image

„Sie dürfen in der Politik nicht alles sagen.“

Riesenhuber Portrait 
 
HEINZ RIESENHUBER, 1986 FORSCHUNGSMINISTER IM KABINETT KOHL, ÜBER DEN VORWURF, DIE BUNDESREGIERUNG HABE FALSCH ÜBER DIE MÖGLICHEN FOLGEN DES GAU VON TSCHERNOBYL INFORMIERT.
 
 
Wir treffen Heinz Riesenhuber im Bundestag. Studierter Chemiker. Aber seit mittlerweile 40 (!) Jahren Abgeordneter. Und inzwischen: Alterspräsident. Ein Leben als Parlamentarier, berühmt auch für die Fliege. Einer, der im Gespräch überzeugen will und die Diskussion nicht scheut.
 
 
Herr Riesenhuber, der GAU in Tschernobyl ist gerade vorbei und dann sagt der damalige Bundesinnenminister Zimmermann im Fernsehen: “ Wir sind 2000 Kilometer vom Unfallort entfernt. Wir sehen keine Gefährdung der deutschen Bevölkerung.“ War das in Ordnung?

 
Was er hier gesagt hat, ist hier durch die weiteren Ereignisse nicht widerlegt worden. Es waren hier keine erhöhten Messwerte festzustellen. Wir haben alle Stellen, die hier aufpassen konnten und messen konnten, entsprechend informiert, sofort Nachricht zu geben. Das heißt also soweit ich sehe, für diesen einen Ausschnitt, den wir gesehen haben, scheinen mir die Aussagen korrekt zu sein. (Anmerkung der Redaktion: Es gab in ganz Deutschland insgesamt nur 12 Messstellen für radioaktive Strahlung. Keine davon in den besonders betroffenen Gebieten im südlichen Baden-Württemberg. Messungen nach dem GAU wurden dort von jungen Wissenschaftlern an der universität Konstanz durchgeführt. Nach den Erfahrungen von Tschernobyl wurde das Netz der Messstellen ausgeweitet.)
 
Keine Gefährdung der Bevölkerung: Der Bundesinnenminister wusste, dass das Wetter umschlagen wird, dass da Wolken rüberkommen werden. (Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu das Interview von Wolfgang Kusch, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst, der seine Erkenntnisse Montagabend am 28.4.1986 in der Hessenschau vorstellte. Er zeigte dort, dass die Wolken mit der Strahlung Richtung Süddeutschland ziehen würden.)
 
Also dies ist eine wirklich berechtigte Frage. Die Prognosen der Wetterämter waren so gewesen: Es wird hier nicht rüberkommen. Aber Sie haben insofern Recht, dass eine Wolke hier rüberzieht, war nicht auszuschließen. Die Hochrechnung, wenn ich mich da recht erinnere, war, dass selbst wenn die Wolken kommen, die Grenzwerte hier nicht dramatisch überschritten werden. Sie werden möglicherweise überschritten. Also insofern Sie haben da eine schwierige Abwägung. Wenn die Angela Merkel nicht vor einigen Jahren gesagt hätte, die Sparguthaben sind sicher, dann wäre eine Panik ausgebrochen und die Sparguthaben wären nicht mehr sicher gewesen. Insofern war, wenn man dies alles zusammen nimmt, die Aussage vom Herrn Zimmermann vom Ergebnis her, vom Effekt her, begründbar.
 
Vom Ergebnis begründbar aber redlich im Sinne der Transparenz war es nicht.
 
Jetzt kommen Sie in metaphysische Gefilde?
 
Ist das so?
 
Also. Sie dürfen in der Politik nie etwas sagen, was in der Sache falsch ist. Aber Sie dürfen nicht alles sagen ohne Rücksicht auf die Folgen.
 
Wir haben Landwirte getroffen, auf der Schwäbischen Alb, wo es dann geregnet hat. Wo die Kinder im Regen gespielt haben. Die sagen: Die Politik hat uns im Regen stehen lassen. Die hat uns nicht gewarnt, dass möglicherweise etwas passieren könnte. Vor diesem Hintergrund nochmal: Hätte man nicht auf alle Eventualitäten hinweisen müssen?
 
