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„Tschernobyl war natürlich eine Zäsur.“

Ramtun Portrait 
 
JÜRGEN RAMTHUN ARBEITET DAMALS ALS INGENIEUR IM KERNKRAFTWERK GREIFSWALD. WIE REAGIERTE MAN IN DER DDR AUF DEN GAU?
 
 
Teile des Kernkraftwerks Greifswald sind inzwischen ein Museum. Es ist kalt im Betonblock, in dem noch immer tausende Leitungen und Rohre verlegt sind, ein Ort für düstere sci-fi-Filmaufnahmen.
 
 
Wann und wie haben sie von dem Unfall in Tschernobyl erfahren?

 
Erfahren haben wir es erstens aus den Westmedien, was in Greifswald vorwiegend aus Radioempfang bestand. Oder dann, zum Ende der zweiten Woche, über die entsprechende Meldung, die über DDR-Medien verbreitet wurden. Dienstag oder Mittwochfrüh, wo wir mit Kollegen zur Arbeit gefahren sind, haben wir über das Thema gesprochen, weil irgendeiner was gehört hatte. Und es war dann natürlich auch Gespräch im Unternehmen, ganz klar.
 
In den Westdeutschen Medien war relativ schnell die Diskussion darüber entbrannt, was nun zu tun ist, wie man betroffen ist, ob möglicherweise Radioaktivität über Deutschland abregnet? Sind das auch in der DDR Themen gewesen?

 
Also ich glaube schon, dass das einige Menschen bewegt hat, aber es war auf alle Fälle nicht offizieller Tenor der staatlichen Publikationen. Ich weiß, dass ich in der Woche selbst zu meinen Eltern gefahren bin, weil ganz simpel gesagt der Westempfang dort besser war als in Greifswald. Und ich habe mir da dann aus den Nachrichtensendungen, Tagesschau oder heute-Journal, entsprechende Informationen geholt. Aber diese Diskussion, die sehr schnell in den Westmedien und der Öffentlichkeit breiten Raum eingenommen haben, was ist eigentlich zu tun, welche Schutzmaßnahmen sind zu ergreifen, usw. haben wir teilweise als sehr übertrieben angesehen.
 
Wieso?
 
Weil wir der Meinung waren, das auch eine erhöhte Strahlung, in einem bestimmten Rahmen, vernünftig handhabbar ist. Wir haben uns gefreut, das klingt jetzt sicher ein bisschen makaber, wir haben uns gefreut, dass es frisches Gemüse auch im April gibt.
 
Wo kam das her?
 
Das kam aus Westberlin, aus der Bundesrepublik, teilweise auch aus der DDR, aber was eigentlich vorgesehen war für den Export nach Westberlin oder in die BRD, was man da nicht mehr abgenommen hat. Das ist zumindest von den meisten Leuten sehr dankbar angenommen worden, denn um diese Zeit, April, gab es an frischem Gemüse relativ wenig. Wir haben dieses Obst und Gemüse verzehrt und ich habe zwei gesunde Kinder, ich sage das ganz persönlich jetzt, und ich wüsste auch keinen, dem der Verzehr dieses Obst und Gemüse geschadet hat. Die offene Diskussion zu dieser Katastrophe, hat nach meinem Kenntnisstand nie stattgefunden in der DDR.
 
Hätten Sie sich die gewünscht?
 
Jetzt im Nachhinein auf jeden Fall.
 
Was war für Sie das Besondere an dem Reaktor in Tschernobyl im Vergleich zu den Reaktoren, die wir hier in Deutschland stehen haben?
 
Also technisch gesehen behaupte ich nach wie vor, dass dieser Reaktortyp sehr schwer zu fahren ist, allein von seiner Konstruktion her. Und man darf nicht vergessen, dass quasi als Nebenprodukt dort Atomwaffenfähiges Plutonium gewonnen wurde.
 
Können sie mal grundsätzlich erklären, warum dieser Reaktor in Tschernobyl unsicherer war, auf jeden Fall anders war, als Reaktoren die in der BRD und DDR gestanden haben?
 
Die graphit-moderieten Reaktoren haben als Grundbaustein im Reaktor einen Graphitblock. In diesem Graphitblock befinden sich Kanäle, wo die entsprechenden Steuerstäbe eingelassen, eingefahren werden. Graphit ist nicht leicht zu händeln. Es brennt und im Grunde kann dadurch die Kettenreaktion auch weiter frociert werden. Die Druckwasser-Reaktoren, so wie wir sie (in der DDR und der Bundesrepublik; Anm. d. Red.) betrieben haben, oder auch heute noch in Europa betrieben werden, haben Wasser als Moderator und Wasser als Kühlmittel. Das heißt, wenn sie boriertes Wasser in den Reaktorkern fahren, dann kommt die Kettenreaktion definitiv zum Erliegen. Sie müssen dann nur noch die Restzerfallswärme, die sich in den Brennstäben im Kernreaktor befindet, abführen. Aber ein Durchgehen wie in Tschernobyl kann bei einem Druckwasserreaktor nicht passieren.
 
Sie sind Ingenieur. Hat sich ihre Haltung zur Atomkraft geändert durch diesen Unfall?

 
Natürlich beeinflusst das jeden Menschen. Und natürlich auch uns. Also Tschernobyl war natürlich eine Zäsur. Ganz eindeutig. Und die Konsequenz daraus war für uns zu sagen: Wir müssen noch sorgsamer, noch sorgfältiger mit der Technik umgehen, noch mehr Obacht haben.
 
Haben Sie damals eigentlich mitbekommen von Oppositionellen in der DDR, die versucht haben da mehr drüber rauszufinden um das zu publizieren?
 
Zu dem damaligen Zeitpunkt, 1986/1987 noch nicht, nein. Man darf nicht vergessen. Die Katastrophe von Tschernobyl war im offiziellen Sprachgebrauch der DDR, und da stand die DDR natürlich voll und ganz an der Seite des großen Bruders, „es gab keine Katastrophe Tschernobyl!“ Es gab einen Unfall, aber örtlich begrenzt. Ich war 1996 das erste Mal in Tschernobyl, wo ich das vor Ort gesehen habe. Die verlassene Stadt. Also wenn man das sieht, läuft einem schon ein Schauer über den Rücken.
 
Nachdem Tschernobyl passiert ist, wurde hier in Greifswald technisch aufgerüstet?
 
Ja, wir haben eine ganze Reihe von technischen Einrichtungen nach Tschernobyl im sogenannten NSW, also im nichtsozialistischen Währungsgebiet, gekauft, sprich bei Siemens oder bei anderen…
 
…teuer eingekauft…
 
Teuer eingekauft, natürlich. Wir waren eines der Unternehmen, das am meisten harte Devisen verbraucht hat.
 
 
 
 
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