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„WIR SCHAFFEN DAS!“ EIN VERSPRECHEN, DAS EUROPA SPALTET

Titel Wir schaffen das V1
 
 
„WIR SCHAFFEN DAS!“ – AM 31. AUGUST 2015 HÄLT BUNDESKANZLERIN ANGELA MERKEL MIT DIESEM SATZ IHRE KÜRZESTE REDE AN DIE NATION. EIN SATZ, DER BIS HEUTE POLARISIERT, DENN IN DEUTSCHLAND UND EUROPA FRAGEN SICH BÜRGER UND REGIERUNGEN: SCHAFFEN WIR DAS WIRKLICH?
 
 
Es ist der zentrale Satz der Kanzlerschaft von Angela Merkel, CDU. Ein Satz, der Deutschland und Europa spaltet. „Wir schaffen das“ – Merkels Überzeugung, dass Deutschlan die Probleme und Herausforderungen der Flüchtlingskrise meistern kann. Doch wer ist „wir“? Und schaffen wir es wirklich? ZDF-Moderator Wolf-Christian Ulrich trifft Menschen, die darauf einen ganz eigenen Blick haben.
 
Maik Mackewitz, Bürgermeister der Gemeinde Calden bei Kassel. Parteilos. Soldat. Diente auch in Afghanistan. Er weiß, wie es dort aussieht, wo Flüchtlinge herkommen. Heute ist er Bürgermeister einer 3.000-Einwohner-Gemeinde im Norden von Hessen. Plötzlich die Ansage: In 48 Stunden müssen 1.800 Flüchtlinge untergebracht werden.
„Wochenlang Notfall-Modus. Flüchtlinge Feldbett an Feldbett. Keine Privatsphäre, Menschen aus 20 verschiedenen Nationen. Nach einer Massenschlägerei waren wir bundesweit bekannt. 70 Prozent der Arbeitskraft meiner Verwaltung gingen nur auf die Flüchtlingskrise. Aber inzwischen haben wir hier Routine.“

 
Gerald Knaus, ein unabhängiger Politikberater und Gründer der Europäischen Stabilitäts-Initiative, ist im Herbst 2015 tief bewegt von den Dramen, die sich zwischen der türkischen und griechischen Küste in der Ägäis abspielen. Immer wieder ertrinken dort Menschen auf der Flucht. Er sagt: Das muss sich ändern, das sterben muss aufhören. Knaus entwickelt daraufhin den „Merkel-Pakt“, den Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei. Knaus glaubt auch nach dem Putschversuch in der Türkei an diesen Plan.
 
„Aber er muss auch in den Details umgesetzt werden, und daran hapert es gewaltig“, sagt er am Rande einer Konferenz in Athen, bei der sich Bürgermeister der betroffenen Gemeinden fragen „Schaffen wir das“? Knaus: „Nur wenn die Grenzen von Staaten wie Deutschland kontrolliert und gesichert sind, können Sie bei den Deutschen auch die Bereitschaft wecken, Flüchtlinge aufzunehmen.“
 
Eine unkontrollierte Zuwanderung macht vielen Menschen in Deutschland Angst. Es schien, als sei der Staat nicht mehr Herr der Lage. Genau das beschäftigt Udo di Fabio, ehemals Richter am Bundesverfassungsgericht, einer von Deutschlands profiliertesten Staatsrechtlern. Er schrieb für CSU-Parteichef Horst Seehofer ein Rechtsgutachten über die Zuständigkeiten bei der Grenzsicherung.
 
„Die Grenze für Flüchtlinge aus Ungarn zu öffnen war überstürzt. Natürlich hat es einen Kontrollverlust gegeben, wenn Menschen unregistriert und ohne Visum oder Personalkontrolle ins Land kommen. Man muss den Bürgern sagen, wie man sich Vorkehrungen gegen drohende Kontrollverluste vorstellt. Wir können viel mehr schaffen als wir denken, aber ALLES kann niemand schaffen.“
 
Im Herbst 2015 erlebt Deutschland andererseits auch: eine große Welle der Hilfsbereitschaft.
Die junge Hochzeitsfotografin Alea Horst entscheidet sich am Neujahrsmorgen 2016: Ich fliege nach Lesbos und helfe. Zwei Wochen später lässt sie für 10 Tage ihre Familie zurück und fliegt nach Griechenland, um Flüchtlingen zu helfen. Dabei entstehen ergreifende Fotos.
 
„Ich hatte meine Großeltern gefragt, was sie zur Nazi-Zeit gemacht haben,“ sagt sie darüber im Gespräch. „Ich will, dass ich eine Antwort geben kann, wenn meine Kinder mich fragen, was ich während der Flüchtlingskrise gemacht habe.“
 
Der Journalist Hajo Schumacher setzt sich seit Jahren mit Merkels Machtphysik auseinander. Und erklärt, wieso die ansonsten eher kühl kalkulierende Kanzlerin sich plötzlich von Emotionen leiten ließ. Wieso sie in der Nacht vom 4. auf den 5. September, beeindruckt von den dramatischen Bildern in Ungarn, die Grenzen für tausende Flüchtlinge öffnete. Wieso sie bereit ist, ihre Kanzlerschaft ausgerechnet mit dem Erfolg ihrer Flüchtlingspolitik zu verknüpfen.
 
Mit „Wir schaffen das“ startet auch die neue Staffel von „Geschichte treffen! Der Doku-Talk mit Wolf-Christian Ulrich“ auf ZDFinfo.
 
 
HIER ZU ERGÄNZENDEN INTERVIEWS ZUR DOKUMENTATION
 
 
 
EIN FILM VON TIM GORBAUCH UND WOLF-CHRISTIAN ULRICH
 
KAMERA: MIRKO SCHERNICKAU, HENRIK EICHMANN, LUKAS PIECHOWSKI, LEONARD BENDIX, MARVIN SCHNEIDER
TON: MORITZ SPRINGER, TIMO DEICHMANN, MARVIN SCHNEIDER
SCHNITT: HENRIK EICHMANN
GRAFIK: ALEXANDER WEIL
PRODUCER: ELLA HARTUNG
PRODUZENT: TIM GORBAUCH BEWEGTE ZEITEN FILMPRODUKTION
REDAKTION ZDF: SYLVIA FÖRSTER