Also. Erstens: Durch das was geschehen ist, ist das was Zimmerman gesagt hat nicht widerlegt. Das zweite ist: Es gab damals hier durchaus die Diskussion dürfen Sie noch Salat essen weil über den Regen die Becquerels drauf niedergegangen sind. Wenn Wissenschaftler dann ausgerechnet haben, wie viel Kilo Salat pro Tag Sie essen müssen, um auch nur den gesetzlichen Grenzwert zu erreichen, dann ist das ein Argument, das auch für niemanden nachvollziehbar ist. Im Ergebnis war es so: Die Menschen in Deutschland haben sich vernünftig verhalten. Es gab keine Panik.
 
In Deutschland ist die Diskussion ‚Wie sicher ist die Atomkraft‘ sehr erregt geführt worden. In anderen Ländern, beispielsweise in Frankreich, weit weniger. Warum ist das ausgerechnet in Deutschland so ein Reizthema?
 
Da kommt wahrscheinlich vieles zusammen. Einer der Punkte war: In Deutschland hatten wir über die Jahre keine wirklich breite und tiefe Diskussion über Kernenergie gehabt. Ich habe damals in vielen Gesprächen die Industrie versucht zu überzeugen, dass sie den Dialog sucht. Dieser Dialog, das offene und breite Gespräch mit den Pros und Cons in einer ruhigen Zeit ist nicht hinreichend intensiv geführt worden.
Das war die Zeit, als die Amerikaner das Office of Technology Assessment hatten, die Technikfolgenabschätzung. Wir hatten versucht ähnliche Strukturen hier aufzubauen. Wir hatten versucht einen breiten Dialog über die Pros und Cons zu bringen. Warum wollen wir die Kernenergie überhaupt haben? Es ist die Chance knapper werdende Ressourcen zu ersetzen durch Kapital und technische Intelligenz.
 
Kann es sein dass die Technik so komplex war, dass, egal welches Argument man vorbringt, dass etwa unsere Sicherheitssysteme in der Bundesrepublik anders sind als dort in Tschernobyl, dass wir überhaupt andere Reaktortechnik nutzen – dass diese Argumente bei vielen Bürgern einfach nicht verfangen haben?
 
Sir Karl Popper hat mal gesagt: „Warum sind die Deutschen so misstrauisch gegenüber der Technik?“ und seine Antwort war: „Weil sie an ihre Philosophen glauben.“ Und das ist jetzt wirklich ein Punkt. Wir haben hier noch die alte Trennung zwischen den beiden Kulturen. Die geisteswissenschaftliche Kultur, die aus Leibeskräften die technische Kultur verachtet. Und einer technischen Kultur, die dem Geisteswissenschaftlichen eher etwas fern zu stehen scheint. Und dieser Streit ist in Deutschland hier wohlgepflegt durch die Jahrzehnte gegangen. Und wir haben nie diese beiden Kulturen wirklich integriert.
 
Es ist dann in Teilen von Süddeutschland ein Regen mit radioaktiven Stoffen niedergegangen. Haben Sie sich Sorgen gemacht in dem Moment? Hier passiert etwas, was für unser Land ein Schaden sein könnte?
 
Ja natürlich. Also die erste Frage war: Wie stark ist die Radioaktivität, die hier niedergeht? Und das war hier in der allerersten Zeit ungewiss, in den allerersten Stunden. Danach hat sich herausgestellt, dass wir damit nicht in einen kritischen Bereich kommen.
 
