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Foto: Michael Gottschalk / photothek.net

Foto: Michael Gottschalk / photothek.net

 

ZDF Moderator Wolf-Christian Ulrich trifft Menschen, die Geschichte gemacht haben – und diejenigen, deren Leben sich dadurch auf den Kopf stellte. Wir sind am Ort des Geschehens und versuchen herauszufinden, was hinter den Schlagzeilen steckt und hinter den Kulissen passierte. Denn wenn wir unsere Gegenwart klarer sehen wollen, müssen wir wissen, was bisher geschah.

 

Auf diesen Seiten dokumentieren wir für Sie ergänzendes Material zu unseren Filmen. Denn viele der Geschichten, die wir während unserer Dreharbeiten erfahren, passen schon rein aus Platzgründen nicht in eine 45-Minuten Dokumentation.
 
Wir bieten Ihnen deshalb hier ergänzend zur TV-Dokumentation kurze Video-Ausschnitte und dokumentieren zum Nachlesen ausführliche Transkripte auch solcher Teile unserer Interviews, die es nicht in einen Film geschafft haben. Wolf-Christian Ulrich spricht nicht selten bis zu 90 Minuten lang mit jedem unserer Protagonisten vor der Kamera, manche treffen wir auch über mehrere Tage hinweg. Aus diesem Grund sind auch die Transkripte auf diesen Seiten – der besseren Lesbarkeit wegen – teils deutlich gekürzt und teils auch sprachlich bearbeitet. Wir versuchen außerdem zu zeigen, wie unsere Protagonisten auch über die Filme hinweg miteinander in Verbindung stehen.

 

Wir möchten Sie für Geschichte begeistern. Unsere Dokumentationen leben handwerklich von der bedingungslosen Liebe zum Detail. Optik, Ton, Schnitt, Musik, Grafik, Text: Hochmodernes Fernsehen, state of the art von Bewegte Zeiten Filmproduktion im Auftrag von ZDFinfo in Wiesbaden produziert. Produzent: TIM GORBAUCH.

 
 
 

INTERVIEW

 

THOMAS HAGEDORN spricht mit WOLF-CHRISTIAN ULRICH über das neue ZDFinfo Format „Geschichte treffen“.

 

Was fasziniert Sie daran, „Geschichte zu treffen“ – welche Bedeutung die jeweiligen Ereignisse heute noch haben oder wie Sie die Gegenwart verständlicher machen?

 

Wir treffen diejenigen, die Geschichte gemacht haben und diejenigen, deren Leben sich dadurch auf den Kopf stellte – und zwar möglichst am Ort des Geschehens. Denken Sie an unseren Piloten. Was für ein besonderer Moment, mit Miklos Neméth zu sprechen, 1989 ungarischer Ministerpräsident, der gegenüber Gorbatschow mit unfassbarer coolness durchsetzte, dass der Eiserne Vorhang buchstäblich einfach abgebaut wird. Oder mit Ski-Ass Jeanette Kretzschmann, die als junge Frau die Gelegenheit nutzt, und flüchtet. Dabei hilft ihr ein Grenzoffizier – der doch Tage zuvor noch die Grenze verteidigt hat.

 

Sie alle erinnern uns daran: Die Einheit Deutschlands ist alles andere als selbstverständlich. Sie ist ein großer glücklicher historischer Zufall, ein Geschenk. Grade heute, wenn viele wieder von einem neuen kalten Krieg sprechen: Damals glaubten die Menschen an eine gemeinsame und friedliche Zukunft von Vancouver bis Wladiwostok. Das sollten wir uns alle noch einmal vor Augen halten.

 

Sie zeigen unter anderem die Geschichte vom DDR-Milliardendeal des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Was macht diese Geschichte aus Ihrer Sicht zu einer besonderen?

