LEIPZIG von „WIR SIND DAS VOLK“ in „WIR SIND EIN VOLK“ wechselte, wurde uns sehr klar, dass das Volk oder mindestens die Demonstranten in der DDR für die Wiedervereinigung sind.
 
Und dann haben die Amerikaner aufs Tempo gedrückt. Margret Thatcher dagegen war der Auffassung, dass das alles zu gefährlich sei für Gorbatschow. Sie kannte ihn sehr gut. Sie konnte mit ihm. Das sagte sie auch immer. Sie dachte, im Kreml könnte diese Entwicklung, also das Ende der Sowjetischen Macht in Mitteleuropa, eine Krise für Gorbatschow selbst bringen. Ihre Auffassung war deshalb: Wir machen das langsam mit der Einheit. Die andere, die amerikanische war: Wir gehen so schnell wie möglich voran, damit die Putschisten keine Zeit haben werden. Von September 1989 Mitte Februar 1990 ging das meiner Meinung nach so.
 
Wie haben Sie Margret Thatcher rumbekommen?
 
Ich wusste, dass ich ein Problem hatte. Eine tiefe Meinungsverschiedenheit zwischen dem Regierungschef und dem Botschafter. Das ist für den Botschafter nicht einfach. Aber ich war optimistisch, denn ich war sicher, dass die Wiedervereinigung kommt. Und ich habe gesagt: „Es ist nicht sehr sinnvoll, eine Politik zu machen, die gegen ein Ergebnis ist, das sicher kommt.“ Damit wird man keinen Erfolg haben.
 
28. November 1989. Kohl stellt im Bundestag sein 10-Punkte-Programm vor und viele Regierungen waren nicht erfreut.
 
Keine Regierung wusste davon. Sogar innerhalb der Bundesregierung wusste der Außenminister nicht Bescheid. Es war eine echte Überraschung. Ich glaube, Kohl hat irgendeine Botschaft ans Weiße Haus geschickt, aber erst kurz vor der Rede. Teltschik hat dann mit den Botschaftern der Alliierten darüber gesprochen. Sofort. Und er hat gesagt: „Kohl hat die Wiedervereinigung am Ende eines langen Prozesses der Entwicklung in jede Richtung gestellt.“ Das war richtig.
 
Daraufhin habe ich eine Analyse für London geschrieben. Die große Neuigkeit, habe ich geschrieben, ist, dass die Wiedervereinigung bis dahin noch eine Idee für die Zukunft war für die Westdeutschen. Aber Kohl hat sie jetzt zum ersten Mal als Ziel der aktuellen Politik beschrieben.
 
Zu dem Zeitpunkt ist Kohl davon ausgegangen, dass es noch 3-4 Jahre dauern würde…
 
Kohl hat vom 1. Januar 1995 gesprochen. Privat. In meiner Anwesenheit.
 
Ich würde ganz gerne kurz mit Ihnen über die polnische Westgrenze sprechen. Was halten Sie davon, dass Kohl so lange gezögert hat, sich in der Öffentlichkeit wirklich klar zur Unantastbarkeit der polnischen Westgrenze zu bekennen?
 
Er hat mir diese Haltung persönlich erklärt. Er wusste, dass dies natürlich in London kritisiert wird. Und Mrs. Thatcher hat das auch im SPIEGEL gesagt. Kohl sagte mir, dass es noch Gruppen in der Bundesrepublik gibt, die gegen die endgültige Anerkennung der Grenze waren. Er wusste auch, dass die Anerkennung notwendig, unentbehrlich und unvermeidlich ist. Mrs. Thatcher war, wie Sie wissen, davon nicht überzeugt. Sie wollte hören, dass Kohl sagt: „Es ist so.“ Und er wollte das nicht tun und das hat ihrerseits Zweifel gebracht. Wenn er es tun wird, warum sagt er das nicht?
 
Wie hat François Mitterrand zu Margret Thatcher über die Frage der Wiedervereinigung gesprochen?
 
Er war dagegen. Ganz klar dagegen. Aber er wollte das in der Öffentlichkeit nicht sagen und …
 
… hat deshalb Frau Thatcher vorgeschickt?
 
Mit Mrs. Thatcher hat er privat gesprochen. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie das sagt. Dann musste er es nicht selbst tun. Aber das ist eine Schlussfolgerung.
 