Aber jetzt muss ich Sie unterbrechen. Sie sagen, wir seien auch nachträglich an dem Punkt, dass wir keinen kritischen Bereich erreichen. Die Strahlenschutzkommission sagte damals: Nicht so viel Milch trinken! Herr Zimmermann sagte: Bitte nicht so viel Milch trinken. Wissenschaftler sagten: Das Gemüse lässt sich nicht so leicht reinwaschen von der Radioaktivität. Die Landesregierung in Hessen sagte: Kinder bitte nicht auf die Spielplätze. Also es gab ja offensichtlich Stellen in unterschiedlichsten Verwaltungspositionen, die gesagt haben, dass es hier eine Gefahr gibt und die Bürger sich nicht so verhalten dürfen, wie sie sich normalerweise verhalten würden.
 
Die einen haben gesagt: „Wir verbieten alles, wo uns am Schluss hernach ein Vorwurf gemacht werden könnte.“ Das war vielleicht zu leichtsinnig. Das ist eine Frage der Einstellung. Die völlig andere Ebene ist die Frage, was geben jetzt hier wirklich die tatsächlichen Sachverhalte her? Und hier ist es wirklich so: also wir sprachen vorhin über den Salat, gell?
 
Hätten Sie ihn gegessen?
 
Ich war da unbefangen. Und zwar ganz einfach deshalb weil die Informationen da waren. Ich bewege mich auch lieber auf der sicheren Seite. Aber ich vermeide nicht die Aussage, dass ich sage: Was wir hier wissen ist das Folgende, und dies ist, dass wir unterhalb der Grenzwerte sind, vielleicht sogar weit unterhalb.
 
Haben Sie Ihre Haltung zur Kernenergie verändert seit dem Gau in Tschernobyl?
 
Ja, also, vorsichtig war ich schon seit Three Mile Island, Harrisburg Jahre vorher. Und Tschernobyl war natürlich nochmal ein weiterer Schub. Wir haben uns dann entschieden, die Reaktoren weiterlaufen zu lassen, weil wir der Überzeugung waren, dass Sie hier ein Höchstmaß an Sicherheit haben. Meine Haltung zur Kerntechnik ist: Ich habe immer die Überzeugung gehabt, dass das eine Übergangstechnik ist. Der Übergang ist früher gekommen als ich es vermutet hatte. Ich hatte mir den Übergang auch noch anders vorgestellt, Beispielsweise habe ich mir die Kernfusion durchaus als eine langfristige erreichbare Möglichkeit vorgestellt. Das gilt auch noch heute.
 
 
Der Gau ist passiert in der Nacht zum Samstag, den 26. April. Die ersten Zeitungsmeldungen der Nachrichtenagentur TAS waren am Montag. Dann am Mittwoch, der 30. April, fällt verseuchter Regen, vor allen Dingen in Süddeutschland. Dann ist der 1. Mai, ein Feiertag. Dann der Freitag, der 2. Mai. Können Sie uns mal schildern, welche Chance gab es eigentlich, sich zu informieren in diesen Tagen? Haben Sie sich eigentlich auch als Minister gut und vollständig informiert gefühlt? Hatten Sie das Gefühl Ihr Informationsbedürfnis ist zu jedem Zeitpunkt gestillt?
 
Nein. Das war sicher nicht der Fall. Das lag ganz einfach darin, das war ein Reaktor, der in einem anderen Land stand. Ein Reaktor, über dessen Problematik wir uns im Klaren waren. Was kann das in unserem Land bedeuten? Das war eine Frage nach den radioaktiven Niederschlägen, nach der Wetterlage, nach den Winden, nach den Wolken, nach den Niederschlägen.
 
Die sowjetische Führung hatte den Unfall zunächst heruntergespielt. Auch in der DDR war kaum Alarm. Was war der Grund dafür? Hat man Angst zuzugeben, auch beim sozialistischen großen Bruder kann was schief gehen?
 
Die DDR lebte im Glauben an die große Sowjetunion und ihre technische Souveränität und Überlegenheit. Wenn dies in einer so eklatanten Weise in Zweifel gezogen, vielleicht sogar widerlegt wird, ist das etwas, was im Sinne eines autoritären Regimes nicht liegen kann.
 
 
 
 
JETZT ONLINE: DEN FILM IN DER ZDF MEDIATHEK ANSEHEN