 

Strauß: Einer der wenigen wirklich streitbaren und streitlustigen Politik-Persönlichkeiten, der vielen Leuten heute immer noch extrem präsent ist. Schillernd. Stellen Sie sich noch einmal die Situation vor. 1983 – für viele das gefährlichste Jahr im kalten Krieg. Große Angst vor einem Atomkrieg, riesen Diskussion um die Pershing 2 Stationierung. Und mitten drin fädelt der Erzfeind des Kommunismus FJS einen Milliardenkredit für die DDR ein. Reist dann privat im Mercedes durch die DDR, trifft Honecker auf dessen Jagdsitz zum netten Foto und verhilft dann einer verzweifelten Frau zur Ausreise. Eine irre Geschichte – die wirklich einiges über den Charakter Strauß erzählt. Und dem wollen wir anhand dieser Episode näher kommen, zum 100. Geburtstag.

 

Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls hatten Sie an der ungarischen Grenze vom letzten Sommer am Eisernen Vorhang berichtet. Nun widmen Sie sich zum Jubiläum „25 Jahre Deutsche Einheit“ den verbotenen Demo-Bildern von Leipzig 1989 und dem Ringen um den 2+4-Vertrag. Sind da unterschiedliche Herangehensweisen notwendig, hier ehemalige Demo-Teilnehmer treffen, dort die Politiker, die damals verhandelt haben?

 

Natürlich ist jeder Gesprächspartner auf seine Art anders. Aber diejenigen, die politisch Verantwortung hatten und diejenigen, die auf die Straße gegangen sind, eint ja im Rückblick eins: Eine tiefe emotionale Bindung zum Geschehen; teils auch Verklärung, teils Verdrängung. Es braucht also gute Vorbereitung – einen wachen, kritischen und offenen Blick und die ehrliche Bereitschaft, sich jedesmal wieder auf die Lebensgeschichte eines Protagonisten einzulassen. Diese Bereitschaft spüren meine Gesprächspartner. Und das macht die Dreharbeiten auch zu einer sehr erfüllenden Arbeit.

 

Was sind denn Kriterien, welche Themen sich darüber hinaus für Ihr Format „Geschichte treffen“ eignen?

 

Ich habe mit log in vier Jahre lang eine interaktive Talkshow moderiert. Mich interessiert jetzt, wie man Talk, Reportage und Dokumentation zusammenbekommt in ein Format. Ich wollte Geschichte auf neue Weise erzählen: Der Moderator trifft Zeitzeugen zum Gespräch und zwar möglichst am Ort des Geschehens. Wir konzentrieren uns auf wenige Protagonisten. So wenig Inszenierung wie nur möglich. In der Haltung: Unaufgeregt, interessiert, empatisch.

 

In dieser Form geht’s um Themen, die uns unsere Zeit heute besser verstehen lassen. Wir haben zum Beispiel sehr emotionale Gespräche geführt mit Leuten, die 1945 aus Ostpreußen und Schlesien flüchten mussten und vertrieben wurden. Die grauenhafte Geschichten erlebt haben. Die 40 Jahre lang darüber geschwiegen haben. Und jetzt – am Ende ihres Lebens – doch noch den Mut finden, mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Ein Thema, das Millionen Familien in Deutschland heute noch im Innern berührt. Meine Generation kann darüber freier und offener sprechen als andere vorher. Eine tolle Chance für unser Format.

 

Und welche Themen und Ereignisse locken Sie nach dieser ersten Staffel zu weiteren Begegnungen mit der Zeitgeschichte?

 

Wir untersuchen innerhalb der ersten Staffel noch die Oppositionellen-Szene im Prenzlauer Berg zu DDR-Zeiten; wir spüren Deutschlands Tekkno-Puls 1990 in einem Film über den Sound der Wende – und wir untersuchen, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass Deutschland 1999 zum ersten mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Krieg zieht. Mit einem spannenden Interview mit Joschka Fischer. Also für die Zukunft machen ich mir keine Sorgen: die Themen gehen uns nicht aus – die Liste ist lang.