Spekulation.
 
Keine Tatsache. Eine Analyse. Mitterand hat später gesehen, dass die Wiedervereinigung unvermeidlich war und dann klugerweise nichts mehr gesagt. Er hat sich nur gefragt: Was kann ich als Preis für die französische Unterstützung bekommen? Und die Antwort war: Die Währung. Das war die Geschichte des Euro und Kohls Zustimmung: dass es mit dem Euro schneller geht als vorgesehen.
 
„FÜR GORBATSCHOW WAR DAS DAS SCHLIMMSTE EREIGNIS SEINES LEBENS. ABER ER HAT ENTSCHIEDEN,
DASS GEWELT GEGEN DIE DEMOKRATIE NICHTS NUTZT.“
 
Wie haben Margret Thatcher und Michail Gorbatschow über die Wiedervereinigung gesprochen?
 
Für Gorbatschow war das natürlich eine riesige Niederlage. Das schlimmste Ereignis seines Lebens. In der Politik.
 
Wusste er das zu dem Zeitpunkt schon?
 
Ja. Die Wende in der DDR bedeutete eine Wende in Mitteleuropa. Der Warschauer Pakt konnte nicht überleben ohne die 380.000 sowjetischen Soldaten in der DDR. Mehr als die ganze militärische Präsenz der Amerikaner in ganz Europa. Riesige Sache. Falls das nicht mehr möglich sein sollte, gab es natürlich andere Möglichkeiten für Gorbatschow. Gewalt war eine Möglichkeit. Mit den Truppen in der DDR was das machbar. Aber Gorbatschow hat entschieden, dass man mit Gewalt den Willen der Bevölkerung nicht beseitigen kann.
 
Er hat – und das ist seine Leistung in der Geschichte – er hat entschieden, dass Gewalt gegen die Demokratie, die Befreiung, nichts nutzt. Deshalb trägt er selbst die Verantwortung dafür, dass die enorme Wende in Europa unblutig blieb. Wenn er anders agiert hätte, wäre es vielleicht sehr viel schlimmer gekommen.
 
Sie wissen, dass das Politbüro in Moskau im Dezember 1981 entschieden hat, nicht militärisch in Polen zu intervenieren, um die Solidarność zu beseitigen. Protokolle des Politbüros zeigen, dass die entschieden haben, nicht einzugreifen, weil sie Sanktionen fürchteten. Vor allem Getreide von den Amerikanern. Das war eine Entscheidung von Breschnew, nicht von Gorbatschow, aber vor dem Hintergrund dachten wir, dass die Russen in Mitteleuropa Anfang der 90er-Jahre nicht gewaltsam vorgehen.
 
Sie haben einmal gesagt, Sie hätten die feste Auffassung, dass es gut sei, die sowjetische Armee aus Zentraleuropa zu verdrängen und Demokratie in die Länder Zentral- und Osteuropas zu bringen.
 
120 % richtig.
 
Für Sie war auch immer klar, dass die Amerikaner und vor allem auch Margret Thatcher die NATO auf dem Gebiet des vereinigten Deutschlands wollten.
 
Ja, das war unsere Position.
 
Aber dachten Sie 1990 schon daran, dass andere osteuropäische Staaten, Polen, Ungarn, möglicherweise auch der NATO in näherer Zukunft beitreten könnten?
 
Damals, vor der deutschen Vereinigung noch nicht. Das kam später. Und war sehr umstritten. Meines Erachtens nach kann man die Lage heute so zusammenfassen: Das, was heute in Ukraine geschieht, wäre vielleicht auch in Polen im Gange, wenn die Polen nicht in der NATO wäre. Unser Schritt, unsere Entscheidung war richtig. Sogar lebenswichtig für diese Region.
 
Also ich war am Anfang nicht sicher, dass wir das bekommen, dass Gesamtdeutschland in der NATO ist, aber die Besprechung zwischen Gorbatschow und Kohl im Kaukasus war der Punkt, wo Gorbatschow das bejaht hat. Früher als ich gedacht hatte. Das war ein sehr wichtiger Schritt für ihn. Es bedeutete das Ende des Warschauer Paktes. Klipp und klar.
 
 
 
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